Mit Marx und Mao gegen Wohlstand und Modernisierung

Die Achtundsechziger haben überhaupt keinen Grund, auf ihre reaktionäre Vergangenheit stolz zu sein

Von Karl-Peter Schwarz

 

Quergeschrieben, Die Presse 1.3.2018

Viele Legenden ranken sich um das Jahr 1968. Eine davon behauptet, dass die linke Studentenbewegung eine ganze Generation geprägt habe; eine andere, dass sie die Gesellschaft demokratisiert und liberalisiert habe. Tatsächlich war sie nur ein Randphänomen, und ihre Ziele waren totalitär.

Der Wirtschaftshistoriker Angus Maddison nannte die Jahre von 1950 bis 1973 „das goldene Zeitalter einer beispiellosen Prosperität“. Bei einer jährlichen Wachstumsrate von vier Prozent verdreifachte sich das Pro-Kopfeinkommen in Westeuropa. Möglich wurde dieser rasante Aufschwung durch den Fleiß und die Sparleistung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, durch technischen Fortschritt, wachsendes Humankapital und weltweiten Handel. Vergleichbare, wenn auch nicht so heftige Wachstumsschübe hatte es im neuzeitlichen Europa zuvor nur nach den napoleonischen Kriegen sowie zwischen 1870 und 1913 gegeben, in der Ära des klassischen Liberalismus.

In den Fünfzigerjahren kamen in Europa die ersten vollautomatischen Waschmaschinen, Kühlschränke, Elektroherde und transportablen Staubsauger auf den Markt, die für durchschnittliche Haushalte erschwinglich wurden. 1960 wurde die Antibabypille als Verhütungsmittel zugelassen. Kapitalistische Innovationen befreiten die Frauen von ihrer ausschließlichen Bindung an Haushalt und Reproduktion, holten sie in den Arbeitsmarkt und revolutionierten das Verhältnis zwischen den Geschlechtern (damals gab es erst zwei).

Wer um 1950 geboren wurde, wuchs in einer Zeit auf, die mehr Ähnlichkeiten mit dem ausgehenden neunzehnten als mit dem einundzwanzigsten Jahrhundert aufwies. Das Fernsehen setzte sich als Massenmedium erst allmählich durch, Flug- und Fernreisen oder gar ein Studium im Ausland konnten nur sehr wohlhabende Familien ihren Kindern bieten. Die Verhältnisse änderten sich in den Sechzigerjahren schlagartig. Wie eine Flutwelle brach die Modernisierung über die westlichen Gesellschaften herein, neue Ideen und Verhaltensweisen verbreiteten sich und erwiesen sich als ebenso destruktiv wie kreativ.

Plötzlicher Wohlstand erzeugte überzogene Ansprüche und kurbelte den Massenkonsum an. „I can’t get no satisfaction“ wurde zur Losung einer ganzen Generation. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung verleitete zur Flucht aus der persönlichen Verantwortung. In wenigen Jahren erschütterte die kapitalistische Kulturrevolution Ordnungen und Hierarchien, die zwei Weltkriege überdauert hatten.

All das geschah, ohne dass die Ideen von Marx und Mao, Dutschke und Cohn-Bendit die große Mehrheit der Babyboomer auch nur gestreift hätten. Die linke Studentenbewegung, in der heutige Pensionisten ihre akademische Adoleszenz auslebten, war eine Minderheitenveranstaltung. Sie war nicht die Ursache, sondern lediglich eine destruktive Folge der Veränderungen – ein Überbauphänomen, um es im marxistischen Jargon der Achtundsechziger zu sagen. Verbissen kämpften die Neulinken gegen den Kapitalismus an, der die große Wende herbeigeführt hatte. Sie hielten sich für revolutionär und waren zutiefst reaktionär.

Viele von denen, die sich in diesem Wahnsinn verfingen, schämen sich heute dafür. Aber nicht wenige Alt-Achtundsechziger glauben immer noch, sie hätten Politik und Gesellschaft liberalisiert und demokratisiert, während sie in Wirklichkeit ihre Nazi-Eltern auf geradezu „elende Weise“ imitierten – so Götz Aly in „Unser Kampf“ (2008), dem bis heute besten Buch zu diesem Thema. Es gibt absolut keinen Grund, die geistige Verwirrung zu preisen, die linke Ideologen und Ideokraten in den Hochschulen, den Medien und den Parteien anrichten. Den Marxismus haben sie und ihre Mitläufer auf dem langen Marsch bis zur Unkenntlichkeit modifiziert und europäisiert. Geblieben ist ihnen der Wille zur Verteidigung ihres Deutungsmonopols, auf dem ihre Macht beruht.

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