Archiv für den Monat Mai 2017

Zwischen Istros, Ister und Istrien: mein ganz persönlicher Balkan

Ein Mal d´Afrique mag es geben,  das Balkan-Fieber gibt es gewiss. Man entkommt ihm nicht, wenn man sich auf diese Weltgegend einlässt. Ich bin am besten mit dem nordwestlichen, nordilliyrischen Zipfel der Balkan-Halbinsel vertraut, der Krain, Görz, Triest und Istrien einschließt. Am Südhang der Alpen, der Catena mundi, an der nach der Vorstellung der antiken Geographen die Balkan-Halbinsel endet, liegt meine Heimat. Eine meiner beiden Großmütter war eine Slowenien aus dem Kärntner Gailtal, die andere eine Italienerin aus Istrien. Mein Großvater war Zöllner in Pola, dem Kriegshafen der Monarchie. Als ein Schiff der Kriegsmarine den Katafalk des Thronfolgers Franz Ferdinand nach Triest brachte, stand er unter den Uniformierten am Kai und salutierte. Mein Vater wurde fünf Jahre vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs in Triest geboren. 1918 zog die Familie nach Kärnten. Die engen Kontakte mit dem italienischen Zweig der Familie überdauerten das 20. Jahrhundert.

Für mich endet Mitteleuropa am riesigen Felsrücken des Nanos, dem südlichsten Berg der Julischen Alpen. Diese Gebirgskette trennt die Flusslandschaften der Save, der Drau und der Donau von der Po-Ebene. Im Süden erstreckt sich eine weite Niederung, die in den Karst übergeht. Wenn über der Adria ein Tiefdruckgebiet liegt, strömt kontinentale Kaltluft aus Mitteleuropa zwischen dem Nanos und dem gegenüber liegenden Schneeberg auf die Küste zu. In diesem Windkanal entsteht die Bora, die in Böen über die Terrassen der Hochebenen fegt, im Winter den Karst mit Schnee verweht und Bäume,  Häuser und Straßen im Golf von Triest mit einer dicken Eisschicht überzieht. Im Nu bringt sie den Verkehr zu Land und zu Wasser  zum Erliegen bringen; erst zwischen Zadar und Split hört sie allmählich auf, die Küstenschifffahrt zu gefährden.

Die Niederung südlich des Nanos bildet eine Brücke zwischen der alpinen und der mediterranen Zone. Der venezianische Campanile löst den spitzen gotischen Kirchturm und den barocken Zwiebelturm ab, Wein wird angebaut, da und dort wachsen die ersten Olivenbäume. Die Fichtenwälder und die sattgrünen Wiesen weichen kargen Weiden, Wind und Wasser legen weißen und grauen Kalkstein frei. Diese Kalksteinmassive gleichen versteinerten Schwämmen, die das Wasser aufsaugen, in Höhlen sammeln, durch unterirdische Kanäle leiten und es da und dort wieder an die Oberfläche treten lassen. Es gibt Flussläufe, die zwei- oder dreimal verschwinden und unter anderen Namen wieder auftauchen. Seit der Antike kennt man den Timavus, dessen oberirdischer Verlauf von den gewaltigen Grotten von Sankt Kanzian (Škocjanske jame) aufgenommen wird, und der dann erst nach vierzig Kilometern wieder an den Tag tritt und sich unweit von Triest in die Adria stürzt.

Am Fuße des Nanos kreuzen sich zwei alte Verkehrswege: die Bernstein-Straße, die das Baltikum und das östliche Mitteleuropa mit der Adria verbindet, und die Ost-West-Route der Völkerwanderungen, die vom Schwarzen Meer entlang der Donau und der Save durch die „porta orientalis“ in die oberitalienische Tiefebene führt.

Der politischen Geographie der Antike galt das Gebiet zwischen Alpen und Adria als „illyrisch-italische Pforte“. Unter Augustus begannen die Römer  mit der Errichtung eines Schutzwalls. Im vierten Jahrhundert zog sich dann vom Golf von Kvarner im Süden Istriens bis Cividale in Friaul, dem antiken Forum Iuli, eine Kette von Festungen, Mauern, Wällen und Kontrollposten. Weitere Befestigungsanlagen errichteten die Römer zwischen dem Laibacher Becken und der friulanischen Tiefebene. Veneter und Kelten, Goten, Hunnen, Langobarden, Franken, Awaren, Slawen, Ungarn und Türken sind durch die porta orientalis gezogen. Im September 1943 marschierten auf diesem Weg die deutsche Wehrmacht und die SS, im April und Mai 1945 in der Gegenrichtung die jugoslawischen Partisanen auf ihrem Weg nach Görz, Triest und Klagenfurt.

Für den serbischen Schriftsteller Jovan Subotić lag der Karst bereits jenseits der dem Menschen zuträglichen Welt. In einem Brief aus Triest an einen Freund beschrieb er ihn 1856 als „trostlosen Friedhof“, in dem man sehe, wozu der Mensch verdammt sei, den Gott aus dem Paradies vertrieben habe: „Wohin du auch blickst, nur Steine. Und mit diesem Stein kämpft der Mensch und macht jede Anstrengung, bis er ihn besiegt hat“. Die Felsen erinnerten ihn an die „noch nicht geglätteten Grabsteine irgendeines wilden Volkes, das hier eine grausame Schlacht ausgefochten hat und seine Toten zu Hunderttausenden begraben“ habe. „Die Menschen fragen sich, wo das Paradies ist, und wohin Gott Adam vertrieben hat. Eben dorthin. Syrmien, die Batschka und der Banat sind das Paradies, in dem Adam lebte, und Gott hat ihn in diese steinige Ebene vertrieben“.

Dieses Gefühl der Fremdheit verstärkt sich angesichts des Meeres, das den Bosnier Ivo Andrić zugleich anzog und abstieß: „Das Meer zieht uns an und bezaubert uns, aber immer zeigt sich, früher oder später, dass das Leben am Meer eigentlich eine Versuchung darstellt, der wir weder geistig noch körperlich gewachsen sind. Dieses Leben ist freier, schöner, vielleicht auch leichter als das unsere, doch diesen Unterschied muss man mit einem Preis bezahlen, der unsere Kräfte übersteigt. Deshalb fühlen wir uns, am Meer wohnend, ständig wie schlechte Zahler, Eindringlinge, Betrüger. Mit der Zeit wird dieses Gefühl immer lebendiger und qualvoller, bis es uns schließlich von der Meeresküste vertreibt und zwingt, zu unserem harten und kümmerlichen Leben ins Binnenland zurückzukehren. Salzwasser kann man nicht trinken, und an der Meeresküste gibt es für uns keine Heimstätte“.

