Zwischen Istros, Ister und Istrien: mein ganz persönlicher Balkan

Ein Mal d´Afrique mag es geben,  das Balkan-Fieber gibt es gewiss. Man entkommt ihm nicht, wenn man sich auf diese Weltgegend einlässt. Ich bin am besten mit dem nordwestlichen, nordilliyrischen Zipfel der Balkan-Halbinsel vertraut, der Krain, Görz, Triest und Istrien einschließt. Am Südhang der Alpen, der Catena mundi, an der nach der Vorstellung der antiken Geographen die Balkan-Halbinsel endet, liegt meine Heimat. Eine meiner beiden Großmütter war eine Slowenien aus dem Kärntner Gailtal, die andere eine Italienerin aus Istrien. Mein Großvater war Zöllner in Pola, dem Kriegshafen der Monarchie. Als ein Schiff der Kriegsmarine den Katafalk des Thronfolgers Franz Ferdinand nach Triest brachte, stand er unter den Uniformierten am Kai und salutierte. Mein Vater wurde fünf Jahre vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs in Triest geboren. 1918 zog die Familie nach Kärnten. Die engen Kontakte mit dem italienischen Zweig der Familie überdauerten das 20. Jahrhundert.

Für mich endet Mitteleuropa am riesigen Felsrücken des Nanos, dem südlichsten Berg der Julischen Alpen. Diese Gebirgskette trennt die Flusslandschaften der Save, der Drau und der Donau von der Po-Ebene. Im Süden erstreckt sich eine weite Niederung, die in den Karst übergeht. Wenn über der Adria ein Tiefdruckgebiet liegt, strömt kontinentale Kaltluft aus Mitteleuropa zwischen dem Nanos und dem gegenüber liegenden Schneeberg auf die Küste zu. In diesem Windkanal entsteht die Bora, die in Böen über die Terrassen der Hochebenen fegt, im Winter den Karst mit Schnee verweht und Bäume,  Häuser und Straßen im Golf von Triest mit einer dicken Eisschicht überzieht. Im Nu bringt sie den Verkehr zu Land und zu Wasser  zum Erliegen bringen; erst zwischen Zadar und Split hört sie allmählich auf, die Küstenschifffahrt zu gefährden.

Die Niederung südlich des Nanos bildet eine Brücke zwischen der alpinen und der mediterranen Zone. Der venezianische Campanile löst den spitzen gotischen Kirchturm und den barocken Zwiebelturm ab, Wein wird angebaut, da und dort wachsen die ersten Olivenbäume. Die Fichtenwälder und die sattgrünen Wiesen weichen kargen Weiden, Wind und Wasser legen weißen und grauen Kalkstein frei. Diese Kalksteinmassive gleichen versteinerten Schwämmen, die das Wasser aufsaugen, in Höhlen sammeln, durch unterirdische Kanäle leiten und es da und dort wieder an die Oberfläche treten lassen. Es gibt Flussläufe, die zwei- oder dreimal verschwinden und unter anderen Namen wieder auftauchen. Seit der Antike kennt man den Timavus, dessen oberirdischer Verlauf von den gewaltigen Grotten von Sankt Kanzian (Škocjanske jame) aufgenommen wird, und der dann erst nach vierzig Kilometern wieder an den Tag tritt und sich unweit von Triest in die Adria stürzt.

Am Fuße des Nanos kreuzen sich zwei alte Verkehrswege: die Bernstein-Straße, die das Baltikum und das östliche Mitteleuropa mit der Adria verbindet, und die Ost-West-Route der Völkerwanderungen, die vom Schwarzen Meer entlang der Donau und der Save durch die „porta orientalis“ in die oberitalienische Tiefebene führt.

Der politischen Geographie der Antike galt das Gebiet zwischen Alpen und Adria als „illyrisch-italische Pforte“. Unter Augustus begannen die Römer  mit der Errichtung eines Schutzwalls. Im vierten Jahrhundert zog sich dann vom Golf von Kvarner im Süden Istriens bis Cividale in Friaul, dem antiken Forum Iuli, eine Kette von Festungen, Mauern, Wällen und Kontrollposten. Weitere Befestigungsanlagen errichteten die Römer zwischen dem Laibacher Becken und der friulanischen Tiefebene. Veneter und Kelten, Goten, Hunnen, Langobarden, Franken, Awaren, Slawen, Ungarn und Türken sind durch die porta orientalis gezogen. Im September 1943 marschierten auf diesem Weg die deutsche Wehrmacht und die SS, im April und Mai 1945 in der Gegenrichtung die jugoslawischen Partisanen auf ihrem Weg nach Görz, Triest und Klagenfurt.

