Archiv der Kategorie: @“Die Presse“ (paywall)

Quergeschrieben: Mein wöchentlicher Kommentar in „Die Presse“.

Von der Hypermoral über die Hyperparteilichkeit ins Chaos

Extreme Parteilichkeit ebnet den Weg in die Hölle. In den USA gibt es kaum noch Raum für Kompromisse. Sogar medizinische Fragen werden politisiert.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn es wenigstens gelänge, das Politische, das nach Carl Schmitt auf der Unterscheidung zwischen Freund und Feind beruht, so weit einzuhegen, dass daraus keine Gefahr für den inneren Frieden entsteht. Leider sieht es nicht danach aus, am allerwenigsten in den Vereinigten Staaten, der Führungsmacht des demokratischen Westens. Es ist im Gegenteil zu befürchten, dass die seit Langem beklagte, hypermoralisch aufgeladene Hyperparteilichkeit die Konflikte so sehr zuspitzt, dass sie die Züge eines Bürgerkriegs annehmen. John Podesta, der ehemalige Wahlkampfleiter von Hillary Clinton, deutete bereits an, Kalifornien, Oregon und Washington könnten die Union verlassen, sollte Trump die Macht behalten.

Der russisch-amerikanische Historiker Peter Turchin („Ages of Discord: A Structural-Demographic Analysis of American History“) vergleicht das Ausmaß der politischen Polarisierung in den USA mit den 1850er-Jahren, dem Jahrzehnt vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs. Wenn die Politiker sich eine solche Katastrophe nicht mehr vorstellen könnten, hieße das keineswegs, dass man sie ausschließen dürfe. In Amerika existierten heute alle historischen Bedingungen wachsender Instabilität: sinkende Reallöhne und wachsende soziale Ungleichheit; eine astronomische Überschuldung des Staatshaushaltes; ein heftiger Kampf innerhalb der Eliten und Möchtegerneliten um die Posten in Politik, Verwaltung, Universitäten und Medien.

Politik habe sich in eine Schlacht um nicht mehr verhandelbare Positionen verwandelt, schreibt der Harvard-Historiker James Hankins in der „Claremont Review of Books“. Da der Raum für Kompromisse geschwunden sei, müsse „der Feind vernichtet werden“. Es gebe zahlreiche Beispiele in der Geschichte, von Athen und Rom bis Weimar, wie extreme Parteilichkeit in Krieg, Revolution oder Tyrannei mündete. „Hyperpartisans“ könnten nicht verstehen, warum ihre Werte nicht von allen geteilt werden. Sie lebten in Blasen und bestärkten sich gegenseitig in ihrer Weigerung, andere Meinungen zur Kenntnis zu nehmen. Aus ideologischer Verbohrtheit neigten sie zur Gewalt. „Die Menschen schämen sich nie dafür, was sie in Gruppen tun“, zitiert Hankins Voltaire.

Es gibt kaum noch politikfreie Bereiche. Als sich Trump für Hydroxychloroquin in der Behandlung von Covid-19-Patienten aussprach, setzte sofort eine Kampagne gegen das altbewährte und preisgünstige Malariamedikament ein, das sich in der Anfangsphase der Krankheit als sehr wirksam erwiesen hatte. Statt es unvoreingenommen zu testen, kritisierte der Harvard-Epidemiologe Harvey A. Risch in einem Artikel für „Newsweek“ (23. Juli), werde das Für und Wider seiner Verwendung als eine Frage der politischen Identität behandelt. Risch macht den politischen Missbrauch der Wissenschaft für den Tod von „Zehntausenden Covid-19-Patienten“ verantwortlich.

Plötzlich sorgen sich auch Linke um die Meinungsfreiheit

Die revolutionäre „Löschkultur“ stellt die Fundamente unserer Zivilisation infrage. Dagegen setzen sich zum ersten Mal auch linke Intellektuelle zur Wehr.

Konservative Kritik an der stetigen Verengung des Meinungskorridors wird gewöhnlich als lächerlich abgetan. Allein, dass sie geäußert werde, lautet der grenzwertige Einwand, beweise ja, dass Meinungsfreiheit herrsche. Zum ersten Mal kommt nun aber die gleiche Kritik von links. Getreu berichteten fast alle Zeitungen über den offenen Brief von mehr als 150 amerikanischen und europäischen Intellektuellen, die eine „Atmosphäre der Zensur“ und der „Intoleranz gegenüber Andersdenkenden“ beklagen.