Carl Schmitt, der Ivo Andric aus dessen Zeit an der jugoslawischen Botschaft in Berlin gut kannte, hat die Menschen in Landtreter und Seeschäumer eingeteilt, wobei der Landtreter die Regel und der Seeschäumer die Ausnahme ist, denn der Mensch „steht und geht und bewegt sich auf der festgegründeten Erde. Das ist sein Standpunkt und sein Boden; dadurch erhält er seinen Blickpunkt; das bestimmt seine Eindrücke und die Art, die Welt zu sehen.“ Der Küstenmensch des Mittelmeers steht zwischen dem Landtreter und dem Seeschäumer, seine Kultur ist die thalassische, nicht die ozeanische.

Die Mittelmeerküste ist ein Ensemble von dicht benachbarten, eng verklammerten Mikroregionen mit homogenen, knapp bemessenen produktiven Einheiten. Es gibt wenige Gebiete der Erde, in der die natürlichen Ressourcen so intensiv und kleinräumig genutzt werden. Um überleben zu können, sind die Menschen gezwungen, die natürlichen Barrieren zwischen diesen Mikroregionen zu überwinden und ihre Lebenswelt so produktiv wie möglich aufzufächern. Man ist Fischer und Bauer, Hirte und Händler, Kaufmann und Pirat.

„Wir bewohnen nur einen kleinen Teil der Erde“, lässt Plato Sokrates sagen, „wir leben am Meer wie die Ameisen und die Frösche rund um einen Teich“. Und das Wasser, die wichtigste aller Ressourcen, ist knapp, das Wetter ist unberechenbar. Die angeblichen Konstanten des mediterranen Klimas („milde, feuchte Winter – warme, trockene Sommer“) sind nicht mehr als statistische Durchschnittswerte, die im Ablauf der Jahre extremen Schwankungen unterliegen können. Tage- bis wochenlange Regenfälle richten im Hochsommer nicht selten schwere Schäden an und können die Ernte eines ganzen Jahres gefährden. In den balkanischen Landschaften, die in steilen Stufen von der Küste bis in Hochgebirgsregionen ansteigen, sind meteorologische Überraschungen eher die Regel als die Ausnahme. An der ebenen Küste gedeihen Wein, Obst und Oliven, in den Terrassen der Hügel und in den fruchtbaren Senken des Hochkarstes baut man Getreide und Gemüse an, an den Berghängen und auf den kargen Hochebenen weidet man Schafe und Ziegen. Beständig müssen geographische und klimatische Grenzen überwunden werden. Jede Ressource, auch in der kleinsten Nische, wird genützt. Das ist die Welt, in die man eintritt, wenn man am Nanos die Grenze zwischen Mittel- und Südosteuropa überschreitet.

Zwischen Triest und Rijeka, ehemals Fiume, schottet eine etwa 60 Kilometer lange Gebirgskette die Halbinsel Istrien vom Hinterland ab. Darin eingebettet liegt eine Hochebene, die auf Deutsch „Tschitschenboden“, auf Italienisch „Cicceria“ heißt. Die „Cici“ nach dem diese Hochebene benannt ist, sind eine kleine, heute weitgehend kroatisch assimilierte istro-rumänische Bevölkerungsgruppe, die nördlichste der Balkanhalbinsel.

In dem skurrilen Geschichtswerk über das „prähistorische Dakien“, das der phantasievolle siebenbürgische Historiker und Ethnograph Nicolae Denusianu vor dem Ersten Weltkrieg schrieb, hatten sie eine zentrale Rolle inne. Denusianu glaubte an ein pelasgisches Großreich, das sich 6000 vor Christi unter den Herrschern Uranus und Saturn von Dakien aus über ganz Europa ausgebreitet habe. In seiner Darstellung wanderten die Pelasger nach Italien, gründeten Rom, erhoben ihren dakischen Dialekt zur lateinischen Hochsprache, eroberten die Welt und kehrten schließlich unter Kaiser Trajan nach Dakien zurück. Römer und Dakier hätten sich problemlos miteinander verständigen können, schließlich seien auf der Trajan-Säule keine Dolmetscher zu sehen.

Denusianus Theorie nach wurde also nicht Dakien romanisiert, sondern Rom dakisiert. 1887 wanderte dieser faszinierende Gelehrte auf der Suche nach pelasgischen Spuren durch Istrien. Auf Tschitschenboden traf er die Istro-Rumänen, die er in seinem mehr als tausend Seiten starken Werk ausführlich behandeln sollte.

Die Halbinsel Istrien verdankt ihren Namen übrigens dem beschränkten Realwissen der antiken Geographen und ihrer mythologisch geformten Phantasie. „Istros“ nannten sie die Donau, von der sie zunächst nur den Unterlauf und das Delta am Schwarzen Meer kannten, wo es seit dem 7.Jahrhundert v.Chr. die griechische Kolonie Istros bzw. Histria gab, nahe dem rumänischen Ort Istria.

Da die Griechen annahmen, dass die Meere über die großen Flüsse miteinander verbunden seien – das Schwarze Meer über die Donau mit der Adria, die Adria mit dem Tyrrhenischen Meer über den Po, das Tyrrhenische Meer mit der Nordsee über Rhone und Rhein – schlossen sie vom Donaudelta auf die Flussmündungen in Istrien. Die istrischen Flüsse und Flüsschen hielten sie für Mündungsarme der Donau.

