Archiv für den Monat Februar 2020

Noch rascher als die Seuche verbreitet sich die Angst

Und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Aber angesichts der Gefährdung durch das Coronavirus muss weltweit mit den schlimmsten Folgen gerechnet werden.

Ungewissheit zwingt, mit den schlimmsten Eventualitäten zu rechnen. Zu dieser Ungewissheit hat an erster Stelle die chinesische Führung selbst beigetragen. „Das Coronavirus hat den verrotteten Kern des chinesischen Regierungssystems freigelegt“, schreibt der Dissident Xu Zhangrun. Statt die Bevölkerung so rasch wie möglich zu informieren und die Ärzte und Pfleger nach Kräften zu unterstützen, wurden Seuchenwarnungen wochenlang unterdrückt. In der am meisten betroffenen zentralen Provinz Hubei – einem ökonomischen Powerhouse mit einer Wirtschaftsleistung in der Höhe der schwedischen – sind 60 Millionen Menschen von der Außenwelt abgeschnitten.

Virologen halten die Quarantäne unter den gegebenen Bedingungen für unvermeidlich. Um sie durchzusetzen, kombiniert die kommunistische Partei jedoch die neuesten Techniken der Überwachung mit den kulturrevolutionären Methoden der Mobilisierung der Massen. Der Kampf gegen die Epidemie wird als „Volkskrieg“ geführt, in dem „Deserteure“ als Feinde gelten. „In Zeiten des Coronavirus treten der Kontrollwahn, die Paranoia und die politischen Mechanismen des Apparats noch deutlicher zutage als sonst“, schreibt die „FAZ“-Korrespondentin Friederike Böge aus Peking. „Über allem steht die Angst der Kommunistischen Partei, von der Geschichte hinweggefegt zu werden.“

Die ökonomischen und geopolitischen Folgen der Seuche sind enorm. Das ohnehin längst angeschlagene Vertrauen in die Zuverlässigkeit Pekings als Partner ist geschwunden. In diesen Wochen zeigt es sich, dass das von linken und rechten Populisten gleichermaßen gepriesene chinesische Modell des autoritären, politisch gelenkten Kapitalismus einer lebensbedrohenden Krise nicht gewachsen ist. Die Furcht vor dem Coronavirus hat das Netz der globalisierten Lieferketten zerrissen, in dem China der wichtigste Knotenpunkt ist.

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Solschenizyn, Liechtenstein und die Tragödie der Kosaken

„Diese gesegneten, fest gefügten Steine Europas … Sollte ich mich vielleicht hier niederlassen, in Liechtensteins Bergen? Ach, wie sollte man nur seinen eigenen, festen Punkt finden?“ (Alexander Solschenizyn)

Am Morgen eines Frühlingstages im Jahr 1974 traf ein hagerer, bärtiger Mann von 56 Jahren auf Schloss Vaduz ein. Alexander Issajewitsch Solschenizyn hatte seinen Besuch nicht angekündigt. „Vor dem Tor schrieb ich in Deutsch auf einen Zettel: ‚Eure Hoheit! Mit Erstaunen und Sympathie sehe ich auf diesen kleinen Staat, der seinen bescheidenen und stabilen Platz in unserer chaotischen, verworrenen Welt gefunden hat. Wir Russen vergessen freilich nicht, dass er den Mut gehabt hat, 1945 Soldaten der russischen Armee bei sich aufzunehmen, als der ganze Westen sie kurzsichtig und kleinmütig dem Verderben preisgab.‘“[1] Solschenizyn überreichte dem Fürstlichen Kabinettsdirektor den Brief mit der Bitte, ihn an Fürst Franz Josef II. weiterzuleiten.

„Mein Vater und wir alle in Liechtenstein waren gerührt über diese unerwartete Dankesbezeugung“, erzählte Prinz Nikolaus von Liechtenstein am 14. September 1993 auf dem Hochschultag der Internationalen Akademie für Philosophie anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats an den russischen Schriftsteller: „Dass der vielgerühmte Nobelpreisträger, der damals, wie kaum eine andere Person auf der Welt, durch seine dramatische Ausweisung im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand, der, nach unendlichen körperlichen und seelischen Leiden gerade in eine für ihn völlig fremde Welt versetzt, sich die Zeit nahm, diesen Weg der Dankesbezeugung nach Vaduz zu gehen, zeugte von der Herzensgröße und dem nach moralischen Prinzipien ausgerichteten Handeln unseres heutigen Laureaten.“[2]

Neunzehn Jahre nach seinem ersten Besuch in Liechtenstein nahm Solschenizyn dort seinen Abschied vom Westen. Der Kalte Krieg war zu Ende gegangen, er bereitete seine Rückkehr nach Russland vor, die im Mai 1994 erfolgen sollte. „Jedes Mal, wenn ich in das Fürstentum Liechtenstein komme, denke ich bewegt daran, wie dieser winzige Staat und sein ehrwürdiger verstorbener Fürst Franz Josef II. im Jahr 1945 der ganzen Welt eine großartige Lektion erteilt haben, was Mut heißt“, sagte er. Er habe entschlossenes politisches Handeln bewiesen, das sich am „ethischen Dienen“ orientierte. Über Russlands Zukunft äußerte sich Solschenizyn skeptisch: „Schrecklicherweise sind diese Orientierungspunkte in meiner Heimat noch stärker verloren gegangen als im Westen, und ich bin mir darüber im Klaren, wie anfechtbar gegenwärtig meine Haltung ist, solche Ansichten auszusprechen.“[3]

Solschenizyn war am Abend des 12. Februar 1974 in seiner Wohnung in Moskau vom KGB verhaftet und in das Hochsicherheitsgefängnis Lefortowo gebracht worden. Am nächsten Tag klagte ihn der Staatsanwalt des Hochverrats an und teilte ihm mit, man habe ihm die Staatsbürgerschaft entzogen und ihn des Landes verwiesen. Danach wurde er in eine Linienmaschine der Aeroflot verbracht, ohne dass ihm mitgeteilt wurde, wohin man ihn abschieben würde.[4]