Zwar fehlt in dem Brief nicht die obligatorische Verdammung Donald Trumps und der „Kräfte des Illiberalismus“, dann aber geht es zur Sache: „Während wir dies von der radikalen Rechten nicht anders erwarten, breitet sich auch in unserer Kultur zunehmend eine Atmosphäre der Zensur aus: Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, öffentliche Anprangerung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen.“

Spannender als der Inhalt ist die Liste der Unterzeichner. Auf der finden sich zwar auch einige Konservative, aber die meisten Intellektuellen, unter ihnen Margaret Atwood, Ian Buruma und Michael Ignatieff, repräsentieren den globalen „liberalen“ Mainstream. Was bringt sie plötzlich dazu, die Biedermeierlichkeit ihres eigenen Milieus anzuprangern?

Wie konnte es geschehen, dass sich David Frum, einst Ghostwriter für George W. Bush, und der radikal Linke Noam Chomsky gemeinsam an die Öffentlichkeit wenden? Die Antwort gab Geheimrat Goethe im Zauberlehrling: „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“

Auf den Hochschulen bekommen jetzt nicht nur die wenigen konservativen, sondern auch etliche linksliberale Professoren den Furor der „Quackademics“ und der linksextremen Banden zu spüren. Es geht nicht nur um ein paar Denkmäler, die westliche Zivilisation als solche ist die Zielscheibe einer barbarischen „Löschkultur“.

https://www.diepresse.com/5839460/plotzlich-sorgen-sich-auch-linke-um-die-meinungsfreiheit

Benedikt XVI. in der Heimat, die von ihm nichts mehr wissen will

Um Abschied von seinem Bruder Georg zu nehmen, reiste Joseph Ratzinger nach Regensburg. Das katholische Bayern seiner Jugend gibt es längst nicht mehr.

„Wir sind Papst“, lautete die prägnante Schlagzeile der „Bild-Zeitung“ am Tag nach der Papstwahl vom 19. April 2005. „Wir wollen nicht mehr Papst sein“, korrigierte die „Süddeutsche Zeitung“ vier Jahre später. In seiner Heimat ist der Papa emeritus alles andere als populär. Im deutschen Katholizismus setzt sich gegen seinen Widerstand eine Wende durch, die einer zweiten Reformation ähnelt. Dreimal kam Benedikt XVI. nach Deutschland. Von Mal zu Mal wurde das Klima frostiger, der Protest heftiger. Über den Besuch des Emeritus bei seinem sterbenden Bruder, Georg, in Regensburg berichteten die italienischen Medien in diesen Tagen emphatischer als die deutschen.

Als Joseph Ratzinger 1977 zum Erzbischof von München ernannt wurde, gab es in der Stadt noch mehr als 60 Prozent Katholiken. Jetzt sind es nur noch 30 Prozent. Der Anteil der Evangelischen verringerte sich seither von knapp 20 auf elf Prozent. Nahezu 60 Prozent der Münchner bekennen sich zu keiner Religionsgemeinschaft mehr. Die „apertura“ zur Welt, die der gegenwärtige Erzbischof, Reinhard Marx, mit so großer Inbrunst betreibt, hält die Gläubigen nicht nur nicht in den Kirchen, sie vertreibt sie aus ihnen. Wer braucht auch schon eine entkernte katholische Kirche light als humanistischen Weltanschauungs-, Weltbelehrungs- und Weltverbesserungsverein.

Um Benedikt XVI. rankt sich die Legende vom progressiven Theologen des II. Vatikanischen Konzils (1962–1965), der sich im Laufe der Jahre in einen bockigen Reaktionär verwandelt habe. „Klar war ich progressiv“, sagte er seinem Biografen Peter Seewald. „Damals war progressiv aber noch nicht, dass man aus dem Glauben ausbricht, sondern dass man ihn besser verstehen lernt und ihn richtiger, von den Ursprüngen her, lebt.“ („Benedikt XVI.: Ein Leben“, 2020)