Das Bewusstsein von der Einheit des südosteuropäischen Raumes ist älter als Geschichte und Geographie, es wurzelt im Mythos.  Unter der Führung Jasons brachen die Argonauten vom thessalischen Iolkos mit ihrem Schiff Argo auf und überquerten das Schwarze Meer nach Kolchis (Georgien), wo Jason König Aietes mit Hilfe von dessen Tochter Medea das Goldene Vlies raubte. Über die Rückkehr der Argonauten gibt es mehrere Versionen. Nach Apollonios von Rhodos versperrten ihnen die kolchischen Verfolger die Rückfahrt durch den Bosporus und zwangen sie, über die Donau (Istros, Ister) flussaufwärts an die Adria zu fahren. Medea ermordete ihren Stiefbruder Apsyrtos, zerstückelte seine Leiche und warf die einzelnen Teile vor der istrischen Küste den kolchischen Verfolgern vor, um sie aufzuhalten. Die liburnischen Inseln in der Kvarner-Bucht östlich von Istrien wurden danach Apsyrtische Inseln benannt. Auf eine Gründung der Kolcher führt die Argonautika auch die Geschichte der Hafenstadt Pola zurück.

Mit dem zunehmenden geographischen Wissen kollidierten die Elemente der Sage, aber kein Erzähler durfte es wagen, sein mythentrunkenes Publikum zu beleidigen, indem er die Reise als märchenhaft verwarf. Robert Ranke-Graves nahm an, dass die Argonauten in einer älteren Version des Mythos „aus dem Schwarzen Meer über die Donau, die Save und das Adriatische Meer zurückkamen. Als dann Forschungsreisende feststellten, dass die Save nicht in die Adria mündete, wurde eine Verbindung zwischen Donau und dem Po angenommen, durch die die Argo gesegelt sein könnte“. Erst der griechische Historiker Diodorus Siculus, ein Zeitgenosse Caesars, gab den Hinweis, dass die Donau (Ister) mit dem Istros, einem Flüsschen bei Triest, verwechselt worden sein könnte.

In Südosteuropa überschneiden sich vier Zivilisationskreise, der alpin-mitteleuropäische, der kontinental-osteuropäische, der mediterran-südeuropäische und der kleinasiatischen, es war römischen, byzantinischen, slawischen, venezianischen, osmanischen, russischen, polnischen, österreichischen und ungarischen Einflüssen ausgesetzt; die Reste antiker Arenen, Thermen und Portale stehen neben Minaretten, Renaissance-Palästen und schönbrunnergelben Verwaltungsgebäuden. Auf die Gegensätze zwischen Rom und Byzanz, Christentum und Islam, Reformation und Gegenreformation gehen Konflikte zurück, die immer wieder aufbrechen.

Im Nordwesten der Balkanhalbinsel, und noch einmal in der siebenbürgischen Enklave, trafen die romanische, die germanische, die slawische und die magyarische Zivilisation direkt aufeinander. Bergvölker und Seevölker, Land- und Seemächte haben sich hier bekriegt und verbündet. Nirgendwo ist Europa ethnisch, sprachlich und kulturell so häufig und so gründlich durchmischt worden wie in diesem Raum, seit immer neue Völker aus den Tiefen des Kontinents an die Küste der Adria vorstießen und die Römer Kolonisten und Sklaven aus allen Teilen ihres Reiches ansiedelten, seit den Bevölkerungsverschiebungen der Ottomanen, der Habsburger und der Venezianer, bis hin zu den Vertreibungen im Verlauf und im Gefolge der Balkan-Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts.

Man muss jedoch höllisch aufpassen, um nicht in eine geschichtspolitische Falle zu tappen. Die Grenzen zwischen Realgeschichte und Diskursgeschichte sind auch in anderen Gegenden verschwommen, aber ganz besonders hier. Wann, wie und über welche Vergangenheit gesprochen wird, wird politisch verfügt.

Constantin Giurescu zählt zu den bedeutendsten Historikern Rumäniens. Er wird der „Neuen Schule“ zugeordnet, die in der Zwischenkriegszeit entstand und das Ziel verfolgte, die Geschichte aus dem Spannungsfeld der politischen und sozialen Auseinandersetzungen zu lösen. Auf Neutralität und Objektivität legte diese Schule größten Wert. Aus diesem Grund warf Giurescu unter anderem Nicolae Iorga politischen Missbrauch der Geschichte vor. Und dennoch finden sich in Giurescus „Istoria romanilor“ (1943) folgende Sätze: „Wir sind eines der ältesten Völker Europas und das älteste in Südosteuropa … Wir stammen von hier, während all unsre Nachbarn sehr viel später in die Länder zuwanderten, in denen sie heute leben. ..Außerdem sind wir das älteste christlich Volk im Südosten Europas. All unsere Nachbarn, aber auch alle, wurden lange nach uns christianisiert“.

Ein Vertreter derselben Schule – und in seinem wissenschaftlichen Anspruch noch radikaler – war Petre Panaitescu. Er schrieb 1943: “Wir haben keinen Ursprung, wir sind seit ewig hier. Wir sind nicht nur die Söhne dieser Erde, sondern wir gehören auch zu einer großen Rasse, die durch uns fortdauert; die dakische Rasse.“ Es wäre leicht, ähnliche albanische, mazedonische, griechische oder serbische Textstellen zu finden, nicht nur bei nationalistischen Agitatoren, sondern auch bei respektablen Vertretern der nationalen Geschichtsschreibung.

Der in Belgrad geborene, in Amerika lebende Lyriker Charles Simic schrieb einmal, die Serben seien ein ganz besonders altes Volk – so furchtbar alt, dass sogar die Affen noch von ihnen abstammten. Der Essay erschien in der New York Review of Books. Bei einem Vortrag in Mitrovica hätte sich Simic diesen Scherz vermutlich verkniffen. Mich erinnerte das an einen alten slowakischen Witz: „Alle Menschen sind Slowaken. Aber die meisten wissen es noch nicht.“

Um diesen Teil Europas zu verstehen, muss man mindestens bis zum Zivilisationsbruch der Völkerwanderung zurückgehen. Zwischen dem sechsten und dem neunten Jahrhundert verlieh die massive Invasion slawischer Stämme diesem Raum ihr besonderes, von den ehemals weströmischen Teilen der Mittelmeerwelt unterschiedenes Profil. Anders als die Germanen auf der appeninischen und iberischen Halbinsel übernahmen und modifizierten die Slawen nicht die vorgefundene Ordnung, sondern errichteten auf deren Trümmern eine neue. Bis auf den schmalen Küstenstreifen an der Ostküste der Adria wurde die römische Stadtkultur ausradiert, mit ihr die römische Kirche.

