Bleiburg, Viktring und der Terror der roten Partisanen

Um Stalin und Tito zu beschwichtigen, lieferten die Briten im Mai 1945 Hunderttausende Flüchtlinge den Kommunisten aus.

Am 7. Mai 1945 traf das 25.000 Mann starke 5. Korps der 8. Britischen Armee aus Italien in Österreich ein und fand dort eine besonders schwierige Situation vor. Über Slowenien, Friaul und die Bergpässe zogen in mehr als zwanzig Kilometer langen Kolonnen deutsche Soldaten sowie bewaffnete antikommunistische Formationen und Zivilisten unterschiedlicher Nationalität, die dem Terror der kommunistischen Partisanen zu entkommen versuchten. Die Briten registrierten 200.000 Kroaten und Bosniaken, 13.000 Slowenen, einige Tausend serbische und montenegrinische Antikommunisten. Dazu kamen 45 000 Kosaken, 10 000 Ukrainer der ehemaligen Waffen-SS-Panzergrenadierdivision Galizien und das vorwiegend aus Emigranten bestehende Russische Schutzkorps aus Serbien (4500 Mann), das sich nach dem russischen Bürgerkrieg in Jugoslawien formiert hatte. Weder über die Zahl der Flüchtlinge, denen es gelang, die Alpenpässe nach Kärnten zu überqueren, noch über jene derer, die von den Partisanen in Slowenien abgefangen und sofort liquidiert wurden, gibt es zuverlässige Angaben. Das 5. Korps war kampferprobt, hatte aber keine Erfahrungen mit humanitären Einsätzen. Seine Offiziere waren auch nicht darauf gefasst, dass die Partisanen ihre Gegner im jugoslawischen Bürgerkrieg bis auf die Kärntner Talböden und Bergwiesen verfolgen und im gemischtsprachigen Süden des Landes revolutionäre „Volksbefreiungskomitees“ einsetzen würden.

Zwar hatte die britische Armee den Auftrag, Osttirol, Kärnten und die Steiermark in den österreichischen Grenzen von 1937 zu besetzen, aber die Rote Armee hatte von Wien aus vorrückend bereits die Steiermark besetzt und die ihr untergeordneten bulgarischen Truppen hatten den Südosten Kärntens erreicht. Tito weigerte sich, den Beschluss der Alliierten vom Oktober 1943 anzuerkennen, der die Wiederherstellung Österreichs in den Grenzen von 1937 vorsah, und forderte den Anschluss ganz Kärntens an ein „Groß-Jugoslawien“.  Seine Partisanen zogen in Klagenfurt ein, um der Forderung Nachdruck zu verleihen. Von Istrien über Triest, Görz und das Isonzotal bis Kärnten bedrohten sie die Pläne der Westalliierten. Plötzlich waren aus Verbündeten Gegner in einem Kalten Krieg geworden, der in einen heißen Krieg umzuschlagen drohte. In Kärnten drohte sich ein Szenarium zu wiederholen, das im Nordosten Italiens – in Julisch-Venetien –  eine bewaffnete Konfrontation zwischen den Briten und der jugoslawischen Armee befürchten ließ.  Als die alliierten Truppen am 2. Mai in Triest eintrafen, war die Stadt bereits in der Hand der Partisanen. In den vierzig Tagen bis zu ihrem erzwungenen Rückzug liquidierten sie 3000 tatsächliche oder potentielle Gegner und verschleppten 1700.  „Wenn wir Tito in Triest gewähren lassen, wird er Anspruch auf Südösterreich erheben, wo seine Truppen vormarschieren, und es würde den Kommunisten in den makedonischen Provinzen Griechenlands helfen, gegen Athen zu rebellieren“, warnte der britische Botschafter in Belgrad, Ralph Stevenson. Nichts weniger als der „künftige Frieden in Südosteuropa“ stehe auf dem Spiel. Im Mai 1945 bedauerte Churchill die fatale Entscheidung, im jugoslawischen Bürgerkrieg die falsche Seite unterstützt zu haben.

Harold Macmillan, der ständige Vertreter der britischen Regierung bei den Streitkräften in Caserta und spätere britische Premier (1957-1963), besprach die Lage am 13. Mai in Klagenfurt mit Generalleutnant Charles Keightley, dem Kommandanten des 5. Korps. Gerade war das XV. Kosaken-Kavallerie-Korps eingetroffen, und die Zahl der geflüchteten Slowenen und Kroaten nahm immer noch zu. Stalin drängte auf die Repatriierung der Kosaken, Tito auf die der Jugoslawen. In Klagenfurt war man sich darin einig, die Kosaken so rasch wie möglich auszuliefern, die – so Keightley  – „sichtlich ein Stein des Anstoßes zwischen uns und den Sowjets sind.“  Am 16. Mai wandte sich die britische Militärmission in Belgrad dann an Tito: „Der Kommandant der alliierten Truppen in Österreich berichtet, dass annähernd 200.000 jugoslawische Staatsbürger, die in den deutschen Streitkräften gedient haben, sich ihm ergeben hätten. Wir würden diese gerne unverzüglich an Marschall Titos Streitkräfte übergeben.“