Joseph Ratzinger ist sich treu geblieben. Für die Kirche lässt sich das nicht sagen. Er musste erleben, dass er ihren Niedergang in Europa weder aufhalten noch verlangsamen konnte. Das Konzil, sagte er, habe die Absicht gehabt, das „heilige Depositum der christlichen Lehre“ im Blick auf die Gegenwart zu bewahren und zu lehren. Die theologische Leistung, dieses Depositum gesichert und weitergegeben zu haben, überragt jene der Päpste des 20. Jahrhunderts ebenso wie die seines Nachfolgers Franziskus.

https://www.diepresse.com/5829856/benedikt-xvi-in-der-heimat-die-von-ihm-nichts-mehr-wissen-will

 

 

Krummes Holz, krumme Linien und der neueste Denkmalsturm

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ (George Orwell, „1984“)

Denkmäler bilden reale Menschen ab, die auch Schwächen hatten und von den Urteilen und Vorurteilen ihrer Zeit geprägt waren. Nicht nur Plato, Aristoteles, Washington und Jefferson lebten von Sklavenarbeit, sondern auch eine Unzahl von arabischen und afrikanischen Menschenhändlern. Die Geschichte lässt sich nicht in Schwarz-Weiß darstellen. „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden“, sagte Kant, der übrigens auch schon unter Rassismus-Verdacht steht. Paul Claudel fand Trost in dem Glauben, dass Gott auf krummen Linien gerade schreibt.

Daran sollte man denken, wenn sich der antirassistische Mob zum klammheimlichen Gaudium der rassistischen Neonazis an Churchill-Statuen vergeht. Auf der immer länger werdenden Liste der kulturrevolutionären Denkmalstürmer stehen jetzt schon Columbus und Newton. Die Judenhasser Shakespeare (Shylock!), Luther, Bach, Marx und Wagner sind vorläufig noch sicher, weil die antirassistischen Entkolonialisierer sowieso auch gegen Israel und das internationale Finanzkapital sind. Das Drehbuch für den Film „Vom Winde verweht“, den HBO im antirassistischen Vorausgehorsam aus dem Angebot strich, stammte übrigens von Ben Hecht, dessen jüdische Eltern aus Minsk kamen und der mit dem Zionismus sympathisierte.

Die Parole der Partei in Orwells „1984“ lautete: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ In der chinesischen Kulturrevolution kämpften die roten Garden gegen „alte Ideen, alte Sitten, alte Gewohnheiten und alte Kultur“. Das war Umerziehung, wie sie Orwell in „1984“ schilderte: „Wir vernichten unsere Feinde nicht bloß, wir verändern sie.“ Orwell warnte eindringlich davor, durch die Zerstörung der Tradition dem Totalitarismus den Boden zu bereiten.

So absurd der Denkmalsturm erscheinen mag, er dürfte wohl nur Leute überraschen, die die vergangenen 50 Jahre verschlafen haben. Die Kulturrevolution, die im Westen in den späten 1960er-Jahren begann, ist so weit fortgeschritten, dass naturgegebene Unterschiede zwischen Menschen überhaupt geleugnet werden und dass sogar die Existenz von zwei Geschlechtern bestritten wird. Als sich die engagierte Feministin und Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling über das Neusprech „Menschen, die menstruieren“ lustig machte, brach ein Sturm der Empörung los.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir fällt es schwer, mich in diesem Wahnsinn noch besonders über die Beschädigung oder Zerstörung von Denkmälern aufzuregen.

Warum werden die Gefahren, die von Peking ausgehen, verschwiegen?

Der Kapitalismus wird auch in China nicht automatisch zu Demokratie und Rechtsstaat führen. Aber es ist sehr einträglich, diese Illusion zu verbreiten.

Dank der staatskapitalistischen Wende und der Öffnung zum Weltmarkt verfügt die KPCh über wirtschaftliche, technologische und militärische Ressourcen, von denen Lenin, Stalin und Mao nicht einmal träumen konnten. Seit Xi Jinping 2012 die Führung übernahm, wurde die Freiheit noch mehr eingeschränkt. Die KPCh kontrolliert Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur nahezu total und auf allen Ebenen. Ihre Spitzel sind allgegenwärtig. Erstaunlich, dass von der kommunistischen Partei so selten die Rede ist, wenn über China gesprochen wird. Die privaten Unternehmen sind in China etwa so „frei“ wie die deutschen im Nationalsozialismus. Mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet Peking an einer neuen Weltordnung unter chinesischen Vorzeichen. Dazu, so Xi, verpflichte die „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“.

