Die doppelte Flucht eines österreichischen Gelehrten

1938 wurde Erich Vögelin in Wien von den Nazis verfolgt.

1968, inzwischen nannte er sich Eric Voegelin, terrorisierten ihn in München die linken Studenten.

(Die Presse, 14.3.2018)

Seine erste Flucht wäre beinahe missglückt. Doch es fügte sich, dass Erich Vögelin nicht zu Hause war, als die Gestapo kam, um ihm den Pass mit dem Ausreisevisum abzunehmen. Dieser lag im Passamt – und er konnte ihn gerade noch abholen, bevor die Gestapo dort eintraf. „Noch am Abend desselben Tages nahm ich, mit zwei Taschen bepackt, einen Zug nach Zürich. Den ganzen Weg über zitterte ich, dass die Gestapo mich doch noch ausfindig machen und an der Grenze festnehmen würde“, schrieb er in seinen 1989 posthum erschienenen autobiografischen Reflexionen.

Die in Harvard lehrenden österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter und Gottfried von Haberler verschafften ihm ein unbefristetes Einreisevisum für die USA. 1942 wurde aus Erich Vögelin der amerikanische Staatsbürger Eric Voegelin. Die österreichischen Wissenschaftler, die 1938 in die USA emigrierten, waren vorwiegend Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten. Voegelin nicht. Vor 1933 hatte er sich mit politischer Philosophie beschäftigt, nicht mit aktueller Politik.

Doch angesichts der drohenden Katastrophe stellte er sich auf die Seite der österreichischen Regierung, „die sich entschlossen gegen den Vormarsch der Nationalsozialisten zur Wehr setzte. Die Effektivität ihres Widerstandes wurde jedoch durch die Opposition gefährdet. Die sozialdemokratische Partei war getreu der marxistischen Ideologie nicht zu dem Zugeständnis bereit, dass sich ein kleines Land wie die österreichische Republik den politischen Erfordernissen der Zeit anpassen müsse. Die Hinwendung Österreichs zu Mussolini als Schutz vor dem noch schlimmeren Übel Hitler lag offensichtlich jenseits des Fassungsvermögens von glühenden Marxisten, die überdies nichts anderes taten, als ,Faschismus‘ zu brüllen.“

Fragen der Parteizugehörigkeit waren für Voegelin zweitrangig, denn „sie gehören in die Rubrik ,Kampf der Ideologien‘ untereinander“. Es gebe allerdings „Situationen geistiger Unordnung, in denen alle Parteien so falschliegen, dass es ausreicht, die Gegenseite zu unterstützen, um wenigstens teilweise im Recht zu sein“. An der Wiener Universität war seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus bekannt. Studenten, die eben erst sein Seminar über Verwaltungsverfahren besucht hatten, trugen nach dem „Anschluss“ die schwarze Uniform der SS. Er wurde entlassen, die Gestapo durchsuchte seine Wohnung auf „belastendes Material“.

In seiner Autobiografie beklagte Eric Voegelin den „mörderischen Gleichmut der Intellektuellen, die ihr Ich verloren haben und versuchen, es wiederzugewinnen, indem sie zu Kupplern totalitärer Mächte werden“.

Unter ideologisch umgekehrten Vorzeichen sollte er das Jahre später noch einmal erleben.

1958 folgte er einem Ruf nach München, wo er das Institut für Politikwissenschaft gründete. Studenten und Assistenten, erinnerte er sich, habe er erst zu einem „unabhängigen Verhalten“ hinführen müssen. Die akademische Oberschicht hatten die Nazis liquidiert, geblieben waren nach 1945 Mittelmaß und Provinzialismus. Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus habe er 1968 „durch das Hereinbrechen des Pöbels von unten deutlich zu spüren“ bekommen. Der Betrieb sei durch die „berühmte Demokratisierung“ lahmgelegt worden. Keinem war es mehr vergönnt, „in Frieden seiner Arbeit nachzugehen“. Marxistische Studenten hinderten jeden am Reden, der nicht ihrer Meinung war. Obwohl München „von den schlimmsten Auswirkungen verschont“ blieb, verließ Voegelin 1969 Deutschland und ging nach Stanford, wo er 1985 starb.

Dahrendorf, Sontheimer, Scheuch und viele andere kehrten den Hochschulen damals den Rücken. Joseph Ratzinger erinnerte sich an „die Hemmungslosigkeit, mit der man jede moralische Überlegung als bürgerlichen Rest preisgeben konnte, wenn es um das ideologische Ziel ging“. Von ihren Nazi-Eltern hatten die neuen Barbaren einiges gelernt.

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