Archiv des Autors: Karl-Peter Schwarz

Über Karl-Peter Schwarz

Journalist

Ich bin ein „weißer Mann“, aber deshalb knie ich mich nicht nieder

Eine Kollektivschuld gibt es weder rechtlich noch moralisch. Dennoch werden „die Weißen“ kollektiv des Rassismus und seiner Verbrechen bezichtigt.

Aus Anlass des Todes des schwarzen Amerikaners George Floyd mahnte mich ein Freund: „Du bist ein weißer Mann wie ich, knie auch du dich einmal nieder, zeige ein wenig Pietät, wenigstens einmal.“ Auf Knien betet man zu Gott für die Seelen der Toten. Aber das hatte mein Freund nicht im Sinn. Er lud mich nicht ein, für Floyd zu beten, sondern er forderte zu einer politischen Geste auf, die Schuld des „weißen Mannes“ zu bekennen. Tut mir leid, dazu bin ich nicht bereit.

Es ist wohl kein Geheimnis, dass die USA die brutalsten Polizisten der westlichen Welt haben. Immer wieder sterben Amerikaner durch unverhältnismäßige Polizeigewalt. Der Anteil der schwarzen Opfer ist größer, was unter anderem auch damit zusammenhängt, dass die Kriminalitätsrate in der schwarzen Bevölkerung deutlich höher ist. Ob Derek Chauvin und die drei mutmaßlichen Mittäter – von denen einer afrikanische und ein anderer südostasiatische Vorfahren hat – aus Rassismus oder aus anderen Gründen getötet haben, wird ein Gericht untersuchen. Ihm obliegt das Urteil über die Schuld der Angeklagten.

Wie immer es ausfallen sollte, Floyds gewaltsamer Tod rechtfertigt nicht die Gewalttaten, die sich gegen das Leben und das Eigentum der Bürger richten. Der pensionierte schwarze Polizeioffizier David Dorn und viele andere wurden von Plünderern erschossen. Und mit diesem Mob soll man sich solidarisieren? Übrigens ist es schon sehr merkwürdig, dass der Tod Floyds Millionen Europäer zu Demonstrationen animiert, während es sie völlig gleichgültig lässt, dass in ihrer nahöstlichen und afrikanischen Nachbarschaft fast täglich Dutzende Menschen abgeschlachtet werden, weil sie Christen sind.

Ich war vier, als ich zum ersten Mal einen schwarzen US-Soldaten sah. Ich rubbelte an seiner Haut, um die Farbechtheit zu überprüfen, denn bei uns zu Hause verdunkelten die Menschen im Fasching ihre Identität mit Schuhpaste. Für die Afrika-Mission sammelten blecherne Negerlein, die nickten, wenn man einen Schilling einwarf. Wir dachten uns nichts dabei, wenn wir uns Negerbrot und Indianerkrapfen kauften, aber weitere rassistische Exzesse sind mir nicht in Erinnerung.  Und ich verspüre gar keine Neigung, mich für Verbrechen entschuldigen, die meine Vorfahren nicht begangen haben.

Rassismus war bis in die 1970er-Jahre kein Thema. Wien wandelte sich erst allmählich in eine Metropole, die Menschen aus der ganzen Welt anzog. Die Stadt erwachte aus dem Koma, sie wurde offener und bunter. Die Zuwanderer assimilierten sich zunächst bereitwillig. Aber je mehr kamen, desto geringer wurde die Bereitschaft zur Anpassung. Obwohl Ressentiments gegen Ausländer immer offener zu Tage traten und rassistische Züge annahmen, ignorierten Politiker und Journalisten besorgte Warnungen vor den negativen Folgen der multikulturellen Überforderung. Straftaten im Migrantenmilieu wurden übersehen, verschwiegen oder relativiert. Dieselben Leute stellen die Polizei und die Behörden jetzt unter den Generalverdacht des „strukturellen Rassismus“. Berlin hat in einem Antidiskriminierungsgesetz sogar die Beweisumkehr verankert. Wenn ein Verdächtiger einem Polizisten Rassismus vorwirft, muss der Polizist den Gegenbeweis antreten.

Indes prügeln sich in Wien türkische Rechtsextreme aus dem Arbeitermilieu mit linksextremen Sprösslingen des Bürgertums. In Stuttgart reagiert eine mit Stangen und Steinen gerüstete „Partyszene“ ihren Frust ab, indem sie Geschäfte plündert und auf Polizisten eindrischt.

