Wie politisch korrekt war das lateinische Mittelalter? Ein Briefwechsel über eine Glosse.

Leserbrief zu: Karl-Peter Schwarz, Wie politisch korrekt war das lateinische Mittelalter. Quergeschrieben, 6. Juni 2019

In „Quergeschrieben“ vom 6. Juni 2019 bedauert Karl-Peter Schwarz, dass Studenten der mittelalterlichen Geschichte nun auch von „bigotten Moralisten und Postmarxisten belästigt“ würden. Er bezieht sich dabei auf die Debatte um die Chicagoer Mediävistin Rachel Fulton Brown auf der Grundlage des von Milo Yiannopoulos verfassten Buches „Medieval Rages“ (2019). Nun mag der mehrfache Studienabbrecher Yiannopoulos, der mit seinen absurden Aussagen zu Homosexualität, Migration und Pädophilie selbst bei dem früher von Stephen Bannon betriebenen Breitbart News Network keine publizistische Bleibe finden konnte, a priori nicht die geeignete Auskunftsperson über den gegenwärtigen Zustand irgendeiner akademischen Disziplin sein. Zumindest sollte man sich auf dieser Grundlage kein Generalverdikt über die Mittelalterstudien erlauben.

Dass die Gefahr bestünde, dass „wohlfeile Kritik an Rassismus und Homophobie“ die ernsthafte Beschäftigung mit den mittelalterlichen Texten ersetzen würde, ist schlichtweg unsinnig, wenn man nur einigermaßen die Forschung im Auge hat. Richtig ist hingegen, dass aktuelle theoretische und methodische Ansätze einen neuen Blick auf den Kontext und die Intentionen mittelalterlicher Quellen erlauben. Deutlich wird damit die Vielfalt und Komplexität der mittelalterlichen Gesellschaften jenseits früherer Klischees der „dunklen Jahrhunderte“, aber auch der Idyllisierung eines „harmonischen christlichen Europa“ wie etwa bei Novalis 1799. Wenn Schwarz also Fulton Brown mit „Learn some fucking history!“ zitiert, dann sei dies auch ihm ans Herz gelegt. Die Grundlage dafür wird er allerdings nicht in den Streitschriften von Vertretern der Alt-Right-Bewegung finden, sondern in der blühenden Forschungslandschaft der Mittelalterstudien; nächste Gelegenheit dazu wäre der International Medieval Congress in Leeds Anfang Juli mit mehr als 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus aller Welt.

 

Dr. Johannes Preiser-Kapeller,

Institut für Mittelalterforschung/Abt. Byzanzforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften, 1020 Wien

Meine Antwort:

Sehr geehrter Herr Dr.Preisler-Kapeller,

die alte Kulturtechnik des sorgsamen Lesens gerät leider zunehmend in Vergessenheit. Bei einer unbefangenen Lektüre meiner Glosse, sine ira et studio, wäre Ihnen sicher aufgefallen, das ich mir mitnichten ein „Generalverdikt über die Mittelalterstudien“ erlaubt, mich gegen neue Methoden und Gesichtspunkte der Forschung ausgesprochen oder behauptet habe, die jüngeren Historiker gingen generell der seriösen Arbeit aus dem Weg. Meine Glosse beschäftigte sich mit einem ganz konkreten Fall, nämlich der Rufmordkampagne linker Studenten und akademischer Rabauken, die eine international renommierte und mehrfach ausgezeichnete Mediävistin der Universität Chicago als „white suprematist“ und „Rassistin“ beschimpften. Die Universität hat sie nach einigem Zögern gegen diese Angriffe verteidigt, und das hätte ich eigentlich auch von Ihnen erwartet. Dass die Meinungsfreiheit an den amerikanischen Universitäten in Gefahr ist, dürfte Ihnen als Zeitungsleser vermutlich nicht entgangen sein.

Meine Generation hat im Gymnasium noch gelernt, auf Argumente ad rem nicht mit Argumenten ad personam zu antworten. Genau das tun Sie aber. Es ist völlig belanglos, was Sie über Milo Yiannopoulos zu wissen glauben, welche sexuellen oder politischen Vorlieben er hat, oder was Steve Bannon von ihm hält. Milo Yiannopoulos ist Journalist. Er erfuhr von der Kampagne gegen Rachel Fulton Brown, fuhr nach Chicago, sprach mit ihren Freunden und ihren Gegner, wog die Argumente gegeneinander ab und machte daraus ein überaus lesenwertes und lesbares Buch, das Sie offenbar nicht gelesen haben. Rachel Fulton Brown ist ihm dankbar dafür, und ich ihr, dass sie auf meine kleine Glosse heute mit „Danke! This is excellent! I shared it with Milo“ reagierte.

Ihren Rat, Geschichte zu lernen, beherzige ich gern. Ich lerne seit bald fünfzig Jahren Geschichte, habe in meinem Beruf enorm davon profitiert und werde damit nie aufhören. Sie haben das große Privileg, Geschichte als Beruf betreiben zu können. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Wäre nicht schlecht, wenn die Geschichte Sie auch ein bisschen Bescheidenheit lehren würde.

Mit freundlichen Grüßen,

Karl-Peter Schwarz

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