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Über Karl-Peter Schwarz

Journalist

Stadtluft macht frei? Dieses Vorurteil wird gerade widerlegt

So idiotisch, wie Karl Marx glaubte, ist das Landleben nicht. Im Alltag der jetzigen Pandemie lösen sich alte Missverständnisse über Stadt und Land allmählich auf.

Von Gilbert K. Chesterton stammt ein starker Einwand gegen das marxistische Stereotyp. Nicht das Land, sondern die Stadt begünstige den Idiotismus, sagte er, denn dort bewege man sich in Kreisen, denen man sich aus freien Stücken angeschlossen habe, weil sie die eigenen Vorlieben, Meinungen und Vorurteile teilten und bestärkten. Auf dem dünn besiedelten Land hingegen könne man sich diesen Luxus nicht leisten, man müsse sich auf Gesprächspartner einlassen, die konträre Meinungen vertraten. Das beuge vorzeitiger Verblödung vor.

Heute ist das natürlich anders. Adornos pädagogische Kolonnen würden sich wundern. Im Waldviertel würden sie auf kommunistische Schriftsteller treffen, auf sozialdemokratische Journalisten und atheistische Philosophen, im Burgenland auf anarchistische Musiker und Maler, in der Südsteiermark auf anthroposophische Kulturmanager und Ausstellungskuratoren. Von Winzern in Langenlois und Gamlitz würden sie dieselben Meinungen zu hören bekommen, die ihnen von Gesprächen in den Wiener Kaffeehäusern und anderen Hotspots der Bobosphäre vertraut wären. Der postmarxistischen Kulturrevolution ist es seit Adorno gelungen, die Gegensätze zwischen Stadt und Land gründlich zu verwischen.

Es ist keine Rede mehr davon, dass die Stadtluft frei mache. Die ehemaligen Yuppies (Young Urban Professionals) genießen ihren Ruhestand am Lande. Junge Paare mit Kindern, gutem Einkommen und dem großen Privileg, zu Hause arbeiten zu können, sind ihnen gefolgt. Früher einmal galt die Verdichtung der innerstädtischen Verbauung als dringend gebotene Alternative zur ästhetisch beklagenswerten „Zersiedelung“ des Landes.

Jetzt jedoch, unter dem Einfluss eines chinesischen Virus, das den Alltag revolutioniert, entdeckt man die Vorzüge des Wohnens in Häusern, die im respektvollen Abstand zu den Nachbarhäusern errichtet wurden. Auf dem Land hat es freundliche soziale Distanz schon immer gegeben.

Fast jede Familie hat dort ein Auto, es gibt genügend Parkplätze, und die Gefahr, am Freitag von Ökofaschisten im Kindesalter angepöbelt zu werden, ist ziemlich gering. Landluft macht frei, und sie ist gesünder als die Stadtluft, deren Feinstaubbelastung ungeachtet des wochenlangen Rückgangs des Verkehrsaufkommens nur unwesentlich abgenommen hat.

https://www.diepresse.com/5806716/stadtluft-macht-frei-dieses-vorurteil-wird-gerade-widerlegt

Misstraut den Politikern und hört nicht auf die Intellektuellen

In der Krise fehlt es an vielem, nur nicht an Entwürfen für eine neue Welt. Besser ist es, auf den Hausverstand zu vertrauen und die Ärmel aufzukrempeln.

Nach der klassischen Studie des Wirtschaftshistorikers Carlo M. Cipolla („The Basic Laws of Human Stupidity“, Neuauflage 2019 mit einem Vorwort von Nassim N. Taleb) ist der Faktor Dummheit eine von Intelligenz, sozialer Stellung oder kultureller Zugehörigkeit unabhängige Konstante.