Die Briten wollten Stalin und Tito beschwichtigen, um einen militärischen Konflikt zu vermeiden. Falls es doch dazu kommen sollte, wollten sie ihren Truppen in der Kampfzone freie Hand geben.  Sie betrachteten die Flüchtlinge aber auch als ein Pfand, das in den Verhandlungen eingesetzt werden konnte, um den Abzug der Partisanen zu erreichen. Der Kärntner Historiker Florian Thomas Rulitz zitiert in seiner detaillierten Untersuchung (Die Tragödie von Bleiburg und Viktring. Partisanengewalt am Beispiel der antikommunistischen Flüchtlinge im Mai 1945, Klagenfurt 2013) aus dem Kriegstagebuch des 5. Korps vom 19. Mai eine Vereinbarung, die die Räumung Kärntens durch die jugoslawische Armee bis 21. Mai vorsah. Darin verpflichteten sich die Briten, alle jugoslawischen Staatsbürger, die „für Deutschland gekämpft“ hatten, samt ihren Angehörigen an Jugoslawien auszuliefern. Aus der Sicht der Briten war das ein vertretbarer Kompromiss. Den tatsächlichen Grund für den jugoslawischen Rückzug kannten sie nicht. Stalin lag nichts daran, sich von Tito wegen einer Gegend, die für ihn zweitrangig war, in eine Konfrontation mit Truman und Churchill treiben zu lassen und die Potsdamer Konferenz zu gefährden. In der „unverbrüchlichen Freundschaft“ zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien war dies der erste tiefe Riss. Stalins Misstrauen gegenüber Titos Alleingängen führte drei Jahre später zum Bruch zwischen Moskau und Belgrad.

Die Grenze zwischen militärischer Ordnung und blankem Terror verlief in Unterkärnten entlang der Drau. Im Norden stand die britische, im Süden die jugoslawische Armee.  Es war ein harter, schneereicher Winter gewesen und der Fluss führte Hochwasser. Die Brücken waren besetzt. Auf dem Bleiburger Feld waren kroatische Soldaten und Zivilflüchtlinge von der jugoslawischen Armee eingekreist.  Die Briten drohten den Kroaten mit Waffengewalt, sollten sie sich ihren Stellungen nähern. Mit dieser Abweisung nahm die Tragödie ihren Lauf. Als sich die Kroaten weigerten, vor den Partisanen die Waffen zu strecken, eröffneten diese das Feuer. Der Beschuss dauerte etwa eine Viertelstunde. Der Kroate Tito setzte serbische Partisanen ein, von denen er sicher sein konnte, dass sie die Kroaten hassten. Quer durch das Bleiburger Feld verläuft die österreichisch-jugoslawische Grenze. In Todesmärschen trieben die Partisanen die Gefangenen entlang der Drau nach Marburg (Maribor). Der Exil-Kroate John Prcela sammelte die Aussagen von Augenzeugen (Operation Slaughterhouse, Chicago 1961). Einer berichtete: „Die Roten begannen, Menschen zu töten, wann immer es ihnen in den Sinn kam. Anfangs holten sie einzelne Personen aus der Kolonne und töteten sie im Gebüsch. Später schossen sie direkt und vollkommen wahllos in die Kolonne.“ In Slowenien wurden bisher 600 Massengräber entdeckt, in denen Zehntausende Opfer verscharrt wurden. Weitere 900 Massengräber werden in Kroatien vermutet. Im Mai und Juni 1945 ließ Tito jugoslawische Staatsbürger in einem Ausmaß liquidieren, das den unterschiedlichen Schätzungen nach in etwa der Bevölkerungszahl einer jener mittelgroßen Städte entsprochen haben könnte, die  das kulturelle Antlitz der Region zwischen Alpen und Adria prägten: Klagenfurt und Graz, Zagreb und Laibach, Görz und Triest.

Nach den Kroaten wurden die slowenischen Domobranzen und die serbischen und montenegrinischen Antikommunisten aus dem Lager Viktring bei Klagenfurt ausgeliefert. In einem Interview mit Rulitz sagte  der Slowene Tine Velikonja, die Briten hätten ihnen versprochen, sie nach Italien zu bringen, „ins italienische Friaul, nach Palmanova.“ Die ersten Deportierten hätten sich noch singend auf die britischen Militärlastwagen verladen lassen. Am Bahnhof Rosenbach, auf österreichischem Gebiet, wurden sie von Partisanen übernommen und in Waggons gepfercht. Als Ende Mai auch noch die slowenischen Zivilisten deportiert werden sollten, widersetzte sich der kanadische Major Paul Barre, der das Zivillager in Viktring leitete, und er hatte Erfolg. Mit Tränen in den Augen verabschiedete er sich am 18. Juni von den letzten Slowenen, die das Lager verließen und keine Angst mehr haben mussten, an die Partisanen ausgeliefert zu werden. Viele Briten, die an den Zwangsrepatriierungen beteiligt waren, plagte die Erinnerung daran ihr Leben lang.  Unter ihnen Captain Nicolson, der 1945 als Nachrichtenoffizier in Klagenfurt Dienst tat. Die Deportationen seien „im Wissen um ihre wahrscheinlichen Konsequenzen“ begangen worden, um „Stalin und Tito zu beschwichtigen“, schrieb Nicolson am 22. April 1989 im britischen „Independent“: „Es war eine der schändlichsten Operationen, die britischen Soldaten jemals befohlen wurden.“

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