Die Blindheit gegenüber dem kommunistischen Regime ist hauptsächlich darin begründet, dass es einträglich ist, die Gefahr zu ignorieren. Ausländische Unternehmen sind auf den chinesischen Markt angewiesen, und Xi zieht daraus politischen Nutzen. Clive Hamilton und Mareike Ohlberg führen in ihrem Buch „Die lautlose Eroberung: Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet“ (DVA, München 2020) eine Fülle von Beispielen gelungener Infiltration an.

Eingangs zitieren die Autoren Upton Sinclair: „Es ist schwer, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht.“ Auf der langen Payroll der China-Versteher finden sich, quer durch die politischen Lager und Parteien, sehr illustre Namen: Henry Kissinger etwa, die Familien Bush, Clinton, Trump und Biden, Tony Blair, Peter Mandelson, Boris Johnson, Jacques Attali, Gerhard Schröder, Rudolf Scharping. In Österreich betreibt Christian Kern Lobbyismus für China. Besonders erfolgreich waren die chinesischen Kommunisten in Italien, Belgien und dem UK. In dem bisher wichtigsten politischen Buch dieses Jahres analysieren Hamilton und Ohlberg die Vielzahl der Methoden, die sie anwenden, um das westliche Establishment zu gewinnen oder wenigstens zu neutralisieren.

https://www.diepresse.com/5821493/warum-werden-die-gefahren-die-von-peking-ausgehen-verschwiegen

Schweden hat viel falsch gemacht, aber manches auch besser

Es war ein Fehler, viele Tote in Kauf zu nehmen, um die Bevölkerung gegen das Coronavirus zu immunisieren. Richtig war es, den Bürgern zu vertrauen.

Es geht nicht gut aus, wenn man ganze Länder über Monate in ein künstliches Wachkoma versetzt. Die Alternative zu generellen Ausgeh- und Versammlungsverboten und zur Schließung von Geschäften, Gaststätten und Betrieben sind Maßnahmen, die den unterschiedlichen lokalen und regionalen Bedingungen entsprechen. Taiwan und andere asiatische Länder haben gezeigt, wie sich ein Lockdown vermeiden lässt: mit breitflächigen Tests, mit der Isolierung der Infizierten und ihrer Kontaktpersonen, mit digitalem Contact Tracing, mit der Gewöhnung, Gesichts- und Nasenschutzmasken anzulegen, wo dies nötig ist. Solche Maßnahmen würgen das gesellschaftliche Leben nicht ab. Im Gegenteil, sie erlauben es der großen Mehrheit der Bevölkerung, ihrer Arbeit nachzugehen, ohne angesteckt zu werden.

Im Bestreben, möglichst rasch die Herdenimmunität herzustellen, hat Schweden den Tod vieler Menschen in Kauf genommen. Das war strategisch falsch und lässt sich moralisch nicht rechtfertigen. Daraus ergibt sich aber keineswegs, dass es zum Lockdown keine Alternative gibt. Mit dem Virus werden wir noch lange leben müssen. Die verantwortliche Selbstbestimmung dürfen wir uns von ihm nicht nehmen lassen.

https://www.diepresse.com/5818685/schweden-hat-viel-falsch-gemacht-aber-manches-auch-besser

Orwell über die öffentliche Meinung und die Macht der Schweine

Vor 75 Jahren erschien George Orwells literarisches Märchen „Die Farm der Tiere“. In einem Essay ging er auf die Seuche der politischen Korrektheit ein.