Anders gesagt: Dummheit ist in einem Club von Nobelpreisträgern nicht kleiner als in einem Sparverein. Oder im Kreis der Umweltminister der EU. Sie wollen eine Brücke bauen „zwischen dem Kampf gegen Covid-19, dem Verlust an Biodiversität und dem Klimawandel“. Man müsse am „Green Deal“ festhalten und der Versuchung widerstehen, „kurzfristige Lösungen als Antwort auf die gegenwärtige Krise“ zu geben, weil sie die „EU auf Jahrzehnte in einer Ökonomie der fossilen Brennstoffe“ blockieren würden. Dieser Aufruf wurde natürlich auch von der österreichischen Umweltministerin, Leonore Gewessler, unterschrieben. Gesundheitsminister Anschober drohte indes, „die Klimakrise mit einer ähnlichen politischen Konsequenz angehen“ zu wollen wie den Corona-Notstand. Könnte es sein, dass die Regierenden die Gleichmut, mit der die meisten Bürger die gesundheitspolitisch argumentierten Beschränkungen hinnehmen, als Freibrief für den dauerhaften Entzug von fundamentalen Freiheiten missverstehen? Tatsächlich braucht die Realwirtschaft gerade jetzt maximale Freiheit und nicht weitere soziale oder ökologische Lasten. Ohne profitorientierte Unternehmen wird es weder eine Therapie und einen Impfstoff gegen Covid-19 noch eine wirtschaftliche Erholung geben. Kapitalismus und Globalisierung haben Milliarden Menschen aus der Armut befreit. Sie werden auch die Wirtschaft in Schwung bringen, wenn man sie lässt. Wenn man sie nicht lässt, gehen irgendwann die Lichter aus.

Leider mehren sich die Anzeichen für eine schleichende Einführung sozialistischer Steuerung. Es ist von noch mehr staatlichen Zuwendungen, noch mehr Schulden, noch mehr aus dem Nichts geschöpftem Geld die Rede. Solche Maßnahmen beheben temporäre Engpässe aber nur um den Preis von noch größeren Problemen. Die Monetarisierung von Krisen ist brandgefährlich. Schon 2019 betrug die weltweite Verschuldung 250 Billionen (!) Dollar. Was uns droht, wenn die Blase platzen und die globale Wirtschaft kollabieren sollte, wäre bei Weitem schlimmer als das Unheil einer Seuche.

Taipeh warnte, aber die Welt hörte lieber auf die Lügen aus Peking

Schon am 31. Dezember gab Taiwan Seuchenalarm. Zehntausende starben, weil die WHO die Warnung aus Rücksicht auf das kommunistische China ignorierte.

In Wuhan wurden die ersten Covid-19-Fälle bereits im November 2019 registriert. Seit Dezember wussten chinesische Ärzte, dass sich das Virus durch Ansteckung von Mensch zu Mensch verbreitete, was das KP-Regime jedoch erst am 20. Jänner zugab. Damals hatte die Seuche ihre Reise um die Welt längst schon angetreten.

Taipeh hatte die WHO bereits am 31. Dezember auf die akute Gefahr aufmerksam gemacht. Die Regierung aktivierte den Notfallplan, den ihre Behörden aufgrund der Erfahrungen mit der Sars-Epidemie von 2003 ausgearbeitet hatten, wobei sie von der Möglichkeit einer Mensch-zu-Mensch-Infektion ausging. Alle Flugreisenden aus Wuhan wurden untersucht, zwei taiwanesische Experten wurden zu Ermittlungen in die Krisenprovinz entsandt. Als der erste Covid-19-Fall am 21. Jänner auftrat, war Taiwan so gut vorbereitet wie kein anderes Land der Welt, unter anderem auch durch die Rationierung von Schutzmasken und Desinfektionsmitteln bei gleichzeitiger massiver Ausweitung der Produktion.

Indes vertraute die WHO weiter auf Peking. Er sei beeindruckt, wie detailliert und tiefgründig die chinesischen Behörden ihn informiert hätten, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Darauf vertrauend behauptete Donald Trump am 21. Jänner auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, die Lage sei „völlig unter Kontrolle“, alles werde gut gehen. Seither haben die USA mehr als 23.000 Todesfälle registriert, weltweit waren es gestern schon 119.000.

Taiwan hat 24 Millionen Einwohner. Am Ostermontag meldete Taipeh insgesamt 393 Covid-19-Fälle, unter ihnen 338 importierte, und sechs Tote. Da die Behörden rechtzeitig und effizient auf die Gefahr reagiert hatten, konnte die Regierung – anders als die Regierungen in Amerika und in Europa – auf ein Lockdown verzichten. Schulen, Büros, Geschäfte und Restaurants blieben geöffnet. Die Behörden beschränken sich auf die Überwachung elementarer Regeln, etwa der Einhaltung sozialer Distanz und der Verwendung von Schutzmasken, deren Missachtung streng geahndet wird.

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Sind es die Alten noch wert, vor dem Virus geschützt zu werden?

Covid-19 übernimmt jetzt die „Ahnlvertilgung“, die früher einmal händisch erledigt wurde. Es soll Leute geben, die das sogar für einen Fortschritt halten.