Für den serbischen Schriftsteller Jovan Subotić lag der Karst bereits jenseits der dem Menschen zuträglichen Welt. In einem Brief aus Triest an einen Freund beschrieb er ihn 1856 als „trostlosen Friedhof“, in dem man sehe, wozu der Mensch verdammt sei, den Gott aus dem Paradies vertrieben habe: „Wohin du auch blickst, nur Steine. Und mit diesem Stein kämpft der Mensch und macht jede Anstrengung, bis er ihn besiegt hat“. Die Felsen erinnerten ihn an die „noch nicht geglätteten Grabsteine irgendeines wilden Volkes, das hier eine grausame Schlacht ausgefochten hat und seine Toten zu Hunderttausenden begraben“ habe. „Die Menschen fragen sich, wo das Paradies ist, und wohin Gott Adam vertrieben hat. Eben dorthin. Syrmien, die Batschka und der Banat sind das Paradies, in dem Adam lebte, und Gott hat ihn in diese steinige Ebene vertrieben“.

Dieses Gefühl der Fremdheit verstärkt sich angesichts des Meeres, das den Bosnier Ivo Andrić zugleich anzog und abstieß: „Das Meer zieht uns an und bezaubert uns, aber immer zeigt sich, früher oder später, dass das Leben am Meer eigentlich eine Versuchung darstellt, der wir weder geistig noch körperlich gewachsen sind. Dieses Leben ist freier, schöner, vielleicht auch leichter als das unsere, doch diesen Unterschied muss man mit einem Preis bezahlen, der unsere Kräfte übersteigt. Deshalb fühlen wir uns, am Meer wohnend, ständig wie schlechte Zahler, Eindringlinge, Betrüger. Mit der Zeit wird dieses Gefühl immer lebendiger und qualvoller, bis es uns schließlich von der Meeresküste vertreibt und zwingt, zu unserem harten und kümmerlichen Leben ins Binnenland zurückzukehren. Salzwasser kann man nicht trinken, und an der Meeresküste gibt es für uns keine Heimstätte“.

Carl Schmitt, der Ivo Andric aus dessen Zeit an der jugoslawischen Botschaft in Berlin gut kannte, hat die Menschen in Landtreter und Seeschäumer eingeteilt, wobei der Landtreter die Regel und der Seeschäumer die Ausnahme ist, denn der Mensch „steht und geht und bewegt sich auf der festgegründeten Erde. Das ist sein Standpunkt und sein Boden; dadurch erhält er seinen Blickpunkt; das bestimmt seine Eindrücke und die Art, die Welt zu sehen.“ Der Küstenmensch des Mittelmeers steht zwischen dem Landtreter und dem Seeschäumer, seine Kultur ist die thalassische, nicht die ozeanische.

Die Mittelmeerküste ist ein Ensemble von dicht benachbarten, eng verklammerten Mikroregionen mit homogenen, knapp bemessenen produktiven Einheiten. Es gibt wenige Gebiete der Erde, in der die natürlichen Ressourcen so intensiv und kleinräumig genutzt werden. Um überleben zu können, sind die Menschen gezwungen, die natürlichen Barrieren zwischen diesen Mikroregionen zu überwinden und ihre Lebenswelt so produktiv wie möglich aufzufächern. Man ist Fischer und Bauer, Hirte und Händler, Kaufmann und Pirat.