In einem erstmals 1972 veröffentlichten Essay über „Die Pressefreiheit“, der in der deutschen Ausgabe der „Farm der Tiere“ (übersetzt von Michael Walter, Diogenes-Verlag) enthalten ist, beschäftigte sich Orwell mit den beiden Formen der Zensur, der offiziellen, die von Regierungen und Behörden ausgeübt wird, und jener der „öffentlichen Meinung“. Zu jeder Zeit, schrieb er, gebe es „ein Meinungssystem, von dem angenommen wird, dass es alle rechtdenkenden Leute ohne zu fragen akzeptieren werden. Es ist nicht eben verboten, dies oder jenes zu sagen, aber es ist ,unschicklich‘, es zu sagen (. . .). Jeder, der die herrschende Orthodoxie anzweifelt, sieht sich mit verblüffender Wirksamkeit zum Schweigen gebracht. Eine wirklich unzeitgemäße Meinung bekommt fast nie eine faire Anhörung, weder in der Volkspresse noch in den Intellektuellenmagazinen.“

Ein besonders krasser Fall sei die Art, wie die britische Presse über den serbischen Tschetnik-Führer Mihailović berichtet habe, den Moskau der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt hatte: „Die britische Presse griff diese Anschuldigung prompt auf: Mihailovićs Anhänger bekamen keine Gelegenheit, darauf zu reagieren, und widersprüchliche Fakten gelangten nicht zum Druck.“

George Orwell gehörte zu der raren Spezies der antitotalitären Intellektuellen. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte er an der Seite der Trotzkisten, was ihn nicht daran hindern sollte, sie als doktrinäre Marxisten zu denunzieren. Der Zusammenbruch des Patriotismus und des religiösen Glaubens habe die schlimmsten Torheiten möglich gemacht, schrieb er in dem Essay „Über Nationalismus“, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt (dtv).

In unserer freien Republik gibt es natürlich keine Zensur, weder offiziell noch inoffiziell. Unzeitgemäße Meinungen werden fair behandelt und diskutiert. Und die Schweine grunzen freundlich über ihren Trögen.

https://www.diepresse.com/5815915/orwell-uber-die-offentliche-meinung-und-die-macht-der-schweine

Die wundersame Bekehrung: Wie sich Silvia in Aisha verwandelte

Die junge Mailänderin Silvia Romano konvertierte in einem Gefängnis der Al Shabaab zum Islam. Die 18 Monate ihrer Geiselhaft schildert sie wie einen Abenteuerurlaub.

Im August 2008 wurde die kanadische Journalistin Amanda Lindhout in Somalia von islamistischen Terroristen entführt. Nach 460 Tagen Geiselhaft wurde sie gegen Lösegeld freigelassen. Sie war unterernährt und in einem so schlechten Gesundheitszustand, dass sie zwei Wochen lang in einem Spital behandelt werden musste, bevor sie nach Kanada zurückkehren konnte. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie in dem Bestseller „A House in the Sky“ (2013). Dieses „Haus im Himmel“ war das Gefängnis, in dem sie ihre Wächter wiederholt folterten und vergewaltigten. Um sich zu schützen, gab sie vor, sich zum Islam zu bekennen.

Ganz anders hört sich an, was Silvia Romano nach ihrer Ankunft in Rom erzählte. Die Mitarbeiterin der NGO Africa Milele war eineinhalb Jahre in der Gewalt der islamistischen Terrororganisation Al Shabaab gewesen. Aber was sie erzählt, nimmt sich aus wie die Schilderung eines etwas härteren Belastungstrainings für Spitzenmanager. Ihre Bewacher müssen wahre Gentlemen gewesen sein.

Die Wächter hätten versprochen, sie gut zu behandeln. Sie hätten sie weder gefoltert, noch vergewaltigt noch sonst wie belästigt. Sie habe ein Zimmer für sich gehabt, man habe ihr sogar erlaubt, ein Tagebuch zu führen, das ihr erst kurz vor der Befreiung abgenommen worden sei. Immer wieder habe sie die Stimme des Muezzins gehört, der die Gläubigen zum Gebet rief. „Ich las den Koran und ich betete. Ich habe lange nachgedacht und am Ende eine Entscheidung getroffen.“ Sie sei zu nichts gezwungen worden.

Silvia nennt sich seither Aisha, nach der jüngsten der neun Ehefrauen Mohammeds. Als sie am Sonntag in Rom ankam, trug sie einen grünen Überwurf, der Kopf und Körper verhüllte, trug Handschuhe und eine Anti-Virus-Maske. „Wenn sie so glücklich war und konvertiert ist, warum habt ihr sie befreit“, fragte die Sängerin Ornella Vanoni stellvertretend für viele Italiener. Für ein paar Millionen Euro an die Terroristen habe Italien eine Ikone des Multikulturalismus importiert, ätzte Alessandro Sallusti, der Chefredakteur der Tageszeitung „Il Giornale“.