Der Grund für die Ausweisung des Autors war die Veröffentlichung des ersten Bandes des „Archipel Gulag“, der im Dezember 1973 bei YMCA-Press erschienen war, einem russischen Emigrantenverlag in Paris. Das Buch, an dem der ehemalige Gulag-Häftling zehn Jahre lang gearbeitet hatte, erregte weltweite Aufmerksamkeit und wurde sofort in mehrere Sprachen übersetzt. Solschenizyn war mit seiner Darstellung der Geschichte der sowjetischen Straflager gelungen, was viele Antikommunisten vor ihm versucht, aber nie erreicht hatten: Mit einem Schlag entzog er dem sowjetischen Regime die ideologische Legitimation, indem er nachwies, dass die Verbrechen nicht „Entgleisungen“ des Kommunismus waren, sondern seinen Kern ausmachten. Die Schilderung der kommunistischen Verbrechen, die denen des Nationalsozialismus um nichts nachstanden, beendete die ideologische Hegemonie des Marxismus-Leninismus unter den linken Intellektuellen im Westen. Im Osten wurde das Buch zur schärfsten Waffe des antikommunistischen Widerstands im Untergrund. Kopien des „Archipel Gulag“ zirkulierten im Herbst 1973 bereits im sowjetischen Samisdat.

Den Beschluss, sich Solschenizyns zu entledigen, fasste das Politbüro der KPdSU am 7. Januar 1974.[5] KGB-Chef Juri Andropow schlug damals vor, ihn wie einst Leo Trotzki abzuschieben, statt ihn in der Sowjetunion zu verurteilen.[6] Die kommunistische Presse hetzte seit Wochen gegen den „Verräter“. Sogar „gegen den Heiligen der Heiligen, gegen Lenin“ habe Solschenizyn seine Hand erhoben, wetterte Michail Andrejewitsch Suslow, der Chefideologe der KPdSU, auf der Sitzung des Politbüros. Journalisten westlicher Medien besuchten diesen Mann, er gebe ihnen sogar Pressekonferenzen, sagte Andropow. Aber man müsse vorsichtig vorgehen, denn was auch immer man gegen den Nobelpreisträger unternähme, würde negative internationale Auswirkungen für die Sowjetunion haben. Am Ende stimmte Breschnew Andropows Vorschlag zu.

Sowjetische Botschafter sondierten, welches Land den „Staatsfeind“ aufnehmen würde. Mehrere Länder erklärten sich dazu bereit, die Wahl fiel auf Deutschland. Abschiebung und Übernahme wurden in geheimen Gesprächen zwischen Willy Brandts Chefunterhändler Egon Bahr und dem KGB-General Wjatscheslaw Keworkow detailliert geplant.[7] Am 2. Februar sagte Willy Brandt, in Deutschland sei Solschenizyn jederzeit willkommen.

Die Maschine landete am Nachmittag des 13. Februar auf dem Frankfurter Flughafen, wo bereits zahlreiche Journalisten und mehrere TV-Teams auf den Schriftsteller warteten. Ein Wagen des deutschen Außenministeriums brachte ihn nach Langenbroich in die Eifel zum Haus Heinrich Bölls. Die beiden kannten einander, Böll hatte Solschenizyn in der Sowjetunion besucht. In Langenbroich fanden sich auch seine alten Bekannten Elisabeth Markstein und Fritz Heeb ein.[8] Von den Journalisten, die dorthin geeilt waren, ließ er sich zwar fotografieren, lehnte aber Interviews mit der Begründung ab, er habe in Moskau bereits genug gesagt. Der Ansturm der Medien, dem er in den ersten Wochen nach seiner Deportation ausgesetzt war, verärgerte ihn. „Sie sind schlimmer als der KGB“, rief er den Journalisten einmal zu. „Diese Worte machten die Runde in der ganzen Welt, so unternahm ich einiges, um meine Beziehungen zu der Presse von den ersten Tagen an zu verderben. Wir sollten lange Jahre auf Kriegsfuß bleiben.“[9] „Schwer tut und tat sich A.S. mit den Menschen“, schrieb Markstein in ihren Erinnerungen.[10] Seine Freunde rieten ihm, sich in der Schweiz niederzulassen.

Am 15. Februar traf er in Zürich ein. Ende März folgten ihm seine Frau Natalja und ihre vier Söhne. Zunächst recherchierte Solschenizyn in Schweizer Archiven für seine Studie „Lenin in Zürich“, die 1975 auf Russisch erschien. Er nützte die Zeit aber auch dazu, sich Kenntnisse über das politische System der Schweiz anzueignen. Fred Luchsinger, der Chefredaktor der „Neuen Zürcher Zeitung“, riet ihm, einer Einladung des Kantons Appenzell zum Wahltag des Landammanns nachzukommen. Bei den Feierlichkeiten kam es zur ersten persönlichen Begegnung mit dem Fürsten und der Fürstin von Liechtenstein. Wenig später lud ihn Franz-Josef II. in sein Schloss ein. Der Besuch stand ganz im Zeichen der Vorgänge im Mai 1945. „Am Tisch befand sich ferner jener Premierminister vom Jahre 1945,[11] der die Verhandlungen mit General Holmston-Smyslowsky geführt und seinen Trupp aufgenommen hatte. Es stellte sich überdies heraus, dass auch der General selbst sich gerade in Vaduz aufhielt. … Sofort kam eine herzliche Wärme auf, wir verstanden einander in allem.“[12]

Solschenizyn war das Schicksal der Kosaken vertraut. Er hatte im Gulag viele Häftlinge kennengelernt, die während des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren von den Alliierten an Stalin ausgeliefert, repatriiert und zu drakonischen Haftstrafen von zehn bis 20 Jahren verurteilt worden waren. Unter ihnen befanden sich nicht nur sowjetische Staatsbürger, sondern auch Russen, die im Zuge der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen, sich eine neue Existenz aufgebaut und die Staatsbürgerschaft des Aufnahmelandes angenommen hatten. „Die Hauptströme flossen aus Bulgarien, Jugoslawien, der Tschechoslowakei, weniger aus Österreich und Deutschland.“[13]