„Wir bewohnen nur einen kleinen Teil der Erde“, lässt Plato Sokrates sagen, „wir leben am Meer wie die Ameisen und die Frösche rund um einen Teich“. Und das Wasser, die wichtigste aller Ressourcen, ist knapp, das Wetter ist unberechenbar. Die angeblichen Konstanten des mediterranen Klimas („milde, feuchte Winter – warme, trockene Sommer“) sind nicht mehr als statistische Durchschnittswerte, die im Ablauf der Jahre extremen Schwankungen unterliegen können. Tage- bis wochenlange Regenfälle richten im Hochsommer nicht selten schwere Schäden an und können die Ernte eines ganzen Jahres gefährden. In den balkanischen Landschaften, die in steilen Stufen von der Küste bis in Hochgebirgsregionen ansteigen, sind meteorologische Überraschungen eher die Regel als die Ausnahme. An der ebenen Küste gedeihen Wein, Obst und Oliven, in den Terrassen der Hügel und in den fruchtbaren Senken des Hochkarstes baut man Getreide und Gemüse an, an den Berghängen und auf den kargen Hochebenen weidet man Schafe und Ziegen. Beständig müssen geographische und klimatische Grenzen überwunden werden. Jede Ressource, auch in der kleinsten Nische, wird genützt. Das ist die Welt, in die man eintritt, wenn man am Nanos die Grenze zwischen Mittel- und Südosteuropa überschreitet.

Zwischen Triest und Rijeka, ehemals Fiume, schottet eine etwa 60 Kilometer lange Gebirgskette die Halbinsel Istrien vom Hinterland ab. Darin eingebettet liegt eine Hochebene, die auf Deutsch „Tschitschenboden“, auf Italienisch „Cicceria“ heißt. Die „Cici“ nach dem diese Hochebene benannt ist, sind eine kleine, heute weitgehend kroatisch assimilierte istro-rumänische Bevölkerungsgruppe, die nördlichste der Balkanhalbinsel.

In dem skurrilen Geschichtswerk über das „prähistorische Dakien“, das der phantasievolle siebenbürgische Historiker und Ethnograph Nicolae Denusianu vor dem Ersten Weltkrieg schrieb, hatten sie eine zentrale Rolle inne. Denusianu glaubte an ein pelasgisches Großreich, das sich 6000 vor Christi unter den Herrschern Uranus und Saturn von Dakien aus über ganz Europa ausgebreitet habe. In seiner Darstellung wanderten die Pelasger nach Italien, gründeten Rom, erhoben ihren dakischen Dialekt zur lateinischen Hochsprache, eroberten die Welt und kehrten schließlich unter Kaiser Trajan nach Dakien zurück. Römer und Dakier hätten sich problemlos miteinander verständigen können, schließlich seien auf der Trajan-Säule keine Dolmetscher zu sehen.

Denusianus Theorie nach wurde also nicht Dakien romanisiert, sondern Rom dakisiert. 1887 wanderte dieser faszinierende Gelehrte auf der Suche nach pelasgischen Spuren durch Istrien. Auf Tschitschenboden traf er die Istro-Rumänen, die er in seinem mehr als tausend Seiten starken Werk ausführlich behandeln sollte.

Die Halbinsel Istrien verdankt ihren Namen übrigens dem beschränkten Realwissen der antiken Geographen und ihrer mythologisch geformten Phantasie. „Istros“ nannten sie die Donau, von der sie zunächst nur den Unterlauf und das Delta am Schwarzen Meer kannten, wo es seit dem 7.Jahrhundert v.Chr. die griechische Kolonie Istros bzw. Histria gab, nahe dem rumänischen Ort Istria.

Da die Griechen annahmen, dass die Meere über die großen Flüsse miteinander verbunden seien – das Schwarze Meer über die Donau mit der Adria, die Adria mit dem Tyrrhenischen Meer über den Po, das Tyrrhenische Meer mit der Nordsee über Rhone und Rhein – schlossen sie vom Donaudelta auf die Flussmündungen in Istrien. Die istrischen Flüsse und Flüsschen hielten sie für Mündungsarme der Donau.

