Die Revolution als Tragödie und Farce

Am 22. Dezember 1989, kurz nach Mittag, flüchteten Nicolae und Elena Ceauşescu in einem Helikopter vom Dach des Gebäudes des Zentralkomitees in Bukarest, das von wütenden Demonstranten gestürmt wurde. Das Jahr ging mit einem blutigen Umsturz zu Ende. Anderswo in Ostmittel- und Südosteuropa waren die Revolutionen auf Samt gebettet. Nur in Rumänien fuhren Panzer auf, schossen Soldaten auf die Menge, versank das Land in Chaos und Gewalt. Nach offiziellen Angaben wurden 1104 Menschen getötet und 3352 verletzt. Die meisten Opfer waren junge Männer im Alter von 17 bis 25 Jahren.

Eine scheinbar aus dem Nirgendwo aufgetauchte „Nationale Rettungsfront“ (FSN), die aus Kadern des alten Regimes, Sprösslingen der Nomenklatura sowie Offizieren der Armee und der Securitate bestand, übernahm die Macht. An die Stelle der Diktatur trat eine autokratische kollektive Führung mit Ion Iliescu an der Spitze, einem ehemaligen Sekretär des Zentralkomitees, den Ceauşescu einst als „Abweichler“ geschasst hatte. Das rumänische Fernsehen, bis zur Flucht des Diktators sein willfähriges Propagandainstrument, wurde der Kontrolle der FSN unterstellt und begann die laufenden Ereignisse live zu übertragen. Das Fernsehen war nun die wichtigste Waffe in den Händen neuen Machthaber, es machte sie den Rumänen bekannt und verlieh ihrem Putsch den Anschein von Legitimität.

In der Reality Show, die rund um die Uhr gesendet wurde, verwischten sich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Nur eine Minderheit der Rumänen nahm an den revolutionären Ereignisse teil, die meisten erlebten sie vor dem Fernsehgerät. Die Reality Show verbreitete Proklamationen und Gerüchte, schürte die Massenpanik, warnte vor fiktiven „Terroristen“ und mahnte die Nation zu Einheit und Geschlossenheit.  Sie trug am meisten zu dem Chaos bei, das nun einsetzte. Aus Furcht vor den nicht existierenden Terroristen schossen Soldaten und bewaffnete Zivilisten aufeinander. Die meisten Opfer – 942 Tote und 2251 Verletzte – gab es erst nach der Flucht Ceauşescus. Es ist umstritten, ob die Putschisten in diesem Chaos Urheber oder Getriebene waren. Politisch profitiert haben sie von ihm allemal.

Anders als die Umwälzungen in Polen, in Ungarn oder in der Tschechoslowakei entsprach die rumänische Revolution den großen alten Erzählungen der Französischen und der Russischen Revolution. Ein hungerndes, frierendes Volk erhob sich gegen einen im Luxus prassenden Diktator und seine Familie, die jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren und sich nur noch mit korrupten Speichelleckern, Kriminellen und Hofnarren umgaben. Auf Ceauşescu, den eitlen „Conducator“, der sich als Insignie seiner Macht sogar ein Zepter zugelegt hatte, passte das Urteil, das Karl Marx einst über Louis Napoléon fällte: Er war ein Hanswurst, der seine eigene Komödie mit der Weltgeschichte verwechselte und seiner Anschauung der Welt zum Opfer fiel. Was sich im Dezember 1989 in Rumänien ereignete, drängt den Vergleich mit 1789 und der Oktoberrevolution geradezu auf: die Erstürmung des Gebäudes des Zentralkomitees erinnerte an jene der Bastille und des Winterpalais, die Flucht Nicolae und Elena Ceauşescus mit einem Helikopter aus Bukarest an die heimliche Kutschenfahrt nach Varennes, ihre Erschießung in einem Kasernenhof an das Ende des Königspaares unter der Guillotine und an das Massaker an der Zarenfamilie in Jekaterinburg.

Wie die großen Revolutionen in Frankreich und in Russland hatte auch die rumänische Shakespearesche Züge, sie war Tragödie und Farce, sie war erbarmungslos, brutal und enigmatisch. Weder Richter noch Historiker haben die Rätsel gänzlich lösen können, die  sie den Zeitzeugen aufgab. Mit dem jeweiligen Standpunkt –dem realen während der Ereignisse, dem politisch-ideologischen danach – änderten sich die Interpretationen und sie ändern sich noch immer.  War es ein Volksaufstand oder nur ein Putsch? Mischten sich ausländische Agenten als Provokateure und Scharfschützen in die Unruhen ein? Ungarn und Russen, Amerikaner und Serben, sogar Araber wurden als Täter genannt. Die Gerüchte sind bis heute nicht verstummt, aber bestätigt haben sie sich nicht.