Das Hauptkontingent der zu einer Gulag-Haft verurteilten Deportierten ­– nach Solschenizyns Schätzung eine Million, nach einer neueren russischen Statistik (1991) etwa 360.000[14] – bestand aus sowjetischen Soldaten, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren, sowie aus russischen Zivilisten, die die Deutschen als Zwangsarbeiter eingesetzt hatten. Sie alle wurden nach dem 14 Abschnitte umfassenden § 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches behandelt. „Bitterer und härter wurde bestraft, wer in Europa gewesen war, und sei’s nur als Ost-Sklave: Er hatte einen Zipfel europäischen Lebens gesehen und hätte darüber erzählen können … aus eben diesem Grunde, nicht einfach, weil sie sich gefangen nehmen ließen, wurden die meisten Kriegsgefangenen vor Gericht gestellt; und je mehr sie außer den deutschen Todeslagern vom Westen zu sehen bekommen hatten, desto sicherer wurden sie verurteilt.“[15] Stalin hatte den Soldaten befohlen,[16] unter keinen Umständen zu kapitulieren: „Wenn unsere Soldaten dafür, dass sie sich ‚dem Feind ergeben haben‘ (Schädigung des Kriegspotentials!), zu lediglich zehn Jahren verurteilt wurden, deutet sich darin ein beinahe schon ungesetzlicher Akt der Humanität an. Laut Stalin´scher Gesetzgebung hätten sie nach ihrer Heimkehr allesamt erschossen werden müssen.“[17]

Ihren Dimensionen nach überragt die Zwangsrepatriierung alle anderen Rückführungen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. In neun Monaten, von Mai 1945 bis Februar 1946, wurden 4.200.000 Sowjetbürger repatriiert, unter ihnen 1.545.000 ehemalige Kriegsgefangene und 2.655.000 Zivilisten (Zwangsarbeiter und Flüchtlinge vor den Kampfhandlungen). Ihren Höhepunkt erreichten die Deportationen von Mai bis September 1945, als Amerikaner und Briten mehr als zwei Millionen Gefangene und Zivilisten den Sowjets übergaben. In keinem anderen Land, das von Hitler angegriffen wurde, hatten sich während des Krieges so viele Soldaten und Zivilisten den deutschen Besatzern angeschlossen wie in der Sowjetunion. Schiere Angst dürfte die meisten der 800.000 bis 1,5 Millionen Soldaten motiviert haben, zu den Deutschen überzulaufen. Die Repatriierung ermöglichte es Stalin, sich an ihnen zu rächen.

Im Oktober 1944 hatte der britische Außenminister Anthony Eden in Moskau der raschen Übergabe „aller sowjetischer Staatsbürger, ohne Rücksicht auf deren Wünsche“ zugestimmt. Großbritannien, sagte Eden, könne sich Sentimentalität nicht leisten. Wenige Tage später brachen die ersten Schiffe mit mehr als 10.000 sowjetischen Gefangenen, unter ihnen Frauen und Kinder, von Liverpool nach Murmansk auf. Im Dezember 1944 begannen auch die Amerikaner mit den Auslieferungen. Am 11. Februar 1945 beschlossen die Großen Drei in Jalta ein Rückführungsabkommen, das sich auf „alle sowjetischen Staatsbürger“ erstreckte, ausgenommen waren lediglich Polen, Litauer, Letten und Esten aus den Gebieten, die von der Sowjetunion 1940 annektiert worden waren. Das Abkommen unterschied nicht zwischen Soldaten und Zivilisten. Stalin verfügte über die Mittel, seine Verbündeten zu erpressen. Zu Kriegsende hielten sich Tausende britische und amerikanische Soldaten in sowjetisch besetzten Gebieten auf. Besonders gefährdet waren Amerikaner mit osteuropäischen Wurzeln. Einige von ihnen ließ Stalin exemplarisch exekutieren.

In Großbritannien und in den Vereinigten Staaten, wo man gewohnt war, in ihm den guten alten „Uncle Joe“ zu sehen, gab es kaum Widerstand gegen die Zwangsrepatriierungen. Der „Economist“ (6. September 1945) fand nichts daran auszusetzen, dass „die Russen ohne Rücksicht auf ihre persönlichen Ansichten nach Hause geschickt“ werden. Die Sowjets, lobte die „New York Times“ (23. Oktober 1945), „helfen den ehemaligen Häftlingen, Arbeit zu finden“. Kein Wort davon, dass es sich dabei um Zwangsarbeit im Gulag handelte. Zwar gab es Einwände, die Alliierten würden sich mitschuldig machen, da vielen Ausgelieferten der Tod drohe und die Abschiebungen gegen die Regeln des Genfer Protokolls über die Behandlung von Kriegsgefangenen verstießen. Aber im Interesse guter Beziehungen zur Sowjetunion wurden solche Bedenken beiseitegeschoben.

Die Alliierten hatten allerdings nicht mit dem erbitterten Widerstand gerechnet, auf den sie bei vielen betroffenen russischen Soldaten und Zivilisten stoßen würden. „Wir gingen zu den Bauernhöfen, um die Russen einzusammeln, wo sie gearbeitet hatten – zumeist alte Männer und Frauen“, berichtete der britische Leutnant Michael Bayley. „Wir waren überrascht und ziemlich ratlos, als diese Menschen, die auf deutschen Höfen buchstäblich als Sklaven gearbeitet hatten, vor uns auf die Knie fielen und bettelten, bleiben zu dürfen.“[18] Die britischen und amerikanischen Offiziere standen vor dem Dilemma, eine Vereinbarung der Alliierten ausführen zu müssen, die dem Kriegsrecht widersprach. Die Moral der Truppe erodierte. Offiziere und Mannschaften begannen, erteilte Befehle zu sabotieren, für deren Ausführung sie sich schämten.

