Von der Hypermoral über die Hyperparteilichkeit ins Chaos

Extreme Parteilichkeit ebnet den Weg in die Hölle. In den USA gibt es kaum noch Raum für Kompromisse. Sogar medizinische Fragen werden politisiert.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn es wenigstens gelänge, das Politische, das nach Carl Schmitt auf der Unterscheidung zwischen Freund und Feind beruht, so weit einzuhegen, dass daraus keine Gefahr für den inneren Frieden entsteht. Leider sieht es nicht danach aus, am allerwenigsten in den Vereinigten Staaten, der Führungsmacht des demokratischen Westens. Es ist im Gegenteil zu befürchten, dass die seit Langem beklagte, hypermoralisch aufgeladene Hyperparteilichkeit die Konflikte so sehr zuspitzt, dass sie die Züge eines Bürgerkriegs annehmen. John Podesta, der ehemalige Wahlkampfleiter von Hillary Clinton, deutete bereits an, Kalifornien, Oregon und Washington könnten die Union verlassen, sollte Trump die Macht behalten.

Der russisch-amerikanische Historiker Peter Turchin („Ages of Discord: A Structural-Demographic Analysis of American History“) vergleicht das Ausmaß der politischen Polarisierung in den USA mit den 1850er-Jahren, dem Jahrzehnt vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs. Wenn die Politiker sich eine solche Katastrophe nicht mehr vorstellen könnten, hieße das keineswegs, dass man sie ausschließen dürfe. In Amerika existierten heute alle historischen Bedingungen wachsender Instabilität: sinkende Reallöhne und wachsende soziale Ungleichheit; eine astronomische Überschuldung des Staatshaushaltes; ein heftiger Kampf innerhalb der Eliten und Möchtegerneliten um die Posten in Politik, Verwaltung, Universitäten und Medien.

Politik habe sich in eine Schlacht um nicht mehr verhandelbare Positionen verwandelt, schreibt der Harvard-Historiker James Hankins in der „Claremont Review of Books“. Da der Raum für Kompromisse geschwunden sei, müsse „der Feind vernichtet werden“. Es gebe zahlreiche Beispiele in der Geschichte, von Athen und Rom bis Weimar, wie extreme Parteilichkeit in Krieg, Revolution oder Tyrannei mündete. „Hyperpartisans“ könnten nicht verstehen, warum ihre Werte nicht von allen geteilt werden. Sie lebten in Blasen und bestärkten sich gegenseitig in ihrer Weigerung, andere Meinungen zur Kenntnis zu nehmen. Aus ideologischer Verbohrtheit neigten sie zur Gewalt. „Die Menschen schämen sich nie dafür, was sie in Gruppen tun“, zitiert Hankins Voltaire.

Es gibt kaum noch politikfreie Bereiche. Als sich Trump für Hydroxychloroquin in der Behandlung von Covid-19-Patienten aussprach, setzte sofort eine Kampagne gegen das altbewährte und preisgünstige Malariamedikament ein, das sich in der Anfangsphase der Krankheit als sehr wirksam erwiesen hatte. Statt es unvoreingenommen zu testen, kritisierte der Harvard-Epidemiologe Harvey A. Risch in einem Artikel für „Newsweek“ (23. Juli), werde das Für und Wider seiner Verwendung als eine Frage der politischen Identität behandelt. Risch macht den politischen Missbrauch der Wissenschaft für den Tod von „Zehntausenden Covid-19-Patienten“ verantwortlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s