Haben wir keine anderen Sorgen, als „Black Lives Matter“ zuliebe billige Betroffenheitsrituale zu zelebrieren? Das Gerede von der Schuld des „weißen Mannes“ lenkt nur von dem echten Problem ab, mit dem Österreicher und Deutsche konfrontiert sind, nämlich vom militanten Antisemitismus der alten und der neuen Nazis sowie der muslimischen Zuwanderer.

Benedikt XVI. in der Heimat, die von ihm nichts mehr wissen will

Um Abschied von seinem Bruder Georg zu nehmen, reiste Joseph Ratzinger nach Regensburg. Das katholische Bayern seiner Jugend gibt es längst nicht mehr.

„Wir sind Papst“, lautete die prägnante Schlagzeile der „Bild-Zeitung“ am Tag nach der Papstwahl vom 19. April 2005. „Wir wollen nicht mehr Papst sein“, korrigierte die „Süddeutsche Zeitung“ vier Jahre später. In seiner Heimat ist der Papa emeritus alles andere als populär. Im deutschen Katholizismus setzt sich gegen seinen Widerstand eine Wende durch, die einer zweiten Reformation ähnelt. Dreimal kam Benedikt XVI. nach Deutschland. Von Mal zu Mal wurde das Klima frostiger, der Protest heftiger. Über den Besuch des Emeritus bei seinem sterbenden Bruder, Georg, in Regensburg berichteten die italienischen Medien in diesen Tagen emphatischer als die deutschen.

Als Joseph Ratzinger 1977 zum Erzbischof von München ernannt wurde, gab es in der Stadt noch mehr als 60 Prozent Katholiken. Jetzt sind es nur noch 30 Prozent. Der Anteil der Evangelischen verringerte sich seither von knapp 20 auf elf Prozent. Nahezu 60 Prozent der Münchner bekennen sich zu keiner Religionsgemeinschaft mehr. Die „apertura“ zur Welt, die der gegenwärtige Erzbischof, Reinhard Marx, mit so großer Inbrunst betreibt, hält die Gläubigen nicht nur nicht in den Kirchen, sie vertreibt sie aus ihnen. Wer braucht auch schon eine entkernte katholische Kirche light als humanistischen Weltanschauungs-, Weltbelehrungs- und Weltverbesserungsverein.

Um Benedikt XVI. rankt sich die Legende vom progressiven Theologen des II. Vatikanischen Konzils (1962–1965), der sich im Laufe der Jahre in einen bockigen Reaktionär verwandelt habe. „Klar war ich progressiv“, sagte er seinem Biografen Peter Seewald. „Damals war progressiv aber noch nicht, dass man aus dem Glauben ausbricht, sondern dass man ihn besser verstehen lernt und ihn richtiger, von den Ursprüngen her, lebt.“ („Benedikt XVI.: Ein Leben“, 2020)

Joseph Ratzinger ist sich treu geblieben. Für die Kirche lässt sich das nicht sagen. Er musste erleben, dass er ihren Niedergang in Europa weder aufhalten noch verlangsamen konnte. Das Konzil, sagte er, habe die Absicht gehabt, das „heilige Depositum der christlichen Lehre“ im Blick auf die Gegenwart zu bewahren und zu lehren. Die theologische Leistung, dieses Depositum gesichert und weitergegeben zu haben, überragt jene der Päpste des 20. Jahrhunderts ebenso wie die seines Nachfolgers Franziskus.

https://www.diepresse.com/5829856/benedikt-xvi-in-der-heimat-die-von-ihm-nichts-mehr-wissen-will

 

 

Krummes Holz, krumme Linien und der neueste Denkmalsturm

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ (George Orwell, „1984“)

Denkmäler bilden reale Menschen ab, die auch Schwächen hatten und von den Urteilen und Vorurteilen ihrer Zeit geprägt waren. Nicht nur Plato, Aristoteles, Washington und Jefferson lebten von Sklavenarbeit, sondern auch eine Unzahl von arabischen und afrikanischen Menschenhändlern. Die Geschichte lässt sich nicht in Schwarz-Weiß darstellen. „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden“, sagte Kant, der übrigens auch schon unter Rassismus-Verdacht steht. Paul Claudel fand Trost in dem Glauben, dass Gott auf krummen Linien gerade schreibt.