Eines der schlimmsten Kapitel in dieser traurigen Geschichte war die Auslieferung von kosakischen Familien und ihren Begleittruppen, insgesamt etwa 25.000 Personen, die sich in Osttirol niedergelassen hatten. In der Hoffnung, bald mit den Westmächten gegen die Sowjetunion kämpfen zu dürfen, ließen sich die Kosaken entwaffnen. Arglos bestiegen ihre 2.000 Offiziere am 28. Mai die Lastwagen, die sie nach den Versicherungen der Briten zu Feldmarschall Alexander bringen sollten. Viele hatten ihre Paradeuniformen und ihre Orden angelegt. Gepäck bräuchten sie nicht, hatte man ihnen gesagt, denn noch am selben Abend würden sie wieder bei ihren Familien sein.

Wenige Kilometer nach Lienz hielt die Kolonne an. Schwer bewaffnete Soldaten stiegen zu, Panzerwagen stießen zum Geleit. Die ersten Offiziere witterten den Verrat, sprangen aus dem fahrenden Konvoi und flüchteten auf die Berge. Alle anderen wurden nach Judenburg gebracht, wo sie an der Murbrücke dem NKWD übergeben wurden. Drei Tage später machten sich die Briten an die Auflösung des Hauptlagers in Lienz. Die Offiziere bereiteten die Mannschaft darauf vor, Frauen und Kinder abzuschieben. Die Soldaten, befürchteten sie, könnten weich werden. Man müsse sie daran erinnern, dass die Kosaken an deutscher Seite gekämpft und Kriegsverbrechen begangen hätten. Nun erhielten sie die Chance, „anständige Sowjetbürger“ zu werden. „Die Übergabe entsprach in ihrer heimtückischen Art ganz dem Geist der traditionellen britischen Diplomatie“, befand Solschenizyn.[19]

Im Lager wurde die Nachricht von der Auslieferung mit Entsetzen aufgenommen. Einige Tausend Kosaken versammelten sich in den frühen Morgenstunden des 1. Juni, rückten eng zusammen und beteten und sangen mit den Popen. Als die Soldaten anrückten, schlossen die Männer mit unterhakten Armen einen Ring um die Alten, die Frauen und die Kinder. Die Truppe hatte den Befehl, passiven Widerstand mit allen Mitteln zu brechen. Die Soldaten versuchten, die Männer zu zerstreuen, und schlugen mit Gewehrkolben auf sie ein. Augenzeugen zufolge hatten manche Soldaten Tränen in den Augen, als sie die Kosaken mit Gewalt auf die Lastwagen hievten. Wer konnte, versuchte der Festnahme zu entgehen. Mütter sprangen mit ihren Kindern in die reißende Drau und ertranken, Männer erschossen sich selbst oder flüchteten im Kugelhagel in die Wälder. Bis heute lässt sich nicht feststellen, wie viele ums Leben kamen, es könnten Hunderte gewesen sein. Da das Lager nicht eingezäunt war, konnten etwa 4.000 Kosaken entkommen. Einer offiziellen Bilanz zufolge lieferten die britischen Streitkräfte innerhalb eines Monats aus Osttirol 14.121 Männer, Frauen und Kinder den Sowjets aus. Dazu kamen 238 Kranke und Verletzte, die mit der Ambulanz nach Judenburg gebracht werden mussten, sowie 934 Kosaken, die von den britischen Patrouillen auf der Flucht gestellt wurden. Die geräumten Baracken und Zelte wurden von der lokalen Bevölkerung geplündert. Vieh und Pferde verteilten die Briten unter den Bauern.[20]

In den Lagern des Gulags war man über dieses Nachkriegsverbrechen besser informiert als im freien Westen. Dort komme alles an die Öffentlichkeit, schrieb Solschenizyn, „umso erstaunlicher also, dass gerade das Geheimnis dieses Verrats von der britischen und amerikanischen Regierung so sorgfältig bewahrt werden konnte, fürwahr das letzte Geheimnis des Zweiten Weltkrieges oder doch von den letzten eines. Ich konnte, der ich vielen dieser Leute in den Lagern und Gefängnissen begegnete, ein Vierteljahrhundert lang nicht recht glauben, dass die westliche Öffentlichkeit über diese in ihren Maßstäben grandiose Auslieferung von einfachen russischen Menschen nichts wisse, von ihrer Übergabe an die Willkür, ihrer Freifahrt in den Untergang.“[21]

In den Augen Solschenizyns vervollständigte der Verrat an den russischen Soldaten und Zwangsarbeitern den „Verrat von Jalta“: „Im Zweiten Weltkrieg rang der Westen um seine Freiheit, uns aber (und Osteuropa) hat er um zwei Spatenstiche tiefer in die Sklaverei reingetrieben.“[22] In ihren Ländern „werden Roosevelt und Churchill als Verkörperung staatsmännischer Weisheit verehrt, und es mag sein, dass die Denkmäler für den großen Sir Winston dereinst ganz England übersät haben werden. Uns hingegen, den Teilnehmern an den russischen Gefängnisdebatten, offenbarte sich mit frappierender Deutlichkeit die notorische Kurzsichtigkeit, ja Dummheit der beiden. Wie konnten sie bei ihrem Abstieg vom Jahre 1941 zum Jahre 1945 auf jegliche Garantien für die Unabhängigkeit Osteuropas verzichten? (…) Und welche militärische und politische Räson mag wohl für sie darin gelegen haben, einige Hunderttausend bewaffnete und absolut nicht kapitulationswillige Sowjetbürger dem Tod in Stalins Lagern auszuliefern (…) Dass derlei auf dem Fundament der britischen parlamentarischen Tradition möglich war, zwingt uns, sehr genau darüber nachzudenken, wie stark wohl die Oberflächenschicht unserer Zivilisation ist.“[23] Lange vor seiner Ausweisung aus der Sowjetunion hatte Solschenizyn im „Archipel Gulag“ bereits grundsätzliche Vorbehalte gegenüber dem Westen formuliert.