Italienische Medien vermuten, dass zwei bis drei Millionen Euro Lösegeld bezahlt wurden. Wenn Lösegeld gezahlt wird, spornt das die Terroristen zu weiteren Geiselnahmen an. NGO-Aktivisten sind besonders leichte Opfer.

Die Terrormiliz Al Shabaab („Jugend“) jubelt mit Recht über ihren Sieg. Nicht nur, dass es ihr wieder einmal gelang, ihre Kriegskasse mit Geld aus westlichen Quellen aufzufüllen. Der Übertritt der jungen Italienerin zum Islam ist auch noch ein propagandistischer Erfolg ersten Ranges. Dank der Erzählungen der Konvertitin Aisha erhielt der islamistische Terror zum ersten Mal ein „menschliches Antlitz“. Seht doch, wie glücklich die junge Muslimin ist!

Im Sudan wird der Abfall vom Islam gemäß der Scharia mit dem Tode bestraft. In Italien herrscht Religionsfreiheit. Nichts hindert Silvia Romano daran, sich zur „Religion des Friedens“ ihrer Entführer zu bekennen. Man muss nicht erst das berüchtigte Stockholm-Syndrom bemühen. Das Wunder, das sie zu Allah gebracht hat, vollzog sich vor dem Hintergrund eines entgleisten, entgrenzten und entchristlichten humanistischen Relativismus, der überall im Westen dominiert und sich irrtümlich für aufgeklärt hält.

https://www.diepresse.com/5812678/die-wundersame-bekehrung-wie-sich-silvia-in-aisha-verwandelte

In der Covid-Phase 2 gilt erst recht: Weniger Staat, mehr privat!

Statt den wirtschaftlichen Stillstand zu subventionieren, sollte man die Unternehmen in Sicherheitsfragen beraten und endlich mehr Subsidiarität wagen.

Im Nachhinein ist man oft schlauer, aber nicht immer. Den Klimasekten-Slogan „Unite Behind the Science“ wird es wohl weiterhin geben. Aber mit der Science ist das so eine Sache. Da gibt es Wissenschaftler, die Covid-19 für etwa so gefährlich halten wie einen Fußpilz; andere prognostizieren mehr Seuchentote als bei Cholera und Beulenpest. Einige Experten halten Masken für überflüssig, andere für unverzichtbar, und dann gab es welche, die sagten einmal so und dann das Gegenteil. Die einen empfehlen, viel an die frische Luft zu gehen, die anderen rufen dazu auf, die eigenen vier Wände nur zu verlassen, wenn es gar nicht anders geht. Wer das schwedische Modell in Betracht zieht, wird von den einen an den Pranger gestellt, wer auf die hohe Zahl an Todesopfern verweist, gilt den anderen als Panikmacher. Die Kontroversen, mit denen Virologen und Epidemiologen in diesen Wochen aufwarteten, hatten es in sich. Karl Popper war ein kluger Mann. Empirisch-wissenschaftlich, sagte er, gibt es keine absolute Wahrheit.

Die Geschichte der Pandemie ist hier wie überall in der EU die Geschichte eines eklatanten Staatsversagens. Es gab weder Schutzkleidung noch Tests noch Krisenpläne. Statt sich an Taiwan oder Hongkong zu orientieren, wo die Seuche ohne Lockdown rasch und effektiv bekämpft wurde, imitierten die in Panik geratenen Regierungen das totalitäre rotchinesische Modell. Da sie auf die Seuche nicht gefasst waren, hatten sie zunächst auch keine andere Wahl.

Mittlerweile sieht man, dass sich das Virus nicht einfach so lang verbreitet, bis Herdenimmunität gegeben ist. Isaac Ben-Israel von der Universität Tel Aviv hat gezeigt, dass das exponentielle Wachstum den Höhepunkt am Ende der vierten Woche erreicht. Danach geht die Zahl der Infektionen zurück, und zwar unabhängig von den ergriffenen Maßnahmen. Insgesamt dauert so eine Welle rund 70 Tage.

