Radu Filipescu erzählt

Mein Vater war Primarius einer Intensivstation. Nach dem Erdbeben in Bukarest im März 1977 mussten die Ärzte dort ihre Arbeit unterbrechen, weil Ceausescu gekommen war, um ihnen Anweisungen zu erteilen. Patienten, die tagelang verschüttet waren, dürften nicht auf einmal zu viel zu sich nehmen, das würde ihnen schaden. „Das wissen wir, Genosse Ceausescu“, sagte mein Vater, „wir sind Ärzte“. Ceausescu hielt inne, starrte auf das Namensschild und drehte sich abrupt um.

Ich weiß nicht, ob das kommunistische System unter einem anderen besser funktioniert hätte. Es kann ja nur unter einem Diktator einigermaßen funktionieren. Mir ging es in den siebziger Jahren gar nicht schlecht. Ich war im nationalen Wasserball-Team, wir spielten in Ungarn, in der Tschechoslowakei, in der DDR. Mein Vater fuhr zu Ärztekongressen in den Westen und nahm mich manchmal mit. Ich hatte sogar ein Motorrad, eine Yamaha, die mein Vater in Deutschland besorgen ließ. Nach dem Studium arbeitete ich als Elektroingenieur in einer Firma. Als man mich in die Partei einlud, sagte ich ja, denn wenn ich abgelehnt hätte, wäre ich den Job losgeworden und aus dem System geflogen, ohne irgend eine Chance gehabt zu haben, ihm zu schaden. Und ich wollte ihm schaden.

Die Leute schimpften über Ceausescu, fast jeder tat das. Ich dachte, es reiche, sie zu einer Demonstration einzuladen, dann würden sie schon kommen. Im Januar 1983 machte ich im Keller unserer Hauses eine Matrize aus Klebebuchstaben und zog 10 000 Flugblätter ab. Darauf stand: „Manifest. Wer gegen Ceausescu ist, kommt am 30. Januar um fünf Uhr Nachmittag auf den Platz des Palastes“. Mit ein paar Freunden haben wir diese Flugblätter dann in einer Nacht in die Briefkästen der Wohnblocks gesteckt. Im ersten Haus hörte ich ein Geräusch. Hinter mir stand ein Milizionär, den ich wohl geweckt haben musste. Das Flugblatt noch in der Hand stotterte ich, ob hier nicht eine Familie Ionesco wohne. Er bekam nichts mit, er war da nur auf Wache, weil dort Diplomaten wohnten. Um fünf Uhr früh hatten wir alle unsere Flugblätter angebracht und gingen nach Hause.

Zehn Tage später sollte die Demonstration stattfinden. Natürlich war keiner dort, außer der Polizei und der Securitate, die überall Kameras aufgebaut hatte. Vielleicht, dachte ich, hätten wir die Flugblätter einen Monat früher verteilen sollen, dann hätte sich das besser herumgesprochen. Meine Freundin hielt mich für verrückt.

Gefasst haben sie mich bei der zweiten Flugblattaktion im April, kurz vor Ostern. Diesmal verteilten wir tagsüber, wir glaubten, das wäre sicherer. In einem Stiegenhaus standen plötzlich zwei Männer in Lederjacken, ich lief noch weg, ein Auto blieb stehen und dann packten sie mich. Der Mann, der mich festnahm, glaubte, er würde jetzt befördert werden, stattdessen kritisierten sie ihn, weil sie mich länger überwachen wollten, um mehr Leute verhaften zu können. So hatten sie nur mich. Sie durchsuchten jede Ecke in Haus und Keller. Später fragte eine Nachbarin meine Mutter, was für eine tolle Party ich da veranstaltet hätte, die ganze Nacht seien die Gäste ein und aus gegangen. Immer wieder wurde ich verhört, einmal auch geschlagen. Vier Monate war ich im Untersuchungsgefängnis der Securitate, keiner durfte mich besuchen. Lange war ich mit einem in der Zelle, der vieles über sich erzählte. Dem habe ich dann auch einiges über mich erzählt – bis ich begriff, dass die Securitate Dinge wusste, die ich nur ihm anvertraut hatte.