Die Corona-Pandemie hat den seit Langem schwelenden Konflikt zwischen den Generationen aktualisiert. Auf Twitter lässt er sich unter dem Hashtag #BoomerRemover verfolgen. Da herrscht große Freude, dass das Virus eine Arbeit erledigt, die in den Seniziden Jahrtausende lang in Handarbeit verrichtet wurde. Das hat schon was: Eine Generation, die einst mit dem Slogan „Trau keinem über 30“ gefahrlos gegen ihre Väter und Großväter rebelliert hatte, ist selbst zur Zielscheibe des generationellen Hasses geworden. Es ist die Generation, die als erste die Familie abschaffen wollte, die die Abtreibung für ein Recht und die Sterbehilfe für einen akzeptablen „stillen Senizid“ hält. Vielleicht hatte Kardinal Christoph Schönborn auch das im Sinn, als er sagte, dass „Gott durch Krisen bei uns anklopft und uns zum Nachdenken einlädt“.

Möglicherweise aber ist die Diskussion über das Alter der Seuchenopfer schon nicht mehr aktuell. Am Montag brachte der „Corriere della Sera“ ein Interview mit Antonio Pesenti, dem Koordinator für Intensivtherapien in der Krisenregion Lombardei. Er stelle fest, sagte Pesenti, dass die Zahl der 40- bis 50-Jährigen unter den Covid-19-Patienten zunehme: „Es ist, als ob das Virus sich in einer ersten Phase die Schwächsten ausgesucht hätte.“ Boris Johnson ist übrigens erst 55.

Eine weitere Nachricht sollte jene interessieren, die Covid-19 immer noch für nicht wesentlich gefährlicher halten als eine saisonale Grippe. Gezählt wurden die Todesfälle, die lombardische Gemeinden jeweils in den ersten drei Märzwochen 2020 und 2019 registrierten. In Bergamo waren das 446 in diesem Jahr gegenüber 98 im Vergleichszeitraum des Vorjahres, in Alzano 62 (9), in Nembro 110 (14), in Caravaggio 50 (6), in Dalmine 70 (18).

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Corona, die Spanische Grippe und das Hasard als Lebensform

Jahrelang wurden ernste Warnungen vor einer Pandemie in den Wind geschlagen. Die Politiker haben versagt, aber Medien und Wähler haben dazu beigetragen.

Es gibt nur sehr grobe Schätzungen, wie viele Menschen der Spanischen Grippe zum Opfer fielen. Sie reichen von mindestens 50 Millionen bis 100 Millionen. Zum Vergleich: Im Ersten Weltkrieg kamen 17 Millionen Menschen ums Leben, im Zweiten Weltkrieg 60 Millionen. Zwar erinnern in jeder Gemeinde Denkmäler an die Gefallenen der Weltkriege, aber nur Grabsteine an die Opfer der schlimmsten Pandemie des 20. Jahrhunderts. Die meisten starben zwischen Mitte September und Mitte Dezember 1918.

Manches an der Spanischen Grippe ähnelt Covid-19. Auch sie war schon hochinfektiös, bevor bei den Erkrankten die ersten Symptome auftraten, und sie führte in weit weniger Fällen zum Tod als Pest oder Ebola. Am Ende tötete sie mehr Menschen als jede andere virale Epidemie, doch rund 90 Prozent der Erkrankten überstanden sie wie eine saisonale Grippe.

Covid-19 ist kein „schwarzer Schwan“, jedenfalls nicht nach der Ansicht von Nassim Nicholas Taleb, dem Autor des gleichnamigen Bestsellers. „Ich bin mir der Risken von unbekannten Viren bewusst, die sich über den Planeten verbreiten“, schrieb Taleb 2007. Schon in den frühen 1990er-Jahren warnten Virologen und Epidemiologen vor dem Ausbruch globaler Seuchen. Die CIA reihte sie bereits vor 20 Jahren unter die „nicht traditionellen Herausforderungen“ der Sicherheitspolitik. 2012 warnte eine Risikoanalyse den deutschen Bundestag, 2016 der amerikanische National Research Council eindringlich vor den unterschätzten Gefahren von Infektionskrankheiten. Die Experten forderten die Regierungen der Welt und private Institutionen dazu auf, jährlich vier Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen, um das Gesundheitswesen mit ausgebildetem Personal ausstatten sowie Frühwarnsysteme und Netzwerke von spezialisierten Laboratorien einrichten zu können. Jetzt wird ein Vielfaches benötigt, um die ökonomischen Folgen der Coronakrise zu mildern. Der Kongress der Vereinigten Staaten beschloss vorige Woche ein Hilfsprogramm von zwei Billionen Dollar.

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