Was darf die Reportage? Und was darf sie nicht?

Ist jede erzählende Reportage tatsächlich ein „imaginierter Text“? Und welche Regeln hat sie zu beachten? 

Angelika Overath hat heute in der F.A.Z. die „Spiegel“-Affäre kommentiert (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/woran-man-erkennt-dass-relotius-texte-keine-reportagen-sind-15961325.html?premium). Was sie bei Relotius stört, ist der „Märchenton“, nicht das Märchen, der Kitsch, nicht die Fiktion. Overath verehrt Marie-Luise Scherer, ich auch, aber nicht als Journalistin, sondern als Schriftstellerin. Der Unterschied ist wichtig, da es nun einmal um geistige Hygiene geht. Sätze wie die, die Overath zitiert, hätten einem Flaubert einfallen können, auch einem Andric, einer Yourcenar oder einem Ranke-Graves, aber in einem journalistischen Text haben sie nichts verloren: „Mademoiselle Iona Seigaresco hatte es eilig, eine alte Frau zu werden. Sie trug einen kleinen, braunen Filzhut, den sie sich, ohne das Echo ihres Garderobenspiegels zu beachten, einfach überstülpte. Nur fest und tief musste er sitzen und das Gesicht wegnehmen. Die Handtasche hing ihr an einem knappen Riemen vor der Brust. Sie ging stark gebeugt, was ihr jedoch nicht ersparte, die Obszönitäten am Boulevard de Clichy zu sehen, an dem sie wohnte.“ Historische Romane gehen ähnlich vor. Gesicherte Fakten sind das Skelett, an dem sich die emphatische Erzählung inspiriert. Das spricht keineswegs gegen den historischen Roman, man darf ihn nur nicht mit Geschichte verwechseln.
Bei aller Wertschätzung für Scherer: Gerade weil ihre Texte den Leser so in den Bann schlagen, tragen sie Mitschuld an der Feuilletonisierung des Journalismus. Ganze Generationen von Journalistenpreisträgern haben sich an ihnen orientiert und hemmungslos „imaginiert“. Basta! Für Reportage gibt es eine einfach Regel, die Berthold Kohler den FAZ-Redakteuren gegenüber einmal so formulierte: „Hingehen, hinschauen, zuhören, schreiben.“ Das ist es.

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