Um die Zahl der Opfer gering zu halten, gibt es bewährte Mittel. An erster Stelle steht die Isolierung der Infizierten und ihrer Kontaktpersonen, dann die strikte Überwachung der Grenzen. Die Schließung der Schulen gehört dazu und die Maskenpflicht, die schon während der Spanischen Grippe erprobt wurde. Am wichtigsten aber ist die Aufklärung der Bevölkerung. Wer weiß, wie hoch das Risiko ist, hält von selbst Abstand und muss nicht erst von der Polizei dazu gezwungen werden. Freie Bürger werden sich künftig ganz sicher nicht mit einem Leben „am Rande des demokratischen Modells“ abfinden, wie es eine Kanzlerberaterin gern hätte.

In unserem Unternehmen befolgten wir schon vor den staatlichen Regelungen sinnvolle Schutzmaßnahmen“, erzählt eine deutsche Unternehmerin. Sie schlägt vor, in die Beratung der Unternehmen bei der Einführung eines Sicherheitskonzepts zu investieren, statt den wirtschaftlichen Stillstand zu subventionieren. Spätestens jetzt, in der Phase 2, sollten die lokalen Körperschaften gemeinsam mit den Bürgern entscheiden, welche Maßnahmen nach den jeweiligen Bedingungen zur Bekämpfung der Seuche nötig sind.

https://www.diepresse.com/5809548/in-der-covid-phase-2-gilt-erst-recht-weniger-staat-mehr-privat

Stadtluft macht frei? Dieses Vorurteil wird gerade widerlegt

So idiotisch, wie Karl Marx glaubte, ist das Landleben nicht. Im Alltag der jetzigen Pandemie lösen sich alte Missverständnisse über Stadt und Land allmählich auf.

Von Gilbert K. Chesterton stammt ein starker Einwand gegen das marxistische Stereotyp. Nicht das Land, sondern die Stadt begünstige den Idiotismus, sagte er, denn dort bewege man sich in Kreisen, denen man sich aus freien Stücken angeschlossen habe, weil sie die eigenen Vorlieben, Meinungen und Vorurteile teilten und bestärkten. Auf dem dünn besiedelten Land hingegen könne man sich diesen Luxus nicht leisten, man müsse sich auf Gesprächspartner einlassen, die konträre Meinungen vertraten. Das beuge vorzeitiger Verblödung vor.

Heute ist das natürlich anders. Adornos pädagogische Kolonnen würden sich wundern. Im Waldviertel würden sie auf kommunistische Schriftsteller treffen, auf sozialdemokratische Journalisten und atheistische Philosophen, im Burgenland auf anarchistische Musiker und Maler, in der Südsteiermark auf anthroposophische Kulturmanager und Ausstellungskuratoren. Von Winzern in Langenlois und Gamlitz würden sie dieselben Meinungen zu hören bekommen, die ihnen von Gesprächen in den Wiener Kaffeehäusern und anderen Hotspots der Bobosphäre vertraut wären. Der postmarxistischen Kulturrevolution ist es seit Adorno gelungen, die Gegensätze zwischen Stadt und Land gründlich zu verwischen.

Es ist keine Rede mehr davon, dass die Stadtluft frei mache. Die ehemaligen Yuppies (Young Urban Professionals) genießen ihren Ruhestand am Lande. Junge Paare mit Kindern, gutem Einkommen und dem großen Privileg, zu Hause arbeiten zu können, sind ihnen gefolgt. Früher einmal galt die Verdichtung der innerstädtischen Verbauung als dringend gebotene Alternative zur ästhetisch beklagenswerten „Zersiedelung“ des Landes.

Jetzt jedoch, unter dem Einfluss eines chinesischen Virus, das den Alltag revolutioniert, entdeckt man die Vorzüge des Wohnens in Häusern, die im respektvollen Abstand zu den Nachbarhäusern errichtet wurden. Auf dem Land hat es freundliche soziale Distanz schon immer gegeben.

Fast jede Familie hat dort ein Auto, es gibt genügend Parkplätze, und die Gefahr, am Freitag von Ökofaschisten im Kindesalter angepöbelt zu werden, ist ziemlich gering. Landluft macht frei, und sie ist gesünder als die Stadtluft, deren Feinstaubbelastung ungeachtet des wochenlangen Rückgangs des Verkehrsaufkommens nur unwesentlich abgenommen hat.

https://www.diepresse.com/5806716/stadtluft-macht-frei-dieses-vorurteil-wird-gerade-widerlegt