Byzanz wurde aus dem inneren Balkan in den Süden der Halbinsel zurückgedrängt. Die neuerliche Christianisierung, die im 9. Jahrhundert unter byzantinischem Vorzeichen mit slawischer Liturgie und kyrillischen Alphabet einsetzte, ließ ein „byzantinisches Commonwealth“ (Dimitri Obolensky) entstehen, das bis zum nächsten großen Einschnitt der südosteuropäischen Geschichte Bestand hatte, der sukzessiven Eroberung und der Vereinigung fast der gesamten Halbinsel durch die Ottomanen zwischen der Eroberung Konstantinopels 1453 und der Schlacht von Mohacs 1526.

Ging die Geschichte in Südosteuropa einen Sonderweg? Das hängt davon ab, von welcher Warte aus man sie betrachtet. Die Differenzen zwischen dem west- und dem südosteuropäischen Weg sind ja nicht nur eine Folge dessen, was in Südosteuropa geschehen ist, sondern auch der Entwicklungen, die sich lediglich im Westen des Kontinents vollzogen haben.

Der französische Philosoph Philippe Nemo etwa macht in seiner Untersuchung dessen, was „den Westen“ ausmacht, nicht etwa das Schisma als solches, sondern die „päpstliche Revolution“ des 11. bis 13. Jahrhunderts für den westlichen Sonderweg verantwortlich. Die Reformen unter Gregor VII und seinen Nachfolgern hätten nicht nur die Strukturen der Kirche, sondern die Anschauungen, die Werte, die Gesetze und die Institutionen der europäischen Gesellschaft gänzlich neu gestaltet. „Potestas absoluta“ und „libertas ecclesiae“ seien von den Päpsten als Instrumente der tätigen Veränderung der sündigen Welt verstanden worden, um sie für die Wiederkunft des Herrn vorzubereiten. Erst diese „päpstliche Revolution“ habe den tiefen Pessimismus der augustinischen Theologie überwunden. An ihre Stelle habe sie eine Theologie der Tat gesetzt, in deren Tradition sich auch Luther definierte. Diese Umwertung, meint Nemo, sei im Osten ausgeblieben. Könnte hier einer der Gründe für die Schwierigkeit liegen, Südosteuropa zu verstehen?

 

„Lügenpresse!“ – Über journalistische Ethik, Zensur und Political Correctness

Das Ansehen der Journalisten war noch nie so schlecht. Nach einer 2016 durchgeführten Umfrage (Forsa) schätzen zwar 82 Prozent der Deutschen die Polizeibeamten, aber nur 44 Prozent die Journalisten. Ein schwacher Trost, dass Politiker mit 24 Prozent noch schlechtere Noten bekamen.

In nahezu allen Ländern stehen die traditionellen Medien, sofern sie nicht durch ein „öffentlich-rechtliches“ Zwangsmonopol geschützt werden, vor stetig wachsenden wirtschaftlichen Problemen. Zwar informieren sich immer noch mehr Bürger über Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen als über das Internet, aber die Journalisten haben ihr Monopol auf Gewinnung, Verarbeitung, Deutung und Verbreitung der Nachrichten verloren. Das kann heute fast jeder tun, der es sich zutraut, denn die Kosten der Massenkommunikation waren noch nie so gering. In der Folge haben sich Funktion und Status der Journalisten dramatisch verändert.

In Europa setzte der Niedergang der Zeitungen etwa Ende der neunziger Jahre ein, in Amerika um zehn Jahre früher. Donald Trump hat gezeigt, dass Wahlen auch gegen die geballte Macht der Presse gewonnen werden können. Das Problem, das die Journalisten mit ihm haben, besteht nicht darin, dass Trump sie hasst, sondern dass er sie nicht mehr braucht, oder zumindest immer weniger braucht. Trump twittert. In der Massenkommunikation vollzieht sich eine Wende, deren Auswirkungen wir erst allmählich zu begreifen beginnen.

Die Bedeutung, die man den gedruckten Zeitungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zumaß, lässt sich heute kaum noch erahnen. Es war die goldene Ära des Print-Journalismus. 1949 brachten die Schweizer Monatshefte einen Artikel von Friedrich August von Hayek, der sich mit der gesellschaftlichen Funktion der Journalisten und ihren mentalen Konditionierungen beschäftigte. Er hatte den Titel „Die Intellektuellen und der Sozialismus“:

Es gibt heute nicht mehr viel Geschehnisse oder neue Ideen, von denen der gewöhnliche Mensch anders als durch Vermittlung dieser Klasse etwas erfahren kann. Es hängt von ihr ab, welche Ansichten und Meinungen überhaupt bis zu uns dringen, sie entscheidet, welche Tatsachen wichtig genug sind, um uns mitgeteilt zu werden, und in welcher Form und von welchem Standpunkt wir von ihnen unterrichtet werden.[i]

Unter den Journalisten, schrieb Hayek, seien sozialistische Ideen weit verbreitet.  Dies sei unter anderem eine Folge des Zeitgeistes, der intellektuellen Moden, die auf intelligente Leute naturgemäß eine besondere Anziehungskraft ausübten. Zwar seien„keineswegs die intelligenteren Leute häufiger Sozialisten“, aber die Sozialisten unter ihnen widmeten sich mit Vorliebe den „intellektuellen Tätigkeiten“, die ihnen in der modernen Gesellschaft „einen so entscheidenden Einfluss auf die öffentliche Meinung geben.“ Für den frustrierten Intellektuellen, der der bestehenden Gesellschaftsordnung feindlich gegenüberstehe, sei diese Karriere „der aussichtsreichste Weg zu Einfluss und Macht.

Hayek zählte zu dieser Klasse von Intellektuellen außer den Journalisten auch „Lehrer, Geistliche und Volksbildner, Schriftsteller und Radiosprecher, Künstler und Schauspieler“. Es lag ihm fern, ihnen pauschal die arglistige Verfälschung der Fakten zu unterstellen. Ein Wort wie „Lügenpresse“ kam ihm nicht über die Lippen.