Daran sollte man denken, wenn sich der antirassistische Mob zum klammheimlichen Gaudium der rassistischen Neonazis an Churchill-Statuen vergeht. Auf der immer länger werdenden Liste der kulturrevolutionären Denkmalstürmer stehen jetzt schon Columbus und Newton. Die Judenhasser Shakespeare (Shylock!), Luther, Bach, Marx und Wagner sind vorläufig noch sicher, weil die antirassistischen Entkolonialisierer sowieso auch gegen Israel und das internationale Finanzkapital sind. Das Drehbuch für den Film „Vom Winde verweht“, den HBO im antirassistischen Vorausgehorsam aus dem Angebot strich, stammte übrigens von Ben Hecht, dessen jüdische Eltern aus Minsk kamen und der mit dem Zionismus sympathisierte.

Die Parole der Partei in Orwells „1984“ lautete: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ In der chinesischen Kulturrevolution kämpften die roten Garden gegen „alte Ideen, alte Sitten, alte Gewohnheiten und alte Kultur“. Das war Umerziehung, wie sie Orwell in „1984“ schilderte: „Wir vernichten unsere Feinde nicht bloß, wir verändern sie.“ Orwell warnte eindringlich davor, durch die Zerstörung der Tradition dem Totalitarismus den Boden zu bereiten.

So absurd der Denkmalsturm erscheinen mag, er dürfte wohl nur Leute überraschen, die die vergangenen 50 Jahre verschlafen haben. Die Kulturrevolution, die im Westen in den späten 1960er-Jahren begann, ist so weit fortgeschritten, dass naturgegebene Unterschiede zwischen Menschen überhaupt geleugnet werden und dass sogar die Existenz von zwei Geschlechtern bestritten wird. Als sich die engagierte Feministin und Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling über das Neusprech „Menschen, die menstruieren“ lustig machte, brach ein Sturm der Empörung los.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir fällt es schwer, mich in diesem Wahnsinn noch besonders über die Beschädigung oder Zerstörung von Denkmälern aufzuregen.

Was ist die Antifa, und wozu wird sie eigentlich gebraucht?

Warum redet man vom Antifaschismus, wenn man den Kampf gegen Nazis meint? Und warum wird der linksextreme Massenterror verschwiegen oder verharmlost?

In der Geschichte war der Faschismus die gegenrevolutionäre Antwort auf die gewaltsamen Unruhen und Fabrikbesetzungen im „Biennio rosso“ (1919–1920), die Italien ins Chaos gestürzt und an den Rand einer Revolution gebracht hatten. Die Rollkommandos und Schlägerbanden der Faschisten gingen noch brutaler vor als die der revolutionären Sozialisten. Gewerkschaftsbüros und Parteilokale wurden gestürmt und verwüstet, linke, liberale und katholische Gegner verprügelt, gefoltert und ermordet.

Den Fall Italien vor Augen, warfen sich Kommunisten und Sozialdemokraten im Deutschland der Weimarer Republik gegenseitig vor, den Faschismus kopiert zu haben. Erst spät in den 1920er- Jahren, als sie die von Hitler drohende Gefahr endlich erkannt hatten, richteten sie den Vorwurf gegen die NSDAP. Aber warum sprachen sie immer noch von Faschisten, als die Nazis längst schon viel größere Verbrechen begangen hatten? Warum blieb die Linke sogar nach dem Holocaust bei diesem Begriff, der eine Verharmlosung des Nationalsozialismus impliziert?

Der Grund war, dass Hitlers Partei als nationale und sozialistische Arbeiterpartei angetreten war. Das passte nicht zur Definition des Faschismus durch die Kommunistische Internationale als „terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“, als letztes Stadium des Kapitalismus. Der bloße Gedanke, dass die NSDAP irgendetwas mit Sozialismus und Arbeiterbewegung zu tun gehabt haben könnte, erst recht die Erinnerung daran, dass die KPD mit ihr immer wieder kooperiert hatte, musste ausgelöscht werden.

