Auf Dauer werden wir uns totale Lockdowns nicht leisten können

Das Coronavirus wird sich durch Massentestungen und Massenimpfungen nicht ganz aus der Welt schaffen lassen. Wir werden mit ihm noch lang leben müssen.

„In vier Wochen könnten wir am Ziel sein“, sagte die deutsche Physikerin Viola Priesemann bei der Präsentation eines von ihr initiierten Aufrufs von 300 Wissenschaftlern, den die Zeitschrift „The Lancet“ publizierte. Die Fallzahlen müssten in allen Ländern der EU ausnahmslos auf maximal zehn pro Million Einwohner und Tag reduziert werden. Bis dieses Ziel erreicht ist, müssten „tiefgreifende Interventionen“ (= Lockdowns) in Kraft bleiben. Da die Grenzen offen sind, sei eine gemeinsame europäische Kraftanstrengung nötig.

Wie China gezeigt hat, lässt sich das auch machen. Dort gelang das unter der Androhung härtester Strafen mit der totalen Abriegelung von Dutzenden Millionen Menschen in der Provinz Wuhan und mit der lückenlosen Kontrolle der Bevölkerung durch ein System von Blockwarten, Spitzeln und Corona-Denunzianten. Das hat sich bewährt. Jetzt brummt die Wirtschaft wieder.

Die Europäer schätzen solche Methoden allerdings nicht besonders. Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich die Regierungen in der EU auf Zuruf über ein gemeinsames Vorgehen einigen könnten. Vor allem aber ist es eine Sache, was Regierungen anschaffen (Massentests, Lockdown, Impfungen), und eine andere, ob sich die Leute daran halten. Eine Gesundheitsdiktatur nach chinesischem Vorbild kann nur mit Gewalt durchgesetzt werden.

Die Hoffnung, das Virus durch den totalen Lockdown besiegen zu können, erinnert an das nicht weniger noble Anliegen, die soziale Ungleichheit zu beseitigen. Auch das geht, aber eben auch nur mit Gewalt, wofür es von Lenin bis Maduro Dutzende Beispiele gibt. Am Ende waren, von der Nomenklatura abgesehen, immer alle gleich arm.

Selbstverständlich wäre es besser, wenn sich alle an die bekannten epidemischen Verhaltensregeln halten würden. Da das Virus auf absehbare Zeit aber leider nicht verschwinden wird und wir uns weitere Lockdowns nicht mehr leisten können, sollten wir uns Alternativen überlegen. In den erfolgreichen asiatischen Staaten werden Infektionsketten digital aufgespürt und Infizierte isoliert. Die digitale Überwachung verhält sich zum Lockdown etwa so wie die elektronische Fußfessel zur Kerkerhaft. Jedes effektive digitale Tracking und Tracing verstößt unweigerlich gegen den Datenschutz, und weil das so ist, finden wir uns mit einem Lockdown nach dem anderen ab, während wir ohne Bedenken Cookies akzeptieren und in den sozialen Medien unser Inneres nach außen kehren. Es ist offenbar schwieriger, heilige Kühe zu schlachten, als Hunderte Millionen wochenlang einzusperren.

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