Als einer der Ersten hatte sich der polnische Antikommunist Józef Mackiewicz in einem historischen Roman mit der Auslieferung der Kosaken beschäftigt. Das Buch[24] wurde außerhalb der Emigrantenkreise allerdings kaum zur Kenntnis genommen. 1974 erschien „The Last Secret“ des britischen Historikers Nicholas Bethell[25], das zunächst ebenfalls wenig beachtet wurde. Doch 1977 entzündete sich an Nikolai Tolstoys Buch „The Victims of Jalta“[26] eine heftige Kontroverse. Zum ersten Mal seit Kriegsende sah sich das politische und militärische Establishment im eigenen Land des Vorwurfs schwerer Kriegsverbrechen ausgesetzt. Es wehrte sich mit allen Mitteln.

1986 veröffentlichte Tolstoy „The Minister and the Massacres“.[27] Darin bezichtigte er Harold Macmillan der politischen und Brigadier Toby Low der militärischen Verantwortung für die Auslieferung der Kosaken an Stalin sowie der antikommunistischen Kroaten und Slowenen an Tito im Mai und Juni 1945. Toby Low, der nach dem Krieg zum Lord Aldington geadelt wurde, klagte. In einem rechtsstaatlich fragwürdigen Verfahren[28] (dem Beklagten wurde von der Regierung die Einsicht in wichtige Dokumente verwehrt) wurde Tolstoy im November 1989 zu einer Geldstrafe von 1,5 Millionen (!) Pfund Sterling verurteilt, der höchsten, die in Großbritannien je wegen Verleumdung verhängt wurde.[29] Fürst Hans-Adam II., der die Nachfolge seines im November 1989 verstorbenen Vaters angetreten hatte, unterstützte den Autor mit großzügigen finanziellen Zuwendungen.[30] Auch Solschenizyn half ihm mit Spenden.[31]

Die Feigheit und Ignoranz der USA, Großbritanniens und anderer Länder gegenüber der Sowjetunion verglich Tolstoy[32] mit dem Mut des Fürstentums Liechtenstein. Ein kleines Land, „das kein Heer und nur eine elf Mann starke Polizei besitzt, (tat,) was kein anderer europäischer Staat wagte“.[33] Am späten Abend des 2. Mai 1945 war eine Gruppe von 462 Männern, 30 Frauen und zwei Kindern an der österreichischen Grenze zu Liechtenstein angekommen. Der Tross stand unter dem Kommando von Generalmajor Artur Holmston, recte Boris Alexejewitsch Smyslovsky, dem Befehlshaber der 1. Russischen Nationalarmee, die in die Deutsche Wehrmacht integriert worden war. Mit den Überresten dieser Armee, deren 6.000 Soldaten sich in den letzten Kriegswochen auf dem Weg von Polen über Böhmen nach Österreich zerstreut hatten, schlug er sich bis Feldkirch durch. Seine Leute hatten den strikten Befehl, unter keinen Umständen von ihren Waffen Gebrauch zu machen. In Liechtenstein ließen sie sich widerstandslos von der Polizei entwaffnen und in Internierungslager bringen. Am 10. Mai bat Holmston Fürst Franz-Josef II. um Asyl. Der Fürst stimmte zu. Indes sprach sich unter den Russen herum, was in Osttirol geschehen war. Die Furcht, auch in Liechtenstein nicht sicher zu sein und letztlich doch gewaltsam abgeschoben zu werden, aber auch Heimweh, verführte zweihundert von ihnen, sich gegenüber einer vom NKWD nach Vaduz entsandten Repatriierungskommission zur freiwilligen Rückkehr zu verpflichten.

Die übrigen blieben in Liechtenstein, bis sich Argentinien bereitfand, sie aufzunehmen. Im Herbst 1947 traten rund hundert Russen die Reise nach Buenos Aires an. „Ganz Liechtenstein hatte nur 12.141 Einwohner, und sein jährlicher Staatshaushalt belief sich auf zwei Millionen Schweizer Franken. Trotzdem gaben die Einwohner dieses kleinen Agrarlandes über zwei Jahre ohne Murren 30.000 Franken monatlich für den Unterhalt der Russen aus. Darüber hinaus zahlten sie die Gesamtkosten für die Auswanderung nach Argentinien, die sich insgesamt auf fast eine halbe Million Schweizer Franken beliefen.“ Die Bevölkerung ertrug diese Belastung ohne Murren: „Liechtenstein, als kleines, katholisches und traditionsbewusstes Land, erkannte die menschliche Tragödie und war überzeugt davon, dass dieser Gesichtspunkt alle politischen Bedenken oder Erwägungen des materiellen Vorteils überwog.“[34]

Für Solschenizyn war das Verhalten Liechtensteins beispielhaft. Er schätzte Fürst Franz-Josef II., weil er die Wahrheit erkannt, Mut bewiesen und entschlossen gehandelt hatte. „Wahrheit“ und „Mut“ sind die Enden des roten Fadens, der sich quer durch sein monumentales Werk zieht. An den beiden Begriffen entzündete sich die heftigste Kontroverse, die Solschenizyn im Exil zu bestehen hatte. Vier Jahre nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion und zwei Jahre nach seiner Übersiedlung von Zürich nach Cavendish im amerikanischen Bundesstaat Vermont hielt er an der Universität Harvard eine Rede, die sein Publikum aufgrund ihrer scharfen, grundsätzlichen Kritik am Westen zutiefst verstörte und fast das gesamte politische, mediale und intellektuelle Establishment gegen ihn aufbrachte.[35] Ein Bruch, der sich schon lange abgezeichnet hatte, wurde in Harvard offenkundig.