Im Gegenteil, schrieb Hayek, gerade „weil die Intellektuellen meist intellektuell ehrlich sind, ist es unvermeidlich, dass sie, wo sie zu entscheiden haben, ihren eigenen Überzeugung folgen und daher allem, was durch ihre Hände geht, den Stempel dieser Überzeugung aufdrücken. …  Zeitungen in Besitz, Universitäten unter <reaktionärer> Verwaltung und Radiosender unter der Kontrolle konservativer Regierungen haben immer wieder die öffentliche Meinung in sozialistischer Richtung beeinflusst, weil dies die Überzeugung der ausführenden Organe war.“

 Die meiner Ansicht nach bis heute unübertroffene Analyse journalistischer Funktionen und Restriktionen stammt von Walter Lippmann (1889-1974), dem einflussreichsten amerikanischen Journalisten seiner Zeit. In seinem Buch „Public Opinion“[ii], das 1922 erschien, demontierte er den Mythos von der unersetzlichen Rolle der Presse als „vierter Gewalt“. Während des Krieges hatte Lippmann für die Propaganda-Abteilung des Nachrichtendienstes der amerikanischen Streitkräfte gearbeitet, später auch Präsident Wilson bei der Erstellung der berüchtigten 14 Punkte beraten, er kannte also die Schaltzentralen der politischen Macht aus eigener Anschauung. Lippmann zweifelte daran, dass die Bürger überhaupt genügend zuverlässige Informationen erhalten könnten, um rationale demokratische Entscheidungen zu treffen.

Man könne der Presse nicht zumuten, schrieb Lippmann, von sich aus die Wahrheit zu liefern. Denn „news“ und „truth“, Nachricht und Wahrheit seien eben nicht identisch. „Die Funktion der Nachricht ist es, auf ein Geschehen aufmerksam zu machen; die Funktion der Wahrheit ist es, die verborgenen Fakten zum Vorschein zu bringen, sie miteinander in Verbindung zu setzen und so ein Bild der Wirklichkeit herzustellen, nach dem die Menschen handeln können.“ Die von den Medien geformte öffentliche Meinung sei nicht die „mythische Kraft“, die das Versagen der öffentlichen Institutionen substituieren könnte. Die Presse sei nicht mehr als „der Lichtstrahl einer Taschenlampe, der ruhelos wandert und eine Episode nach der anderen aus der Dunkelheit holt.“ Um die Wirklichkeit erfassen zu können, reiche dieses Licht nicht aus.

Mehr Licht steht in der Regel erst dem Historiker zur Verfügung. Der Journalist kommt den Ereignissen zwar näher, weil er keine zeitliche Distanz zu überbrücken hat. Er hat die Möglichkeit, die sogenannten „makers of history“ kennenzulernen, sie zu beobachten und mit ihnen zu sprechen. Diese Nähe ist aber trügerisch, am meisten täuscht sie den Journalisten selbst. Wie nahe er den Politikern kommen, wird nämlich von ihnen bestimmt. Sie entscheiden, welche Informationen sie an ihn weitergeben, ob überhaupt und, wenn ja, welche. Der Journalist kann Mutmaßungen anstellen, Plausibilitäten abwägen, zu einem gesicherten Urteil gelangt er nur selten.

Die Informationen erhält er in der Regel nicht als Rohmaterial, sondern gewissermaßen als Halbfertigprodukt.   Die Unterlagen, die ihm ausgehändigt werden, sind für die Weitergabe an die Leser bearbeitet und verpackt. Pressekonferenzen verfolgen einen politischen Zweck.  Je wichtiger der Politiker ist, desto größer ist das Heer von Beamten, Beratern, Pressesprechern und Spin-Doktoren, das dazu da ist, die Botschaft, die der Journalist vermitteln soll, so zu drehen, wie es dem jeweiligen Interesse am besten  entspricht.

Auch die Enthüllungen der investigativen Journalisten gehen meist darauf zurück, dass ein politischer Rivale, ein Beamter oder Diplomat ihnen Informationen zuspielt, die nicht zur Weitergabe bestimmt waren, oder dass der frustrierte Mitarbeiter aus dem Stab eines Politikers einen Loyalitätsbruch begeht. Man denke nur an Edgar Snowdon, an WikiLeaks und an die Abhör-und Hackeraffären während der jüngsten Wahlkämpfe. Auf diesem Feld der Aufklärung und Gegenaufklärung, der skandalträchtigen Enthüllungen und der geschickt getarnten Falschmeldungen tummeln sich die Geheimdienste aller Länder. Im Kalten Krieg hatte die Stasi einige Erfolge damit, dass sie „investigative Journalisten“ der Bundesrepublik mit Materialien aus ihrem Giftschrank belieferte. Die Vorstellung, ein freier Journalismus sei per se ein natürliches Korrektiv politischer Fehlentwicklungen, ist ziemlich naiv. Es kommt darauf an, wie das journalistische Handwerk ausgeübt wird.

Journalisten von Qualitätszeitungen, die über Kritikvermögen, ausreichende Erfahrung und auch über die redaktionelle Zeit verfügen, um Informationen auf ihre Zuverlässigkeit zu überprüfen, haben an sich gute Voraussetzungen, sich der politischen Gängelung und dem Meinungsdruck zu entziehen. Ob sie diese Chance wahrnehmen oder nicht, hängt von ihnen selber ab, von ihrer Intelligenz und von ihrem Charakter. Nicht zuletzt aber auch von ihrer Courage, denn wer sich dem Mainstream widersetzt, geht nicht selten ein berufliches und persönliches Risiko ein.

Das Problem der Glaubwürdigkeit der Quellen wird durch den Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums verschärft, der das Tagesgeschäft beherrscht. Es kommt darauf an, schneller als die Konkurrenz zu sein. Der politische Journalist will exklusiv die Informationen erhalten, die ihm der  Politiker liefern kann. Als Gegenleistung erwartet der Politiker eine freundliche oder zumindest neutrale Berichterstattung und Kommentierung. Frei nach Marlene Dietrich umschwirren die Reporter die Mächtigen wie die Motten das Licht, und wenn sie verbrennen, das kümmert die nicht.

