Päpstliche Beschwichtigungspolitik gegenüber der Volksrepublik China

Der Druck auf Chinas Katholiken hat unter Machthaber Xi Jinping zugenommen. Ausgerechnet der Vatikan fügt sich. Die Untergrundkirche fühlt sich verraten,

Die Presse, 22.2.2018

Von Karl-Peter Schwarz

In welchem Land der Welt ist die katholische Soziallehre am besten verwirklicht? Sie werden es nicht glauben, aber nach Ansicht des argentinischen Kurienbischofs Marcelo Sánchez Sorondo ist das die Volksrepublik China.

Denn dort gebe es weder Drogen noch Liberalismus, sondern ein „positives nationales Bewusstsein“. Die chinesische Führung lasse sich nicht von den Ölkonzernen manipulieren, sondern verteidige im Einklang mit der Öko-Enzyklika „Laudato si“ das Pariser Klimaabkommen. Während andere Länder dem „liberalen Denken“ verhaftet blieben, habe China „die moralische Führerschaft übernommen“ und arbeite für das Wohl des Planeten.

Nun ist Sorondo kein ultralinker Befreiungstheologe im Dschungelpyjama, sondern Kanzler der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften in Rom und – so hört man – ein alter Freund von Papst Franziskus. Sein Interview ist ein Signal an Peking und liegt ganz auf der Linie der neuen vatikanischen Außenpolitik, die im Interesse guter Beziehungen dazu übergegangen ist, papsttreue Bischöfe der chinesischen Untergrundkirche zu opfern, um eine Versöhnung mit der kommunistisch gelenkten „Katholisch-Patriotischen Vereinigung“ (KPV) herbeizuführen.

Der offiziellen Sprachregelung nach ist China eine „sozialistische Marktwirtschaft“. Die Reformen, die Ende der 1970er-Jahre begannen, haben das Land aus der kommunistischen Steinzeit in die Ära der Globalisierung katapultiert und eine halbe Milliarde Menschen aus bitterster Armut befreit – eine beispiellose soziale Errungenschaft des Kapitalismus.

Die Schattenseite ist das Sozialistische an China: Diktatur der KPCh, staatlicher Dirigismus, gierige Bonzen und Oligarchen, Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Arbeitslager, Exekutionen; nach außen Nationalismus, Militarismus und Weltmachtsambitionen.

In der Volksrepublik China gibt es zwölf Millionen Katholiken, von denen etwa die Hälfte zur KPV überliefen. Der Druck der militant atheistischen Regierung auf die Papsttreuen im Untergrund, sich dem „ausländischen Einfluss“ zu entziehen, wurde unter Präsident Xi Jinping immer stärker. Religionen, die sich nicht dem Kommunismus anpassten, seien eine Gefahr, sagte Xi am 19. Parteitag im Oktober 2017. Seit Anfang Februar steht der Besuch von Gottesdiensten unter Strafe, sofern sie nicht vom KPV genehmigt wurden.

Neu ist nicht das Problem der Verfolgung der Katholiken in kommunistischen Diktaturen, sondern die Art, wie der Vatikan damit neuerdings umgeht. Vor zehn Jahren hatte Benedikt XVI. die chinesischen Katholiken noch dazu aufgefordert, sich in einer Kirche zu vereinigen und die päpstliche Autorität anzuerkennen. Die Zugehörigkeit zur KPV bezeichnete er als „unvereinbar“ mit der katholischen Lehre.

Zwar gestattete er es Peking, Bischöfe vorzuschlagen, die er im Fall ihrer positiven Überprüfung auch ernannte. Zum ersten Mal aber hat der Vatikan jetzt papsttreue Bischöfe zum Rücktritt aufgefordert, um zwei bisher nicht anerkannten KPV-Bischöfen Platz zu machen. Kardinal Joseph Zen, emeritierter Bischof von Hongkong, nennt das Verrat. Es gehe nicht an, dass exkommunizierte Bischöfe legalisiert und legale Bischöfe zum Rücktritt gezwungen werden.

Die Beispiele der Kardinäle Alojzije Stepinac und József Mindszenty sollten Bergoglio eine Lehre sein. Stepinac hatte sich dem Wunsch Titos widersetzt, die kroatische Kirche von Rom zu trennen. Pius XII. weigerte sich, ihn als Erzbischof von Zagreb abzusetzen. Stepinac starb 1960 im Hausarrest, sein Begräbnis wurde zur ersten antikommunistischen Massenkundgebung in Jugoslawien.

Paul VI. hingegen forderte 1973 den Rücktritt Mindszentys als Erzbischof von Esztergom. Als sich der Kardinal weigerte, enthob er ihn seines Amtes. Mindszentys Nachfolger kollaborierten fleißig mit dem Regime, aber an der Unterdrückung der Katholiken änderte sich nichts.

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