Wahrheit, sagte Solschenizyn, sei selten angenehm und erfordere totalen Einsatz. Die Illusion des Wissens hingegen führe zu vielen Missverständnissen. Der Westen unterliege dem Irrtum, dass sich ihm alle Regionen der Welt annähern würden. Er beurteile Länder und Zivilisationen danach, wie weit sie auf diesem Weg gekommen seien. Aber die Welt entwickle sich nicht hin zur Homogenität, diese ließe sich nur unter Anwendung von Gewalt erreichen. Einem von außen kommendem Beobachter falle am Westen besonders das Fehlen an Mut auf. „Die westliche Welt hat ihre Zivilcourage verloren, sowohl als Ganzes, als auch in jedem Land, in jeder Regierung, in jeder politischen Partei, und natürlich auch in den Vereinten Nationen.“ Müsse man daran erinnern, dass Mutlosigkeit schon immer als Zeichen des Niederganges gegolten habe?[36] Die Übel der westlichen Zivilisation wurzelten letztlich in einem anthropozentrischen Humanismus, der das Böse im Menschen leugne und kein höheres Ziel zulasse als irdisches Glück. Dem Beobachter aus dem Osten, wo die Presse streng vereinheitlicht sei, überrasche das hohe Ausmaß an Konformität in den westlichen Medien. Ganz ohne Zensur würden „zeitgemäße Trends in Gedanken und Ideen“ von denen getrennt, die nicht zeitgemäß seien: „Nichts ist verboten, aber was nicht zeitgemäß ist, findet selten seinen Weg in Periodika oder Bücher und kann auch nur selten in den Colleges gehört werden.“ Diese Argumentation erinnert an Alexis de Tocquevilles Analyse des Konformitätsdrucks, der von der amerikanischen Demokratie ausgehe. Im Rückblick nimmt sich die Rede geradezu prophetisch aus.

Die „New York Times“ nannte Solschenizyn gefährlich, weil er sich „im Besitz der Wahrheit“ wähne, die „Washington Post“ kommentierte, er habe die westliche Zivilisation nie verstanden. Arthur Schlesinger jr. warf ihm einen „von gottesfürchtigen Despoten regierten christlichen Autoritarismus“ vor.[37] Es war offensichtlich, dass sich weder die amerikanische Linke, noch die von einer weltweiten demokratischen Mission der Vereinigten Staaten überzeugte Rechte mit seiner Fundamentalkritik abfinden würden. Präsident war damals Jimmy Carter. Er und Henry Kissinger waren sehr auf Distanz zu Solschenizyn bedacht, um die Sowjetunion nicht zu verärgern. Ein Treffen mit Präsident Reagan wurde von dessen Berater Richard Pipes hintertrieben.[38] Große Begeisterung über die Harvard-Rede herrschte hingegen in Moskau. Der KGB zeigte ein Video davon auf einer eigens für KGB-Offiziere und hohe Parteifunktionäre organisierten Veranstaltung. Weitere Maßnahmen gegen Solschenizyn, hieß es dort, würden nicht mehr benötigt, denn er habe sich selbst diskreditiert.[39]

Solschenizyn hat keine ausgearbeitete politische Theorie hinterlassen. Er verehrte den russischen Reformer Pjotr Arkadjewitsch Stolypin (1862–1911), den die revolutionären Linken gleichermaßen hassten wie die reaktionären Rechten. In „August Vierzehn“, Kapitel 65, fügte er ein ausführliches Porträt Stolypins ein, den er für den einzigen wirklichen Staatsmann unter den russischen Politikern des 20. Jahrhunderts hielt.[40] Als Zar Nikolaus II. Stolypin 1906 zum Ministerpräsidenten ernannte, rollte eine Welle des Terrors über Russland. Allein in diesem Jahr revolutionärer Unruhen in den Städten und auf dem Land kamen 1126 Menschen bei Anschlägen ums Leben. Stolypin und seine Familie waren das Ziel von mehreren Attentaten, bei einem davon wurde seine Tochter schwer verletzt. Der Ministerpräsident ging einerseits mit drakonischen Mitteln gegen den Terror vor, andererseits begann er mit einem Umbau (er sprach als Erster von „Perestroika“) des Staates. An die Stelle autoritärer Willkür sollten rechtsstaatliche Verfahren treten, der Staat sollte auf der Basis lokaler Selbstverwaltung von unten nach oben erneuert werden. Vor allem aber wollte Stolypin die Bauern aus der Bindung an die Dorfgemeinschaft befreien. Ein auf Privateigentum an Grund und Boden basierender Bauernstand sollte die russische Gesellschaft stabilisieren und die Gefahr einer Revolution abwenden. Am 18. September 1911 wurde Stolypin in Kiew von einem Terroristen erschossen. Solschenizyn war überzeugt, dass Russland der Kommunismus erspart geblieben wäre, wäre es nicht in den Krieg eingetreten, sondern hätte genug Zeit gehabt, Stolypins Reformen umzusetzen. In der Schweiz konnte er sehen, wie Subsidiarität in der politischen Praxis funktioniert. Freiheit, privates Eigentum und lokale Selbstverwaltung hielt er für unabdingbar.[41]

In seiner Rede vor der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein entwickelte Solschenizyn noch einmal die Gedanken, die er in Harvard vorgetragen hatte: Mut und Wahrheit, Politik und Ethik, materielle und geistige Voraussetzungen der Zivilisation: „Nein, nicht alle Hoffnung liegt bei Wissenschaft, Technologie und Wirtschaftswachstum. Mit der sieghaften, auf der Technik beruhenden Zivilisation haben wir zugleich eine geistige Unsicherheit bekommen. Mit ihren Geschenken tut sie uns nicht nur wohl, sie versklavt uns auch… Alles geht um den Kampf für materielle Dinge, doch unser Gefühl sagt uns verhalten, dass etwas verloren gegangen ist – etwas Reines, Hohes und Zerbrechliches. Wir haben aufgehört, das Ziel zu sehen. Lassen Sie es uns eingestehen, wenn auch flüsternd und nur uns selbst: Eine Welt voller Betriebsamkeit und Hetze – wofür leben wir eigentlich?“[42]

[1] Alexander Solschenizyn: Zwischen zwei Mühlsteinen. Mein Leben im Exil. München 2005 (Herbig). S. 223

[2] Alexander Solschenizyn: Politik und Moral am Ende des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Rocco Buttiglione und Josef Seifert. Heidelberg 1994 (Univ. Verlag C. Winter). S. 8

[3] ebd. S. 33

[4] https://chronicle-of-current-events.com/2013/09/27/32-1-the-deportation-of-solzhenitsyn/

[5] https://bukovsky-archive.com/2016/07/05/7-january-1974-pb/

[6] Der KGB beschäftigte sich lange damit, wie er mit dem unbequemen Autor fertig werden sollte, dem er den Codenamen PAUK (Spinne) gegeben hatte. Seit der Veröffentlichung des Romans „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, die Nikita Chruschtschow 1962 noch persönlich genehmigt hatte, genoss der ehemalige Gulag-Häftling weltweite Bekanntheit. Als ihm im Oktober 1970 für diesen Roman der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, warnte Andropow, sein Verbleib in der Sowjetunion würde Solschenizyns Einfluss stärken. Es gelang ihm damals jedoch nicht, Breschnew für seinen Vorschlag der Deportation zu gewinnen.