Unstrittig ist, dass die Revolution unter dem Fenster des ungarischen Pastors László Tőkés in Temeschwar (Timișoara) begann. Tőkés hatte sich gegen seine Versetzung durch den Bischof gewehrt, der mit dem kommunistischen Geheimdienst kollaborierte. Der innerkirchliche und innerungarische Streit, in den sich die Securitate einmischte, wurde der Funken, der den Flächenbrand auslöste. Zuerst versammelten sich nur ein paar Dutzend Anhänger des Pastors vor dessen Haus, dann blieben nach und nach immer mehr Passanten stehen und schlossen sich ihnen an.  Als Tőkés die Menge zu beschwichtigen versuchte, war ihm die Kontrolle über das Geschehen bereits entglitten. Am Samstag, dem 16. Dezember, drangen 4000 Demonstranten mit Rufen wie „Nieder mit Ceauşescu“ und „Freiheit!“ in das Stadtzentrum vor. Geschäfte wurden geplündert, Ceauşescus Bücher wurden verbrannt, immer wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen dem mit Stöcken, Steinen und Molotov-Cocktails bewaffnetem hartem Kern der Demonstranten, unter ihnen Fans des lokalen Fußballklubs, und den Sicherheitskräften, die das Hauptquartier der kommunistischen Partei, das Rathaus und andere öffentliche Gebäude unter dem Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas gegen die Angreifer verteidigten.  Die Unruhen griffen rasch auf die Fabriken über. Am Sonntag Nachmittag wagten die Revolutionäre den Sturm auf das Kreisparteikomitee. Panzer gingen in Flammen auf. Dann fielen die ersten Schüsse. Am Morgen des 18. Dezember wurden 65 tote Zivilisten gezählt, mehr als 200 waren verletzt, etwa 700 verhaftet worden. Ceauşescu hatte persönlich den Einsatz von Schusswaffen angeordnet. Noch glaubte er, die Flammen des Aufruhrs ersticken zu können, wie es im November 1987 bei den Arbeiterunruhen in Kronstadt (Braşov) gelungen war.

Auf einer Sitzung des Exekutivkomitees des ZK bezichtigte Ceauşescu ausländische Kräfte. Es sei bekannt, sagte er, dass „Ost und West“ auf eine Änderung in Rumänien hinarbeiteten und dazu „alle möglichen Mittel“ einsetzten.  Sowjetische und amerikanische Agenten seien eingedrungen, um einen Staatsstreich vorzubereiten. Ceauşescus Paranoia wird vor dem Hintergrund der Auflösung des  sowjetischen Imperiums verständlich. Im August 1968 hatte Ceauşescu die Okkupation der Tschechoslowakei verurteilt und sich damit großen Respekt erworben. Doch 1989 schlug er selber vergeblich eine Intervention des Warschauer Paktes vor, um die „Liquidierung des Sozialismus“ in Polen zu verhindern. Am 14. November 1989 – inzwischen waren auch Honecker und Schiwkow abgesetzt worden – beschuldigte er auf dem 14. Parteitag der rumänischen Kommunisten Gorbatschow der Kapitulation vor dem „Klassenfeind“.  Als sich George Bush sen. und Michail Gorbatschow in Malta auf die Grundzüge einer Neuordnung Europas einigten, war Ceauşescu völlig isoliert – und der Mythos „Jalta-Malta“ vom doppelten Verrat an der rumänischen Nation war geboren.  Am 4. Dezember rief ihm Gorbatschow beim Treffen der Führer der Warschauer-Pakt-Staaten in Moskau zu: „Pluralismus, Genosse Ceauşescu, Pluralismus! Für uns ist das schon lange zur Norm geworden.“

Ceauşescus Regime wird oft als „nationalkommunistisch“ bezeichnet. Von der Wahrnehmung nationaler Interessen kann bei einem Diktator, der systematisch die Lebensgrundlagen des eigenen Volkes zerstörte, natürlich nicht die Rede sein, sehr wohl aber war Ceauşescu ein glühender Nationalist, und er war geradezu besessen von der Furcht, von einem sowjetisch inspirierten Staatsstreich beseitigt zu werden. Zwar entsprach Gorbatschows Ersetzung der Breschnew- durch die „Sinatra-Doktrin“ formell seinem Wunsch nach Anerkennung des „eigenen Wegs“, aber die damit verbundene Aufgabe der Verteidigung kommunistischer Regime verstand er als akute Bedrohung. Ost und West kehrten ihm den Rücken zu, im Inneren argwöhnte er zu Recht Verräter in den Reihen der Partei, der Armee und der Securitate. Aber bis zu seinem Ende war er in der Illusion gefangen, dass „die Nation“ und insbesondere „die Arbeiterklasse“ hinter ihm stünden. Fest davon überzeugt, die Lage im Griff zu haben, reiste er am 18. Dezember zu einem Staatsbesuch nach Teheran.

