Bileams Eselin und die Monster in der Krippe auf dem Petersplatz

Selten war ein Urteil so einhellig negativ wie das über die Krippe, die der Vatikan vorige Woche aufstellen ließ. Ein guter Grund, darüber nachzudenken.

Vor den Kolonnaden Berninis stehen überlebensgroße Figuren aus bunter Keramik unter einer Stahl-Glas-Konstruktion, die an eine Straßenbahnhaltestelle denken lässt. Der Weihnachtsengel sieht aus wie ein Radiator, das Jesuskind wie ein abgespecktes Michelin-Männchen, Maria und Josef gleichen altorientalischen Götzenbildern. Der Brutalismus erinnert an sowjetische Denkmäler, die Kunst am Bau in den 1960er-Jahren und den Trash von zeitgenössischen SF-Filmen. Besonders rätselhaft sind zwei Figuren. Ist der Böse mit dem schwarzen Helm Darth Vader? Wer ist der weiße Astronaut? Geht es zu Weihnachten um einen intergalaktischen Krieg zwischen Gut und Böse zur Rettung des Planeten?

Es wäre ein Fehler, die Krippe vorzeitig abzuräumen oder gar im Tiber zu entsorgen wie die heidnischen Pachamama-Statuen im Herbst vorigen Jahres. Vielmehr sollte sie von möglichst vielen Gläubigen gesehen werden, weil man an ihr die Folgen des Einbruchs der Moderne und der zunehmenden Anpassung der Kirche an den Zeitgeist sehr gut sieht. Wenn das Transzendente ausgelöscht wird, kehren die alten Götzen zurück und mischen sich mit den neuen. Statt an Jesus und Maria glaubt man dann an Greta Thunberg und Carola Rackete, statt an die Hölle an die Klimakatastrophe, statt an den Himmel an eine grenzenlose multikulturelle Weltrepublik, in der sich alle lieb haben. Zu Weihnachten gedenkt man der Geburt des Gründers einer globalen NGO, der man ihr lächerliches liturgisches Brimborium nachsieht, weil sie schließlich – ganz besonders unter ihrem jetzigen CEO – ja doch für eine „bessere Welt“ eintritt. Falls aber (oh Graus!) Christen aller Konfessionen im Parlament beim gemeinsamen Beten erwischt werden, schimpfen als erste katholische Theologen, weil nicht auch Muslime eingeladen wurden.

Die Vatikan-Krippe 2020 besteht aus Figuren, die Dozenten und Studenten der staatlichen Kunstakademie im Keramik-Städtchen Castelli zwischen 1965 und 1975 hergestellt haben. Auf dem Petersplatz sind nur einige von insgesamt 54 Figuren zu sehen. Sie zeugen von einer zum Glück überwundenen „avantgardistischen“ Ästhetik, die verheerende Folgen hatte, wie von der obsessiven Modernisierung, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Kirche erfasste und radikal veränderte. Damals begann eine Kulturrevolution, die dazu führte, dass die Priester den alten Altären den Rücken zuwandten und die alte Liturgie aus den Kirchen verschwand. Gottesdienste wurden als „Jazz-Messen“ inszeniert und alle Formen herkömmlicher Volksfrömmigkeit als rückständig abgestempelt und verspottet. Das Ergebnis war, anders als es die Pastoraltheologen erwartet hatten, eine stetig steigende Zahl von Kirchenaustritten.

Nur zwei Figuren sind in der Keramik-Krippe so dargestellt, wie es sich gehört, nämlich der Ochs und der Esel. Das gibt Grund zur Hoffnung. Im Alten Testament (Num 22, 21–35) gibt es nämlich die schöne Geschichte von Bileam und seiner Eselin. Als der Prophet einmal einen falschen Weg einschlug, bockte die Eselin, um ihn am Weitergehen zu hindern. Störrisch ließ sie sich dreimal von ihm verprügeln, bis er endlich den Engel des Herrn sah, der ihm mit gezücktem Schwert in der Hand den Weg versperrte. Wohl nicht zufällig stand ein Esel im Stall von Betlehem.

https://www.diepresse.com/5911943/bileams-eselin-und-die-monster-in-der-krippe-auf-dem-petersplatz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s