Andrew, Christopher/Mitrokhin, Vasili: The Mitrokhin Archive. The KGB in Europe and the West. London 2000 (Penguin), S. 405 f., 414

[7] Focus, 29.5.1994

[8] Solschenizyn wurde im Westen damals vorwiegend von linken, antistalinistischen Intellektuellen unterstützt. Heinrich Böll hatte ihn mehrmals in der Sowjetunion besucht und ihm geholfen, Manuskripte ins Ausland zu bringen. Das tat auch die österreichische Slawistin Elisabeth Markstein (1929–2013), die Tochter des langjährigen KPÖ-Vorsitzenden Johann Koplenig. „Betta“, wie Solschenizyn sie nannte, hatte unter dem Namen Anna Peturnig gemeinsam mit Ernst Walter den „Archipel Gulag“ ins Deutsche übersetzt. Solschenizyns Schweizer Anwalt Fritz Heeb (1911–1994) war ein sozialdemokratischer Lokalpolitiker. Von 1944 bis 1956 hatte er der kommunistischen Partei der Arbeit angehört.

[9] Zwischen zwei Mühlsteinen, S. 22

[10] Markstein, Elisabeth: Moskau ist viel schöner als Paris. Leben zwischen zwei Welten. Wien 2010 (Milena)

[11] Josef Hoop (1895–1959) war von 1928 bis 1945 Regierungschef. https://historisches-lexikon.li/Hoop,_Josef_(1895%E2%80%931959)

[12] Zwischen zwei Mühlsteinen, S. 223f.

[13] Archipel Gulag, Band 1, S. 87

[14] Nicolas Werth: Ein Staat gegen sein Volk. In: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. München 2004 (Piper), S. 255

[15] ebd. S. 85

[16] Befehle des Volkskommissars für Verteidigung der UdSSR Nr. 270 (18. August 1941) sowie Nr. 227 (28. Juli 1942). https://web.archive.org/web/20140304002328/http://achtelpetit.de/keinen_schritt_zurueck.html

[17] Archipel Gulag, Band 1, S. 66

[18] Tolstoy, Nikolai: Die Verratenen von Jalta. Englands Schuld vor der Geschichte. München 1980 (Langen Müller). S. 433

Die folgende Darstellung stützt sich auf Tolstoys Buch.

[19] Archipel Gulag, Band 1, S. 247

[20] Im ersten Band des Archipel Gulag beschrieb Solschenizyn die Auslieferungen in Kapitel 6 („Jener Frühling“), S. 219–262, die Vorgänge in Österreich auf S. 246f.

[21] Archipel Gulag, Band 1, S. 87

[22] Archipel Gulag, Band 1, S. 244

[23] ebd. 247 f.

[24] Mackiewicz, Josef: Tragödie an der Drau oder Die verratene Freiheit. München 1957 (Bergstadtverlag)

[25] Bethell, Nicholas: The Last Secret. Forcible Repatriation to Russia 1944–47. London 1974 (Andre Deutsch Ltd.)

[26] Im selben Jahr unter dem Titel „Die Verratenen von Jalta. Englands Schuld vor der Geschichte“ bei Langen Müller, München.

[27] London 1986 (Century Hutchinson)

[28] Mitchell, Ian: The Cost of a Reputation. The controversial account of Britain’s most notorious war crime and its legal aftermath. London 1997 (Topical Books)

[29] Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befand 1995, dass das Urteil das Recht des Autors auf freie Meinungsäußerung verletzt habe.

[30] ebd. S. 435

[31] Zugunsten Tolstoys wandte sich Solschenizyn auch in einem Brief an Königin Elisabeth II.: „Ich ersuchte darum, Mittel zu finden, das ungeheuerliche Urteil zu mildern – zumindest eine symbolische Geste! Nein, ich erhielt ein nichtssagendes Antwortschreiben von einem hohen Beamten“ (Meine amerikanischen Jahre, S. 558)

[32] Repatriierungen gab es unter anderem auch in den skandinavischen Ländern. In Schweden opponierten die Kirchen und die Konservativen gegen die Auslieferungen, die Sozialdemokraten und die linke Presse befürworteten sie. „Es wäre taktlos, die Sowjetunion als etwas anderes als einen Rechtsstaat zu betrachten“, sagte Außenminister Osten Undén. Tolstoy, Die Verratenen von Jalta, S. 541

[33] Die Vorgänge in Liechtenstein schilderte Tolstoy, Die Verratenen von Jalta, auf den Seiten 543–551

Siehe auch Vogelsang, Henning von: Kriegsende in Liechtenstein. Das Schicksal der Ersten Russischen Nationalarmee der Deutschen Wehrmacht. Freiburg i. Breisgau 1990 (Herder)

[34] ebd. S. 549f.

[35] A World Split Apart. Harvard, 8. Juni 1978. Transkript und Video: https://www.americanrhetoric.com/speeches/alexandersolzhenitsynharvard.htm

[36] „To defend oneself, one must also be ready to die; there is little such readiness in a society raised in the cult of material well-being. Nothing is left, then, but concessions, attempts to gain time, and betrayal. “

[37] Solzhenitsyn at Harvard: The Address, Twelve Early Responses, and Six Later Reflections. Hrsg. von Ronald Bergman et.al. Washington D.C. 1980 (Ethics and Public Policy Center)

[38] Meine amerikanischen Jahre, S. 139. Zwischen Solschenizyn und dem aus Polen stammenden Pipes, dem Verfasser einer dreibändigen Geschichte der Russischen Revolution, herrschte eine innige Feindschaft. In der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts werde von Solschenizyn „wenig mehr als ein Piep“ übrigbleiben, prognostizierte Pipes auf einem Symposium des Frontpage Magazins, das nach dem Tod des Schriftstellers abgehalten wurde. www.orthodoxytoday.org/articles-2009/Glazov-Symposium-Remembering-The-Dissident.php

[39] Mitrokhin Archive, S. 419

[40] Das Rote Rad. Erster Knoten. August vierzehn. München 1995 (Piper). In seinem positiven Urteil war sich Solschenizyn mit Pipes einig. Siehe u. a.