Auf dieses Do-ut-des-System ging Ludwig von Mises in seinen „Erinnerungen“ [iii]ein, die er 1940 in Amerika verfasste. Den Zustand des österreichischen Wirtschaftsjournalismus der Zwischenkriegszeit beschrieb er so:

Die Börsenberichterstatter ließen sich durch die Börsenvertreter der großen Banken informieren. Wenn eine Regierungsverfügung erging oder wenn eine wichtige Geschäftstransaktion vollzogen wurde, dann eilten die Journalisten zu dem zuständigen Regierungsbeamten oder zum betreffenden Unternehmer; die Auskunft, die ihnen da zuteil wurde, setzten sie dann dem Publikum vor. Die Regierung hatte es nicht nötig, die Journalisten zu bestechen; es genügte, sie zu informieren. Die Journalisten fürchteten nichts so sehr, als daß man sie einen Tag später als andere ihrer Zunft informieren könnte. Um dieser Strafe zu entgehen, waren sie immer bereit, den Regierungsstandpunkt zu vertreten. Ihre nationalökonomische Unwissenheit bot dabei den Vorteil, da sie das ohne sacrificium intellectus leisten konnten.“

 Würde Mises heute ein ähnlich urteilen? Ich fürchte ja, obwohl es natürlich auch hervorragende, ökonomisch gebildete Wirtschaftsjournalisten gibt, die hinter die Kulissen blicken. Es ist zum Beispiel vor allem den Wirtschaftsredaktionen der F.A.Z. und der NZZ zu verdanken, dass der Ordoliberalismus seinen Platz in der öffentlichen Debatte behaupten konnte.

Auch Lippmanns Befund, den Medien gelänge es mit dem wandernden Lichtstrahl ihrer Taschenlampe gerade mal einzelne Episoden zu beleuchten, während ihnen die tieferen Zusammenhänge verborgen blieben, ist nach wie vor aktuell. Die Spin-Doktoren und die „gewöhnlich gut informierten Kreise“ haben ihre Methoden nur noch perfektioniert.

Und schließlich ist es immer noch so, dass die Journalisten mehrheitlich sozialistischen oder grünen Ideen zuneigen. Eine Umfrage der FU-Berlin, die nach der deutschen Bundestagswahl 2013 durchgeführt wurde, ergab einen signifikant höheren Anteil der Grünwähler unter den Journalisten als in der Gesamtbevölkerung. Während 41 Prozent der Deutschen angaben, die Unionsparteien gewählt zu haben, waren es unter den Journalisten nur 9 Prozent. Grün wählten 27 Prozent der Journalisten, aber nur 8 Prozent aller Wähler. Umfragen in Deutschland und Österreich über die politischen Präferenzen der Journalisten ergaben bisher in der Regel rund 30 Prozent, die keiner Partei nahestehen und 25 bis 30 Prozent Grüne. Die christlich-demokratischen Volksparteien, aber auch  die SPD haben wesentlich weniger Anhänger.

Die parteipolitischen Präferenzen spielen mittlerweile jedoch eine wesentlich geringere Rolle als zu Hayeks Zeiten. Es gibt ja kaum noch jemanden, der an den Sozialismus glaubt, nicht einmal mehr in den ehemals kommunistischen Parteien. Die Wasserscheide verläuft nicht mehr zwischen links und rechts, sondern – ich berufe mich hier auf den britischen Soziologen David Goodhart [iv] – zwischen den „Anywheres“ und den „Somewheres“.

Die „Somewheres“ leben und arbeiten dort, wo sie geboren wurden und aufgewachsen sind. Viele von ihnen zählen zu den sogenannten „Modernisierungsverlierern“. Ihr Bildungsstand ist gering, desgleichen ihr Einkommen. Aber mehr noch als den weiteren sozialen Abstieg fürchten sie ihre kulturelle Marginalisierung. Sie spüren die Folgen der Massenmigration als erste und leiden darunter ins besonderer Weise. Das ist der Grund, dass die rechtspopulistischen Parteien unter ihnen mehr Anklang finden als die linkspopulistischen.

Journalisten hingegen sind typische „Anywheres“. Ihr Ambiente ist das der Metropolen, der Flughäfen und der Hotelketten. In ihrem Bildungsgrad, ihrem Lebensstil  und ihrem Selbstverständnis gleichen sie den globalen wirtschaftlichen und politischen Eliten, deren Nähe sie suchen und deren Ansichten sie sich zu eigen machen. Europäisierung, Globalisierung und Massenmigration halten sie, wenn schon nicht für begrüßenswert, so doch für unaufhaltsam. Ihre Welt ist die der „Political Correctness“.

Der Begriff stammt ursprünglich aus der kommunistischen Bewegung. Ob eine Äußerung in dem Sinne korrekt war, dass sie mit den Tatsachen im Einklang stand, war irrelevant, sie musste nur „politisch korrekt“ sein, das heißt der Linie der Partei entsprechen. Von einem Kommunisten, nämlich Antonio Gramsci (1891-1937), dem klügsten Kopf der kommunistischen Partei Italiens, stammt auch das Konzept der „kulturellen Hegemonie“, das den Zusammenbruch der kommunistischen Staaten überleben sollte.

Gramsci wurde 1928 zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt, was ihm das Leben rettete, denn im Moskauer Hotel Lux, wo die kommunistischen Parteiführer abstiegen, wäre er sehr rasch von der GPU abgeholt worden. Im faschistischen Gefängnis durfte er indes die Bücher lesen, die er wollte, und seine voluminösen „Briefe aus dem Kerker“ verfassen. Gramsci glaubte nicht daran, dass die Kommunisten im Westen mit einem Staatsstreich an die Macht gelangen könnten wie die Bolschewiken in Russland. Stattdessen sollten sie durch die Eroberung der Institutionen, der Redaktionen und der Universitäten die „kulturelle Hegemonie“ in der Gesellschaft erringen. Die Besetzung der Begriffe, die Durchsetzung einer neuen politischen Sprache war ein Bestandteil dieser „kulturmarxistischen“ Strategie. Am Ende würden Gramscis „organische Intellektuellen“ die Massen unter ihre Führung bringen und Schritt für Schritt den Sozialismus realisieren.

