#MeToo und die Diktatur des Konformismus

Vergangene Woche veröffentlichten Catherine Deneuve und weitere hundert prominente Französinnen in „Le Monde“ ein Manifest zur Verteidigung der sexuellen Freiheit gegen den hysterischen Puritanismus der #MeToo-Bewegung. Tags darauf brachte der „New Yorker“, das politisch korrekte Intelligenzblatt der gleichnamigen Metropole, eine Replik von Laura Collins, die den Text und die Intentionen des Manifests krass entstellte, um dessen Verfasserinnen der „Apologie des sexuellen Übergriffs und der Belästigung“ bezichtigen zu können.

In dem Manifest heißt es, „la drague insistante ou maladroite n’est pas un délit“ („beharrliches oder plumpes Anbaggern ist kein Verbrechen“), was Collins freizügig mit „hitting on someone insistently or awkwardly is not an offense“ übersetzt hat. Daraus leitete sie den Vorwurf ab, mit dem ersten Satz ihres Manifests („Vergewaltigung ist ein Verbrechen“) hätten es die Französinnen wohl nicht ernst gemeint. Die Kritik der Verfasserinnen an der Cinémathèque Française, die eine Retrospektive der Filme Roman Polanskis abgesetzt habe, weil sie nicht zwischen dem Mann und seinem Werk unterscheiden könne, interpretiert Collins als Versuch, einen Kinderschänder in Schutz zu nehmen.

 

Da ist sogar etwas dran. Denn statt „wie Kinder mit den Gesichtern von Erwachsenen“, so steht es im Manifest, weinerlich nach Schutz zu flehen, wissen diese Frauen nämlich noch, wie man sich wehrt, nötigenfalls auch mit Watschen und gezielten Tritten.

Die bisher spektakulärste #MeToo-Kundgebung war die diesjährige Verleihung der Golden Globe Awards. Alle erschienen in schwarzer Robe, die jüngeren Damen nabeltief dekolletiert und auch sonst notdürftig bedeckt, denn bei aller Weinerlichkeit kam es nicht zuletzt darauf an, das eigene Angebot ins Rampenlicht zu rücken. Die Solidarität galt natürlich nur den Opfern sexueller Zudringlichkeiten, nicht auch jenen, die auf bloße Anschuldigungen hin, ohne ein Gerichtsverfahren, geschweige denn ein Urteil, an den Pranger gestellt und mit einem Berufsverbot belegt werden.

Damit meine ich nicht Harvey Weinstein, sondern James Levine, Kevin Spacey, Dustin Hoffman, Michael Douglas und viele andere, deren private und berufliche Existenz von dieser hysterischen Hexenjagd vernichtet oder bedroht wird. Der Vergleich mit der McCarthy-Ära bietet sich an, aber er hinkt gewaltig. Damals wurden nämlich tatsächliche oder mutmaßliche Landesverräter auf die schwarze Liste gesetzt, nicht irgendwelche Prominente, die irgendwann irgendjemandem irgendwohin gegriffen haben.

Comte Alexis de Tocqueville veröffentlichte 1840 sein zweibändiges Werk über „Die Demokratie in Amerika“. Tocqueville bewunderte die amerikanische Demokratie, was ihn allerdings nicht an der Bemerkung hinderte, dass es nirgendwo sonst so wenig unabhängiges Denken und freies Reden wie gerade in Amerika gebe.

Die große Gefahr, die von der demokratischen „Tyrannei der Mehrheit“ ausgeht, hat Tocqueville nicht so sehr darin gesehen, dass die Rechte der Minderheit missachtet würden, da hätten die Väter der amerikanischen Verfassung schon vorgebaut. Die große Gefahr hat er vielmehr im subtilen Despotismus der öffentlichen Meinung, in der scheinbar fürsorglichen Kontrolle des Individuums durch den Staat gesehen, die nach und nach die Freiheit erstickt und im demokratisch legitimierten Totalitarismus mündet.

Darunter leiden nicht nur die Amerikaner, sondern we too.

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