Ich wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, damals war ich 27. Am schlimmsten war die ständige Furcht, dass sie meinen Eltern etwas antun würden, damit konnten sie einen erpressen. Aber gewisse Dinge muss man einfach tun. Es war oft hart im Gefängnis, aber ich habe nie bedauert, was ich getan habe. Wir waren sechs in einer Zelle und montierten Blaulichtlampen für die Polizeiautos, da hatten wir wenigstens etwas zu tun. Einmal, als ich ziemlich deprimiert war, wurde die Parteizeitung „Scinteia“ ausgeteilt, mit einer Ceausescu-Rede auf acht Seiten. Da habe ich mir gesagt, lieber hier drin als in diesem Wahnsinn draußen und nichts dagegen unternehmen, und gleich ging es mir besser. Ein Mithäftling, ein ungarischer Schauspieler, steckte mir ein Buch zu, eine kommentierte rumänische Ausgabe von Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Ein tolles Buch, aber wenn ich nicht im Gefängnis gewesen wäre, hätte ich es nie gelesen. Da kann man lernen, dass man recht haben kann, und es nützt trotzdem nichts. Man muss zum Wesen der Dinge vordringen.

Mein Vater durfte nicht mehr reisen, aber er hatte noch Kontakte im Westen und spielte der französischen „Libération“ die Nachricht von meiner Verurteilung zu. Über dem Artikel stand „Allein gegen Ceausescu“. Amnesty International nahm sich meiner an, auch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte in Deutschland, und Radio Freies Europa berichtete. Der Druck auf Ceausescu nahm zu, er bekam Protestbriefe, ein amerikanischer Senator schaltete sich ein. Unfassbar, hieß es, dass da einer zehn Jahre absitzt, nur weil er Flugblätter verteilt hat. Das hat mir sehr genützt. Nach drei Jahren holten sie mich aus der Zelle, ich hatte keine Ahnung, was sie mit mir vorhatten. Sie verlegten mich für zwei Wochen in ein Gefängnisspital, wo ich wieder zur Kräften kam, dann ließen sie mich gehen.

Ein Jahr später, 1987, wurde ich zum zweiten Mal festgenommen. Diesmal hatte ich nicht zu einer Demonstration gegen Ceausescu aufgerufen, sondern zu einem Referendum: wer für Ceausescu geht, versammelt sich auf der Straße des Sieges des Sozialismus, wer gegen ihn ist, auf einem Platz im Zentrum. Das war neutral, keine feindliche Propaganda. Die Matrize machte ich aus Metall-Lettern und zog wieder Flugblätter ab. In Prag war Havel damals in Haft, weltweit wurde darüber berichtet, und ich dachte mir, jetzt sollte man die Dinge in Bewegung bringen. Zuerst schmuggelte ich ein Flugblatt ins Ausland, dann deponierte ich 500 auf der Stiege eines großen Kaufhauses und steckte einige unter die Scheibenwischer geparkter Autos. Zwei Stunden später fuhr die Securitate vor unserem Haus vor und danach wurde ich auf Schritt und Tritt überwacht. Ich konnte noch einem Team der französischen Antenne 2 ein Interview geben, dann nahmen sie mich auf dem Weg zur Arbeit fest.