In den sechziger und siebziger Jahre wurde diese Strategie von der linken Studentenbewegung wiederbelebt, die  den „langen Marsch durch die Institutionen“ propagierte. Es gibt heute kaum noch Ministerien, Hochschulinstitute, Fernseh-, Rundfunk- oder Zeitungsredaktionen in denen nicht  „68er“ oder  „Post-68er“ dominieren würden. Doch mit den Institutionen wandelten sich auch die Marschierer. Die „sozialistische Perspektive“ kam ihnen abhanden. Sie warfen den linksradikalen Ballast ab, der ihren Karrieren im Wege stand, und adoptierten an seiner Stelle Ideen und Begriffen, die den unterschiedlichsten Quellen entstammten: Feminismus, LGBT und Gender Mainstreaming, Ökologismus, Pazifismus, Europäismus, um nur einige zu nennen. Sie sind längst nicht mehr Marxisten, auch nicht „Kulturmarxisten“ im Sinne Gramscis. Geblieben ist ihnen ein Antikapitalismus ohne Ziel und ohne Perspektive, sozusagen ein Antikapitlismus im Leerlauf. Den Kern jeder progressiven Weltanschauung haben sie bewahrt, nämlich die Überzeugung, die Übel der Welt mit Hilfe der „wissenschaftlichen Methoden“ analysieren und Wege zu einer besseren Welt weisen zu können. Sie wissen  Bescheid über die Ursachen von Rassismus und Sexismus, Klimawandel, Hunger, Unterentwiclung und Feinstaubbelastung, und sie wissen, wo der Feind steht. Der steht nämlich immer rechts, und rechts heißt „voll Nazi“.

„Political Correctness“ ist ein Instrument des Social Engineering und zugleich der Ausweis der Zugehörigkeit zu einer politischen, ökonomischen und medialen Elite. Was „politisch korrekt“ ist, ändert sich ständig. Neue Begriffe werden eingeführt, bisher für unbedenklich gehaltene Begriffe aus dem Diskurs verbannt.  Die Verhängung neuer Denk- und Sprechverbote vertieft die Kluft zwischen den „Somewheres“ und den „Anywheres“.

Darin liegt, wie Angelo M. Codevilla unlängst in einem brillanten Essay über den Aufstieg der „Political Correctness“ schrieb[v], auch der Unterschied zu der Vision Gramscis von der „kulturellen Hegemonie“. Die sollte ja nicht ausgrenzen, sondern – ganz im Gegenteil – die  Arbeiterbewegung und die katholischen Massen unter kommunistischer Führung zu einem „historischen Block“ zusammenführen. Die „Political Correctness“hingegen trennt die „Anywheres“ von den „Somewheres“.  Alle „Anywheres“ sind heute „Liberale“ in dem Sinn, wie die Amerikaner diesen Begriff verwenden. In Deutschland reicht das Spektrum dieses „Liberalismus“ von der Linken über die Grünen und die Sozialdemokraten bis tief in die Reihen der Unionsparteien.

Es gibt kein Zentralkomitee, das die „Political Correctness“ verordnen würde. Sie ist ein Selbstläufer. Ihr Diktat hat zu einer permanenten Moralisierung und Hysterisierung des gesellschaftlichen Diskurses geführt. Die Kampagnen gegen Ernst Nolte während des Historikerstreits von 1986, sowie zwei Jahre später gegen den deutschen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger, waren das Vorspiel. 2004 wurde der Philosoph Rocco Buttiglione, den Silvio Berlusconi als EU-Kommissar vorgeschlagen hatte, von einem Ausschuss des Europäischen Parlaments abgelehnt, weil er sich bei der Anhörung als gläubiger Katholik bekannt hatte. Vom Ausschuss befragt, hatte Buttiglione angegeben, er halte Homosexualität für eine Sünde, was ihn jedoch nicht daran hindern würde, gegen die Diskriminierung von Homosexuellen aufzutreten. Als er dann auch noch sagte, der Schutz der Familie erleichtere es den Frauen, Kinder zu haben großzuziehen, war das Urteil gefällt.

Wer nicht die säkularistische Weltanschauung der Eurokraten und eurokratischen Ideologen teilt, hat keinen Platz in der Familie der europäischen „Anywheres“. Adenauer, De Gasperi und Schuman hatten sich das gemeinsame Europa so gewiss nicht vorgestellt. Mittlerweile ist es so weit gekommen, dass die bloße Feststellung, der Unterschied zwischen den Geschlechtern sei eine anthropologische Konstante, als Leugnung des Rechtes auf sexuelle Selbstbestimmung verstanden wird. In Amerika, las ich unlängst in einem Kommentar, wüssten die Leute nach acht Jahren Obama nicht einmal mehr, welche Toilette sie benützen sollen.

Die „Political Correctness“, mit der wir es heute zu tun haben, begann ihren Feldzug gegen die Vernunft an den amerikanischen Universitäten und setzte ihn an den europäischen Universitäten fort. Feministinnen und Feministen, Grüne und Sozialdemokraten, ministerielle, gewerkschaftliche und kirchliche Bürokratien eigneten sie sich an. Die so oft gescholtenen Medien machen nicht alle Moden mit, weil sie auf ihre Leser Rücksicht nehmen müssen. Es gibt zum Beispiel keine nennenswerte deutschsprachige  Zeitung, die das lächerliche BInnen-I übernommen hätte, das im amtlichen Verkehr längst alltäglich geworden ist.

In die deutschen Redaktionen zog die „Political Correctness“ durch die Hintertür des deutschen Pressekodexes ein. Die vor kurzem erst revidierte Richtlinie 12.1 über die Berichterstattung von Straftaten enthält die Verpflichtung, dass die „Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten … in der Regel nicht erwähnt werden (soll), es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ [vi]

Was heißt das für die journalistische Praxis? Besteht zum Beispiel ein „begründetes öffentliches Interesse“, die Zugehörigkeit der Täter zu einer ethnischen oder religiösen Minderheit mitzuteilen, wenn ein syrischer Asylbewerber in einem Schwimmbad ein Kind missbraucht oder drei Afghanen über ein Mädchen herfallen? Schürt es „Vorurteile gegenüber Minderheiten“, wenn wahrheitsgemäß berichtet wird, dass die Massenmigration die Kriminalitätsrate signifikant in die Höhe treibt?  Und wie war das mit den mehrere Tage lang verschwiegenen Vorgängen auf der Kölner Domplatte in der Neujahrsnacht 2016?  Das Versagen im Falle Köln verstärkte erst recht den Verdacht, dass die Medien aus Gründen der „Political Correctness“ nicht vollständig und wahrheitsgemäß berichteten. Das böse Wort von der „Lügenpresse“ hat einen wahren Kern. Es gab einen Schulterschluss zwischen der Regierung, der Opposition sowie dem Mainstream der deutschen Medien in der „Willkommenskultur“. Da passten Hunderte randalierende und Frauen belästigende Nordafrikaner einfach nicht ins Bild.