Als er am Nachmittag des 20. Dezember früher als geplant zurückkehrte, hatten sich die Unruhen auf Kronstadt und Hermannstadt, Klausenburg und einige kleinere Städte ausgeweitet. Am 21. Dezember brachten Busse aus allen Teilen des Landes Arbeiter mit Transparenten und Bildern von Nicolae und Elena Ceauşescu zu einer Großkundgebung auf den Platz des Palastes im Zentrum von Bukarest. Vom Balkon des Gebäudes des Zentralkomitees aus bedankte sich Ceauşescu bei den Organisatoren, als plötzlich Stimmen anschwollen. Verwirrt hob er seine Rechte, das Fernsehen unterbrach sofort die Live-Übertragung. Vielen wurde plötzlich die Verletzlichkeit des Diktators bewusst. Er fasste sich wieder, sprach weiter, wurde abermals unterbrochen. Rasch zerstreute sich die Menge, aber nun bildeten sich in den Straßen, die zur Universität führen, die ersten Demonstrationszüge. Ein Offizier der Miliz schoss in die Menge und verletzte zwei Demonstranten. Rund um die Universität wurde bis in die frühen Morgenstunden gekämpft. 49 Zivilisten kamen ums Leben, 463 wurden verletzt. Da und dort begannen Soldaten, mit den Aufständischen zu fraternisieren.

Am 22. Dezember, einem Freitag, herrschte im ganzen Land der Ausnahmezustand. Über den Rundfunk erfuhren die Rumänen vom Selbstmord des Verteidigungsministers Vasile Milea, der angeblich mit „Verrätern im Land und imperialistischen Kreisen“ kooperiert habe. Plötzlich zogen die Truppen ab, die das Gebäude des Zentralkomitees zerniert hatten. Den entsprechenden Befehl, der das Schicksal des Diktators besiegelte, hatte General Victor Atanase Stǎnculescu erteilt, den Ceauşescu eben erst zum neuen Verteidigungsminister ernannt hatte.  Der Platz füllte sich mit Demonstranten. Vergeblich versuchte Ceauşescu noch einmal, sich an die Menge zu wenden. Während Demonstranten ins Gebäude eindrangen und die ersten bereits das oberste Geschoß erreichten, setzte er sich mit seiner Frau und vier Begleitern im letzten Augenblick in einem Hubschrauber von der Dachterrasse ab.

Die Armee und die Securitate hatten ihn aufgegeben. Unter dem Vorwand, der Helikopter könnte beschossen werden, setzte der Pilot seine Passagiere in einem Feld ab. Nicolae und Elena Ceauşescu setzten ihre Flucht in angehaltenen Autos fort. Sie endete am Abend in einer Kaserne in Târgoviște, wo das Paar, vorgeblich zum eigenen Schutz, in Gewahrsam genommen wurde. „Genosse Oberkommandierender“, „Genosse Präsident“, sagten die Offiziere und salutierten. Die Kaserne war von Demonstranten umstellt.

Zwei Tage später, am Heiligen Abend, beschloss das Exekutivkomitee der FSN, dem Iliescu und Stǎnculescu angehörten, die Ceauşescus einem Tribunal vorzuführen und sie sofort danach zu erschießen. Den Vorschlag hatte der Altkommunist Silviu Brucan unterbreitet, der an zahlreichen stalinistischen Verbrechen beteiligt gewesen war. Stǎnculescu, dem der Diktator vertraute, wurde mit der Durchführung des Beschlusses beauftragt. Am Morgen des 25. Dezember traf er mit den anderen Mitgliedern des  Militärtribunals und dem Exekutionskommando in der Kaserne ein. Der Schauprozess dauerte nur eine Stunde, eine gekürzte Version der Videoaufnahme wurde am nächsten Tag vom Fernsehen ausgestrahlt. Am Weihnachtstag um 14.50 h wurde das Todesurteil durch ein Erschießungskommando im Kasernenhof vollstreckt.  Das Tribunal, schrieb der exilierte rumänische Dissident Paul Goma, entzog den Diktator denen, die unter ihm gelitten hatten, und es brachte „das außerordentliche, unerhörte und unverdiente Kunststück fertig, die Ceauşescus in menschliche Wesen zu verwandeln.“

Das kommunistische Regime war gestürzt, aber die Kommunisten blieben an der Macht. Iliescu behauptete sich in der „Nationalen Rettungsfront“ gegen seine Rivalen. Bei den Wahlen im Mai 1990 erhielt die FSN rund 70 Prozent der Stimmen. Zwischen Januar und Juni 1990 holte Iliescu dreimal die Schlägerbrigaden der Bergarbeiter aus dem Schil-Tal in die Hauptstadt, um die demokratischen Parteien, die Medien und die Studenten zu terrorisieren, die sich um die Früchte der Revolution betrogen sahen. Die letzten Märsche der Bergarbeiter nach Bukarest, „Mineriaden“ genannt, fanden 1999 statt. Zweimal war Iliescu Präsident, zuletzt von 2000 bis 2004. Er ist immer noch der Ehrenvorsitzende der sozialdemokratischen PSD, die aus der kommunistischen Partei hervorging und in diesen Tagen die letzten Reste des Rechtsstaates in Rumänien beseitigt. Die Revolution, die im Dezember 1989 in Temeschwar begann, lebt nur noch in der Erinnerung.

 

 

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