Das Bewusstsein von der Einheit des südosteuropäischen Raumes ist älter als Geschichte und Geographie, es wurzelt im Mythos.  Unter der Führung Jasons brachen die Argonauten vom thessalischen Iolkos mit ihrem Schiff Argo auf und überquerten das Schwarze Meer nach Kolchis (Georgien), wo Jason König Aietes mit Hilfe von dessen Tochter Medea das Goldene Vlies raubte. Über die Rückkehr der Argonauten gibt es mehrere Versionen. Nach Apollonios von Rhodos versperrten ihnen die kolchischen Verfolger die Rückfahrt durch den Bosporus und zwangen sie, über die Donau (Istros, Ister) flussaufwärts an die Adria zu fahren. Medea ermordete ihren Stiefbruder Apsyrtos, zerstückelte seine Leiche und warf die einzelnen Teile vor der istrischen Küste den kolchischen Verfolgern vor, um sie aufzuhalten. Die liburnischen Inseln in der Kvarner-Bucht östlich von Istrien wurden danach Apsyrtische Inseln benannt. Auf eine Gründung der Kolcher führt die Argonautika auch die Geschichte der Hafenstadt Pola zurück.

Mit dem zunehmenden geographischen Wissen kollidierten die Elemente der Sage, aber kein Erzähler durfte es wagen, sein mythentrunkenes Publikum zu beleidigen, indem er die Reise als märchenhaft verwarf. Robert Ranke-Graves nahm an, dass die Argonauten in einer älteren Version des Mythos „aus dem Schwarzen Meer über die Donau, die Save und das Adriatische Meer zurückkamen. Als dann Forschungsreisende feststellten, dass die Save nicht in die Adria mündete, wurde eine Verbindung zwischen Donau und dem Po angenommen, durch die die Argo gesegelt sein könnte“. Erst der griechische Historiker Diodorus Siculus, ein Zeitgenosse Caesars, gab den Hinweis, dass die Donau (Ister) mit dem Istros, einem Flüsschen bei Triest, verwechselt worden sein könnte.

In Südosteuropa überschneiden sich vier Zivilisationskreise, der alpin-mitteleuropäische, der kontinental-osteuropäische, der mediterran-südeuropäische und der kleinasiatischen, es war römischen, byzantinischen, slawischen, venezianischen, osmanischen, russischen, polnischen, österreichischen und ungarischen Einflüssen ausgesetzt; die Reste antiker Arenen, Thermen und Portale stehen neben Minaretten, Renaissance-Palästen und schönbrunnergelben Verwaltungsgebäuden. Auf die Gegensätze zwischen Rom und Byzanz, Christentum und Islam, Reformation und Gegenreformation gehen Konflikte zurück, die immer wieder aufbrechen.

Im Nordwesten der Balkanhalbinsel, und noch einmal in der siebenbürgischen Enklave, trafen die romanische, die germanische, die slawische und die magyarische Zivilisation direkt aufeinander. Bergvölker und Seevölker, Land- und Seemächte haben sich hier bekriegt und verbündet. Nirgendwo ist Europa ethnisch, sprachlich und kulturell so häufig und so gründlich durchmischt worden wie in diesem Raum, seit immer neue Völker aus den Tiefen des Kontinents an die Küste der Adria vorstießen und die Römer Kolonisten und Sklaven aus allen Teilen ihres Reiches ansiedelten, seit den Bevölkerungsverschiebungen der Ottomanen, der Habsburger und der Venezianer, bis hin zu den Vertreibungen im Verlauf und im Gefolge der Balkan-Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts.

Man muss jedoch höllisch aufpassen, um nicht in eine geschichtspolitische Falle zu tappen. Die Grenzen zwischen Realgeschichte und Diskursgeschichte sind auch in anderen Gegenden verschwommen, aber ganz besonders hier. Wann, wie und über welche Vergangenheit gesprochen wird, wird politisch verfügt.

Constantin Giurescu zählt zu den bedeutendsten Historikern Rumäniens. Er wird der „Neuen Schule“ zugeordnet, die in der Zwischenkriegszeit entstand und das Ziel verfolgte, die Geschichte aus dem Spannungsfeld der politischen und sozialen Auseinandersetzungen zu lösen. Auf Neutralität und Objektivität legte diese Schule größten Wert. Aus diesem Grund warf Giurescu unter anderem Nicolae Iorga politischen Missbrauch der Geschichte vor. Und dennoch finden sich in Giurescus „Istoria romanilor“ (1943) folgende Sätze: „Wir sind eines der ältesten Völker Europas und das älteste in Südosteuropa … Wir stammen von hier, während all unsre Nachbarn sehr viel später in die Länder zuwanderten, in denen sie heute leben. ..Außerdem sind wir das älteste christlich Volk im Südosten Europas. All unsere Nachbarn, aber auch alle, wurden lange nach uns christianisiert“.