Es ist allerdings eine Legende, dass die sozialen Medien die Meinung des „Volkes“ getreuer abbilden als die klassischen Medien. Sie tun es nicht, man möge nur einmal die Tweets live verfolgen, die während deutscher Talkshows abgesetzt werden. Wenn da tatsächlich die „Volksmeinung“ zum Ausdruck käme, würde die AfD die Bundestagswahl im Herbst locker mit absoluter Mehrheit gewinnen. Facebook und Twitter ähneln einem riesigen Wirtshaus mit unzähligen Stammtischen, auf denen unentwegt politisiert, genörgelt, geschimpft und beleidigt wird. Die Meinungsvielfalt tritt einem da sozusagen in Rohform entgegen. Auf die Art, wie in den sozialen Medien debattiert wird, haben die Politiker ebenso wenig Einfluss wie auf die Stimmungslage an den Stammtischen. Da gibt es kein Do-ut-des wie im Beziehungsgeflecht zwischen Politikern und Journalisten. Doch wie in der realen Wirtshauswelt herrscht auch an den virtuellen Stammtischen ein scharfer Wettbewerb um die Aufmerksamkeit, der jene begünstigt, die mit den gewagtesten Behauptungen, den dreistesten Unterstellungen und der saftigsten Ausdrucksweise auftrumpfen.

Aber ebenso wenig wie man in einem Wirtshaus gezwungen ist, in Hörweite eines bestimmten Stammtisches Platz zu nehmen, muss man sich als User im Internet solchen Zumutungen aussetzen. Der User ist kein hilfloses Opfer, das von der Regierung gegen „Hate Speech“ und „Fake News“ in Schutz genommen werden müsste. Er entscheidet, was er lesen, hören, oder sehen will. Zarte Gemüter haben am digitalen Stammtisch nichts verloren. Delikte wie Beleidigung, üble Nachrede, Nötigung, Bedrohung und Volksverhetzung können nach der geltenden Rechtslage selbstverständlich geahndet werden, ob sie im Internet begangen werden oder in den herkömmlichen Medien.

Was also veranlasst die deutsche Bundesregierung, vor den Wahlen ein „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ in die Wege zu leiten, das soziale Medien und Internetprovider unter Androhung von Geldstrafen bis zu 50 Millionen Euro dazu verpflichten würde, die Meinungsäußerungen ihrer User zu zensurieren? [vii]Die besondere Perfidie dieses Gesetzes besteht darin, dass es private Unternehmen in politische Instrumente der Regierung verwandelt. Nicht die Justiz, sondern rasch eingeschulte Zeitarbeitskräfte sollen beurteilen, ob eine Äußerung strafrechtlich relevant ist oder nicht.  Der deutsche Justizminister Heiko Maas verspricht sich davon, „Hate Speech“ und „Fake News“ ausmerzen zu können. Das wird ihm nicht gelingen. Beides gibt es nämlich nicht erst seit gestern und nicht nur in den sozialen Medien, und beides ist zwar hässlich, aber nicht strafbar. Mit Sätzen wie „Ich möchte nicht neben einem Zigeuner wohnen“ sollte eine freie Gesellschaft auch ohne strafrechtliche Sanktionen fertig werden können. Ein ähnliches Zensurgesetz wurde auch in Österreich vorbereitet, aber zum Glück ist die große Koalition zerfallen, bevor sie es in Kraft setzen konnte, und vielleicht gibt es nach den Neuwahlen im Oktober 2017 eine Regierung, die sich an die verfassungsrechtliche Garantie der freien Meinungsäußerung hält.  So wie es jetzt aussieht, gibt es jedenfalls nur zwei deutschsprachige Länder, in denen das Recht auf freie Meinungsäußerung in vollem Umfang respektiert wird, nämlich das Fürstentum Liechtenstein und die Schweiz.

Wie die Bäcker und die Schuster haben auch die Journalisten einen Schutzpatron, den Heiligen Franz von Sales, der von 1567 bis 1622 lebte. Von ihm stammt das Zitat, mit dem  ich für mich und meine Kollegen, die sich um wahrhaftige Berichterstattung, korrekte Analyse und faire Kommentierung bemühen, um Nachsicht bitten möchte:

Man behandelt manchmal die Schriftsteller zu hart. Man fällt sehr rasch ein strenges Urteil über sie und offenbart dabei selbst mehr an Taktlosigkeit, als jene an Unklugheit, da sie ihre Schriften voreilig veröffentlichten. Dieses unüberlegte Urteilen gefährdet schwer sowohl das Gewissen der Urteilenden als auch die Unschuld der Angeklagten.

(Vortrag auf der Gottfried von Haberler Konferenz, Vaduz, 19. Mai 2017)

Anmerkungen:

[i] Friedrich A. von Hayek, Die Intellektuellen und der Sozialismus. In: Schweizer Monatshefte, 29. Jg, August 1949, Heft 5

[ii] Walter Lippmann, Public Opinion. Free Press Paperbacks, New York 1997

[iii] Ludwig von Mises, Erinnerungen. Mit einem Vorwort von Margit von Mises und einer Einleitung von Friedrich August von Hayek, Gustav Fischer Verlag Stuttgart-New York 1978

[iv] David Goodhart, The Road to Somewhere. The Populist Revolt and the Future of Politics, Hurst&Company London 2017

[v] Angelo M. Codevilla, The Rise of Political Correctness, in: The Claremont Review of Books, Volume XVI, Number 4, Fall 2016

[vi] Pressekodex des deutschen Presserats, http://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/

[vii] Joachim Steinhöfel, Der Kampf um die Meinungsfreiheit beginnt (www.steinhoefel.com/2017/01/der-kampf-um-die-meinungsfreiheit-beginnt.html)