Um den Faschismus zu besiegen, musste der Kapitalismus beseitigt werden. Das galt umso mehr in der DDR, die den „Antifaschismus“ zur Staatsräson erklärte. Das Logo, das die Antifa heute verwendet, wurde 1932 für die „Antifaschistische Aktion“ der KPD entworfen: zwei Fahnen vor weißem Hintergrund in einem schwarzen Kreis. Damals waren beide Fahnen noch rot, jetzt ist eine schwarz und symbolisiert die Anarchie.

Die Antifa bedient sich heute ähnlicher Methoden, wie sie vor gut 100 Jahren von den Faschisten perfektioniert worden sind: Verwüstung von Parteilokalen, Brandstiftung, Veranstaltungsblockaden, Gewalt gegen politische Gegner. Dazu kamen neuere Kampfformen wie das Abfackeln von Autos und die „Entglasung“ von Fassaden.

Von Deutschland aus hat sich die Antifa verbreitet, allerdings nicht in der Heimat des Antifaschismus. Als Trump das Verbot der Antifa ins Gespräch brachte, mussten italienische Medien ihren Lesern erst erklären, was sie überhaupt ist. Der italienische Linksextremismus hat heute noch viel mit dem deutschen der 1970er-Jahre gemeinsam, in dem Antifa-Gruppen nur eine Nebenrolle spielten.

Erst nach dem Untergang der RAF und der DDR ging es mit der Antifa so richtig los. Sie hat es, so die Publizistin Bettina Röhl, unter der Kanzlerin aus dem Osten „zu höchster Etablierung im Staat gebracht, nicht zuletzt dank der Unterstützung durch nicht wenige Abgeordnete einiger politischer Parteien, durch Journalisten und einschlägige Experten“. Sie sei eine „verbeamtete RAF, eine Terrorgruppe mit Geld vom Staat unter dem Deckmantel ,Kampf gegen rechts‘“.

Warum werden die Gefahren, die von Peking ausgehen, verschwiegen?

Der Kapitalismus wird auch in China nicht automatisch zu Demokratie und Rechtsstaat führen. Aber es ist sehr einträglich, diese Illusion zu verbreiten.

Dank der staatskapitalistischen Wende und der Öffnung zum Weltmarkt verfügt die KPCh über wirtschaftliche, technologische und militärische Ressourcen, von denen Lenin, Stalin und Mao nicht einmal träumen konnten. Seit Xi Jinping 2012 die Führung übernahm, wurde die Freiheit noch mehr eingeschränkt. Die KPCh kontrolliert Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur nahezu total und auf allen Ebenen. Ihre Spitzel sind allgegenwärtig. Erstaunlich, dass von der kommunistischen Partei so selten die Rede ist, wenn über China gesprochen wird. Die privaten Unternehmen sind in China etwa so „frei“ wie die deutschen im Nationalsozialismus. Mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet Peking an einer neuen Weltordnung unter chinesischen Vorzeichen. Dazu, so Xi, verpflichte die „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“.

Die Blindheit gegenüber dem kommunistischen Regime ist hauptsächlich darin begründet, dass es einträglich ist, die Gefahr zu ignorieren. Ausländische Unternehmen sind auf den chinesischen Markt angewiesen, und Xi zieht daraus politischen Nutzen. Clive Hamilton und Mareike Ohlberg führen in ihrem Buch „Die lautlose Eroberung: Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet“ (DVA, München 2020) eine Fülle von Beispielen gelungener Infiltration an.

Eingangs zitieren die Autoren Upton Sinclair: „Es ist schwer, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht.“ Auf der langen Payroll der China-Versteher finden sich, quer durch die politischen Lager und Parteien, sehr illustre Namen: Henry Kissinger etwa, die Familien Bush, Clinton, Trump und Biden, Tony Blair, Peter Mandelson, Boris Johnson, Jacques Attali, Gerhard Schröder, Rudolf Scharping. In Österreich betreibt Christian Kern Lobbyismus für China. Besonders erfolgreich waren die chinesischen Kommunisten in Italien, Belgien und dem UK. In dem bisher wichtigsten politischen Buch dieses Jahres analysieren Hamilton und Ohlberg die Vielzahl der Methoden, die sie anwenden, um das westliche Establishment zu gewinnen oder wenigstens zu neutralisieren.

https://www.diepresse.com/5821493/warum-werden-die-gefahren-die-von-peking-ausgehen-verschwiegen