Pipes, Richard: Russian Conservativism and its Critics. A Study in Political Culture. New Haven and London 2005 (Yale University Press), S. 174ff.

[41] Eine Übersicht über die politischen Ansichten Solschenizyns gibt Daniel J. Mahoney: The Other Solzhenitsyn. Telling the Truth about a Misunderstand Writer and Thinker. 2014 Southbend (St. Augustin’s Press)

[42] Politik und Moral, S. 41

An Merkels „Brandmauer gegen rechts“ droht die CDU zu zerbröseln

Es geht nicht so sehr darum, wie es in Thüringen weitergeht, sondern ob die CDU endlich aus der Sackgasse herauskommt, in die sie Angela Merkel manövriert hat.

Nicht die Liberalen und christlichen Demokraten im Landesparlament missachteten die demokratischen Spielregeln, sondern die Kanzlerin, die allen Ernstes öffentlich erklärte, das „unverzeihliche“ Wahlergebnis müsse revidiert werden. Die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer und ihr FDP-Kollege Lindner machten sich auf den Weg, um statutenwidrig ihre thüringischen Parteifreunde auf Linie zu bringen. Par ordre de Mutti wurden alle abgekanzelt, die es auch nur gewagt hatten, Kemmerich zu seiner Wahl zu gratulieren. Christian Hirte, der Vizechef der thüringischen CDU, verlor deshalb seinen Job als Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer.

Was war da eigentlich geschehen? War der Teufel in die Riege der thüringischen FDP- und CDU-Fraktion gefahren? Wollten sie ein „völkisches Thüringen“ unter dem rechtsradikalen Björn Höcke?

Tatsächlich widersetzten sie sich einer Erpressung durch Die Linke. Zwar hatte das rot-rot-grüne Bündnis bei den Wahlen versagt, aber die rechte Mehrheit stand aufgrund der Ausgrenzung der AfD vor einem Dilemma: CDU und FDP hätten ihre Wähler verraten, wenn sie Ramelows Stasi-Seilschaft zur Macht verholfen hätten; um das zu verhindern, waren sie auf die Hilfe der AfD angewiesen, mit der sie jede darüber hinausgehende Kooperation ablehnen. Konstellationen dieser Art könnten bald auch in anderen Landesparlamenten auftreten, in denen die Rechtspopulisten stark vertreten sind. Wenn die Mitte schrumpft und die linken und rechten Ränder wachsen, droht das System Merkel unregierbar zu werden.

Ihren Aufstieg verdankt die AfD dem Linkskurs der Kanzlerin. Franz Josef Strauß hatte darauf geachtet, dass sich rechts der CSU keine demokratisch legitimierte Kraft etablieren konnte. Merkel hingegen verjagte die Konservativen aus der CDU. Das nützte zwar ihrem Machterhalt, kostete die CDU bei der letzten Bundestagswahl aber eine Million Wähler, die zur AfD abwanderten. Eine weitere Folge war, dass sich die AfD in der Isolation als rechte Sammelpartei immer mehr radikalisierte. Hinter der „Brandmauer“, die einst gegen Bernd Luckes liberale AfD errichtet wurde, regiert jetzt Höckes rechtsradikaler „Flügel“.

https://www.diepresse.com/5767361/an-merkels-brandmauer-gegen-rechts-droht-die-cdu-zu-zerbroseln

Ist der Austritt Großbritanniens der Anfang vom Ende der EU?

Die Reaktionen auf den Brexit lassen befürchten, dass die EU nicht bereit ist, ihren zentralistischen Kurs zu ändern. Sie riskiert damit, an ihm zu scheitern.

Den Traum von einem europäischen Großstaat haben schon viele geträumt. Napoleon und Hitler sind an dem Versuch gescheitert, ihn mit Gewalt herzustellen. Es ist bisher auch noch nicht gelungen, durch die zunehmende Entrechtung der Nationalstaaten in einer „ever closer union“, in einer immer engeren Union, einen föderalen Superstaat zu realisieren.

Einen solchen Staat, der eine artifizielle europäische Identität an die Stelle der historisch gewachsenen nationalen Identitäten setzt, wollen nicht nur die Briten nicht, sondern auch die anderen europäischen Völker nicht. Es geht in Europa eben nicht nur um Wirtschaft. Die entscheidende Frage betrifft die nationale Souveränität, die sich mit der Suada von den europäischen Gemeinsamkeiten nicht aus der Welt schaffen lässt. Haben Italiener, Franzosen und Deutsche wirklich die gleichen wirtschaftlichen Interessen? Haben Holländer und Rumänen, Kroaten und Schweden, Polen und Portugiesen wirklich das gleiche Wertesystem? Die Sphäre der Werte und der Interessen der europäischen Völker ist unendlich reicher und wesentlich wirksamer, als die Zentralisten wahrhaben wollen.

Die Vorstellung, nach dem Ausscheiden der Briten würde es leichter werden, die Union noch enger zusammenzuführen, ist abwegig. Allein schon durch den Ausfall der britischen Beitragszahlungen wird es schwieriger, die unbotmäßigen Länder bei Laune und an der Leine zu halten.

Ein knappes Jahr ist es her, dass Guy Verhofstadt die Tories um Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg warnte, sie könnten wie Danton und Robespierre auf dem Schafott enden, weil die einfachen Leute ihre Politik nicht schätzten („Independent“, 12. 2. 2019). Die Geschichte nahm einen etwas anderen Verlauf, als er erwartete. Hoffentlich wird ihn einmal ein milderes Schicksal ereilen als jenes, das er den Brexiteers in Aussicht stellte.