Natürlich wollten sie wissen, wer mir geholfen hatte, das Flugblatt ins Ausland zu schmuggeln. Ich schwieg. Ein Offizier, der mich schon bei meiner ersten Festnahme verhört hatte, zog den Gummiknüppel und befahl mir, die Hände mit der Handfläche nach oben auf den Tisch zu legen. Dann schlug er los, immer wieder, meist auf die linke Hand, die rechte hätte ich ja noch brauchen können, um etwas zu unterschreiben. Die Hand schwoll an, der Schmerz war unbeschreiblich, es war nicht auszuhalten. Aber er machte weiter, stundenlang schlug er mir auf die Füße, auf den Rücken, und immer wieder auf die Hand. Neben ihm stand einer, der ihm sagte, wo er hinschlagen sollte. Aber ich wollte und konnte nicht sagen, wer mir geholfen hatte, das Flugblatt rauszuschmuggeln. Es war Elisabeth Ernst, eine Dolmetscherin der Deutschen Botschaft, die auch Kontakt zu meinen Eltern hatte. Damit die Prügelei endlich aufhörte, erfand ich einen Engländer, dem ich das Flugblatt vor der Anglikanischen Kirche zugesteckt hätte. Sie zeigten mir ein Photo nach dem anderen, der Mann war natürlich nicht darunter. Am nächsten Tag, als der Offizier gerade wieder losprügeln wollte, ging die Tür auf und er wurde hinausbefohlen. Als er zurückkam, war er freundlicher.

Am 22. Dezember 1987 wurde ich freigelassen, auf den Tag genau zwei Jahre vor meiner dritten und letzten Festnahme. Ich ging nach Hause und wir waren ungeheuer glücklich. Ein französischer Journalist hatte die Nachricht von meiner Festnahme verbreitet. Die Franzosen glaubten, ich sei wegen des Interviews verhaftet worden und fühlten sich besonders verantwortlich. Chirac war damals Bürgermeister von Paris, er rief den rumänischen Botschafter an und drohte mit dem Abbruch der Beziehungen. Wieder einmal hatte der Druck von außen große Wirkung gezeigt.

Die Schikanen gingen natürlich weiter. Zum Beispiel haben sie unsere Telefonnummer geändert, ohne uns zu informieren. Wir konnten zwar anrufen, aber keiner konnte uns erreichen. Wenn sie Telefonleitung gekappt hätten, hätte das Aufsehen erregt, mit einem einfachen Tausch der Nummern erreichten sie den gleichen Zweck. Ständig wurde ich überwacht, sogar bei meiner Hochzeit waren die Securitate-Leute dabei. Meine Frau wurde unter Druck gesetzt und verhört. Sie war Ärztin in einem Spital und hatte große Angst, dass man ihr einen „Kunstfehler“ unterschieben würde.

Am 21. Dezember 1989 war ich in der Fabrik, als die Rundfunkübertragung von Ceausescus Rede plötzlich unterbrochen wurde. Wir wussten nicht, was geschehen war. Im Radio spielten sie Musik. Nach der Arbeit fuhr ich mit der Metro zur Piata Romana, überall waren Leute auf der Straße, ihnen gegenüber Soldaten. Ich sprang über eine Absperrung. Die Sprechchöre gegen Ceausescu begannen leise, aber bald schrien alle aus voller Kraft.

Panzer fuhren auf, hinter ihnen schloss sich die Menge wieder, wir rannten, kamen zurück, rannten wieder. Viele wurden an diesem Abend erschossen, unter ihnen die Tochter eines Kameraden aus dem Gefängnis. Ich kam spät in der Nacht nach Hause. Am nächsten Morgen wurde ich auf dem Weg zur Arbeit zum dritten Mal verhaftet, und wieder brachten sie mich in das Untersuchungsgefängnis der Securitate. Zwei Studenten waren dort, der eine seit einem Monat, der andere seit einer Woche, sie wussten nicht, was draußen los war, aber die Schüsse hörte man bis in die Zelle. Plötzlich sagten sie uns, dass wir verschwinden sollten. Ceausescu hatte Bukarest verlassen.

Auf den Straßen war es immer noch gefährlich, Terroristen schossen auf die Leute. Man wusste nicht, wem man vertrauen konnte.

Die ganze Nacht saßen wir vor dem Fernseher, als Ceausescu und seine Frau vor dem Militärtribunal stand. Es gab damals wohl keine andere Möglichkeit, als die beiden hinzurichten. Das neue Regime war zu schwach, um sie am Leben zu lassen. Die kommunistischen Mörder, die seither verurteilt wurden, lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen.

(Aufgezeichnet im November 2009)

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