Der Osterhase im Lichte der politischen Ökonomie

Warum gelingt es der religiösen Minderheit der Muslime, ihre Interessen durchzusetzen und der Mehrheit der Bevölkerung ihre Präferenzen zu oktroyieren?

(Die Presse, 5. 4.2018)

Die Welt der sogenannten sozialen Medien hat ihre eigenen Regeln. Eine davon lautet in Kurzform: „Je dümmer, desto twitter“. Bestätigt wurde sie zuletzt von einem gewaltigen Shitstorm, der ausbrach, als im Internet der Kassazettel eines Berliner Kaufhauses mit der Eintragung „Traditionshase“ verbreitet wurde. Nach wenigen Tagen wies Google unter diesem bisher unbekannten Schlagwort 200.000 Ergebnisse aus.

Rechte Bedenkenträger, die den Kassenbon mit deutscher Gründlichkeit inspiziert hatten, beklagten den Verrat am christlichen Abendland und drohten mit Kaufhausboykott. Dagegen formierte sich die Front der politisch korrekten Islamophilen. Linke Witzbolde schließlich nützten die Gelegenheit, um dem sozialdemokratischen Punschkrapferl (außen rosa, innen braun) den rechtspopulistischen AfD-Hasen (außen braun, innen hohl) zur Seite zu stellen.

Von der christlichen Symbolik her betrachtet hat der Osterhase mit der Auferstehung so wenig zu tun wie der Weihnachtsbaum mit Christi Geburt. In Verbindung mit dem Ei, einem alten Lebenssymbol, dürfte der kleine Rammler im 17. Jahrhundert von einem deutschen Pastor als Fertilitätsverheißung ins Osterbrauchtum eingeführt worden sein.

Schwer vorstellbar, dass es Muslime gibt, die ausgerechnet an einem Virilitätssymbol Anstoß nehmen könnten. Noch steht er jedenfalls nicht auf der Liste der bedrohten Tierarten – und selbst der ORF dürfte nicht so schnell dazu übergehen, vor den besonderen Risiken des Traditionsverkehrs zu warnen.

Allerdings werden der Reihe nach Weihnachts- in Wintermärkte und Oster- in Frühlingsmärkte umgetauft. Immer mehr Großkantinen und Caterer nehmen Schweinefleisch aus ihrem Angebot. In konfessionell geführten Spitälern werden Kreuze aus Krankenzimmern entfernt. Kunden eines Discounters entdeckten voriges Jahr, dass die Kirchenkuppeln auf einer griechischen Käsepackung plötzlich keine Kreuze mehr hatten. Sie waren aus dem Foto wegretouchiert worden. Man habe die religiöse Vielfalt durch Vermeidung religiöser Symbole unterstützen wollen, verteidigte sich das Management.

Was sich wie vorauseilender Gehorsam ausnimmt, folgt einer ökonomischen Logik. Schweinefleisch ist für Muslime verboten, aber Nichtmuslime kommen auch ohne es aus. Da doppelt zu kochen teurer ist, streicht man es einfach vom Speiseplan. Die Kreuze verschwinden auf Wunsch muslimischer Patienten aus den Spitälern, und die Mehrheit der religiös indifferenten Patienten bemerkt das eh nicht mehr.

Wie leicht hochmotivierte, intolerante Minderheiten von nicht mehr als drei bis vier Prozent der Bevölkerung einer Gesellschaft ihre Präferenzen diktieren können, zeigt der libanesische Christ Nassim Nicholas Taleb, Autor des Weltbestsellers „Der schwarze Schwan“, in seinem neuen Buch („Skin in the Game“). Derselben minority rule folgend beherrscht die Minderheit der Islamisten auch die muslimische Bevölkerungsgruppe.

Ähnlich erklärte schon 1965 der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson den Erfolg kleiner Gruppen von Fanatikern („Logik des kollektiven Handelns“).

Wie man sieht, bedarf die „Unterwerfung“, die Michel Houellebecq in seinem Roman beschrieben hat, gar keiner besonderen Anstrengungen. Die gelingt ganz von allein.

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