Ein Vertreter derselben Schule – und in seinem wissenschaftlichen Anspruch noch radikaler – war Petre Panaitescu. Er schrieb 1943: “Wir haben keinen Ursprung, wir sind seit ewig hier. Wir sind nicht nur die Söhne dieser Erde, sondern wir gehören auch zu einer großen Rasse, die durch uns fortdauert; die dakische Rasse.“ Es wäre leicht, ähnliche albanische, mazedonische, griechische oder serbische Textstellen zu finden, nicht nur bei nationalistischen Agitatoren, sondern auch bei respektablen Vertretern der nationalen Geschichtsschreibung.

Der in Belgrad geborene, in Amerika lebende Lyriker Charles Simic schrieb einmal, die Serben seien ein ganz besonders altes Volk – so furchtbar alt, dass sogar die Affen noch von ihnen abstammten. Der Essay erschien in der New York Review of Books. Bei einem Vortrag in Mitrovica hätte sich Simic diesen Scherz vermutlich verkniffen. Mich erinnerte das an einen alten slowakischen Witz: „Alle Menschen sind Slowaken. Aber die meisten wissen es noch nicht.“

Um diesen Teil Europas zu verstehen, muss man mindestens bis zum Zivilisationsbruch der Völkerwanderung zurückgehen. Zwischen dem sechsten und dem neunten Jahrhundert verlieh die massive Invasion slawischer Stämme diesem Raum ihr besonderes, von den ehemals weströmischen Teilen der Mittelmeerwelt unterschiedenes Profil. Anders als die Germanen auf der appeninischen und iberischen Halbinsel übernahmen und modifizierten die Slawen nicht die vorgefundene Ordnung, sondern errichteten auf deren Trümmern eine neue. Bis auf den schmalen Küstenstreifen an der Ostküste der Adria wurde die römische Stadtkultur ausradiert, mit ihr die römische Kirche.

Byzanz wurde aus dem inneren Balkan in den Süden der Halbinsel zurückgedrängt. Die neuerliche Christianisierung, die im 9. Jahrhundert unter byzantinischem Vorzeichen mit slawischer Liturgie und kyrillischen Alphabet einsetzte, ließ ein „byzantinisches Commonwealth“ (Dimitri Obolensky) entstehen, das bis zum nächsten großen Einschnitt der südosteuropäischen Geschichte Bestand hatte, der sukzessiven Eroberung und der Vereinigung fast der gesamten Halbinsel durch die Ottomanen zwischen der Eroberung Konstantinopels 1453 und der Schlacht von Mohacs 1526.

Ging die Geschichte in Südosteuropa einen Sonderweg? Das hängt davon ab, von welcher Warte aus man sie betrachtet. Die Differenzen zwischen dem west- und dem südosteuropäischen Weg sind ja nicht nur eine Folge dessen, was in Südosteuropa geschehen ist, sondern auch der Entwicklungen, die sich lediglich im Westen des Kontinents vollzogen haben.

Der französische Philosoph Philippe Nemo etwa macht in seiner Untersuchung dessen, was „den Westen“ ausmacht, nicht etwa das Schisma als solches, sondern die „päpstliche Revolution“ des 11. bis 13. Jahrhunderts für den westlichen Sonderweg verantwortlich. Die Reformen unter Gregor VII und seinen Nachfolgern hätten nicht nur die Strukturen der Kirche, sondern die Anschauungen, die Werte, die Gesetze und die Institutionen der europäischen Gesellschaft gänzlich neu gestaltet. „Potestas absoluta“ und „libertas ecclesiae“ seien von den Päpsten als Instrumente der tätigen Veränderung der sündigen Welt verstanden worden, um sie für die Wiederkunft des Herrn vorzubereiten. Erst diese „päpstliche Revolution“ habe den tiefen Pessimismus der augustinischen Theologie überwunden. An ihre Stelle habe sie eine Theologie der Tat gesetzt, in deren Tradition sich auch Luther definierte. Diese Umwertung, meint Nemo, sei im Osten ausgeblieben. Könnte hier einer der Gründe für die Schwierigkeit liegen, Südosteuropa zu verstehen?

 

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