Belarus: Im Team des alten Diktators fehlt ein „zehnter Mann“

Das Lukaschenko-Regime hat sein Verfallsdatum längst überschritten. Jetzt ist Besonnenheit vonnöten, um einen friedlichen Machtwechsel möglich zu machen.

Seit Debakel des Jom-Kippur-Krieges (1973) gibt es beim Mossad den „zehnten Mann“, der die Rolle des Advocatus Diaboli spielt. Der „zehnte Mann“ argumentiert prinzipiell gegen die Mehrheitsmeinung in der Gruppe. Auf diese Weise deckt er verborgene Schwächen auf und immunisiert gegen Wunschdenken. Da dies seinem Auftrag entspricht, darf er weder kritisiert noch gemobbt werden. Nicht zuletzt deshalb zählt der Mossad zu den besten Nachrichtendiensten der Welt.

Über sein Äquivalent in Belarus lässt sich das nicht sagen. Er ist der einzige unter den Geheimdiensten der völkerrechtlich anerkannten ehemaligen Sowjetrepubliken, der nicht nur das Personal und die Methoden des KGB, sondern auch dessen Namen beibehalten hat, damit jeder gleich weiß, mit wem er es zu tun hat. Aber Terror und Einschüchterung sind halt nur die halbe Sache.

Hätte der KGB etwas weniger geprügelt und gefoltert, hätte er etwas mehr nachgedacht und auf einen „zehnten Mann“ gehört, müsste sein oberster Chef, der Diktator Alexander Lukaschenko, jetzt vielleicht nicht um sein politisches Überleben fürchten. Ein „zehnter Mann“ hätte ihm nämlich erklärt, dass ihn die Methode, mit der er sich bisher im Sattel halten konnte, dieses Mal nicht mehr retten würde.

Die Bürger von Belarus haben genug von der Diktatur, sie sind nicht mehr bereit, sich mit der Isolation abzufinden, in die sie das Regime manövriert hat. Lukaschenko hatte darauf vertraut, wie früher das Resultat fälschen, den Protest niederschlagen und die externe Kritik als ausländische Einmischung abschmettern zu können.

Der Diktator hat den Repressionsapparat für und das Volk gegen sich. Wie es um ihn steht, zeigte sich, als ihn die Industriearbeiter in Staatsbetrieben, auf die er sich bisher immer verlassen konnte, mit „Hau ab!“ begrüßten. In diesem Augenblick hatte seine Herrschaft das Verfallsdatum überschritten, denn nichts schwächt einen Diktator so sehr wie eine öffentliche Demütigung.

Wladimir Putin weiß das. Vergangenen Freitag forderte er Lukaschenko auf, den „Dialog“ mit dem Volk aufzunehmen. Das war die diplomatisch verklausulierte Order, sich zu verabschieden. Für Moskau ist das Land viel zu wichtig, um wegen eines alten Gauners seine Destabilisierung in Kauf zu nehmen. Die antirussische Rhetorik, mit der Lukaschenko seine nationalistischen Anhänger bei Laune hält, kam im Kreml nie gut an. Für eine baldige Machtablöse unter russischem Vorzeichen spricht, dass die Opposition gegen Lukaschenko die engen Beziehungen zu Moskau nicht infrage stellt. EU und Nato tun gut daran, sich zurückzuhalten.

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