Inbrünstig animalische Gefühle: Über die Österreichische Schule und andere Missverständnisse

Als der ÖGB im Mai 2003 gegen die Pensionsreform der Bundesregierung zum ersten politischen Massenstreik seit Jahrzehnten mobilisierte, erklärte ein Gewerkschaftsfunktionär bei der Großkundgebung in Salzburg, worauf es ankäme, nämlich zu verhindern, daß „die Altersversorgung der Österreicher und Österreicherinnen den Spekulanten an der Börse, den Bilanzhaien und der Weltkonjunktur“ überlassen wird – statt sie wie gewohnt einfach der nächsten Generation aufzubürden.

So sieht es also aus. Die Pensionen garantiert der Staat und der Strom kommt aus der Steckdose. Wo man auch hinblickt, grundiert ökonomische Ignoranz flächendeckend die politische Debatte. Zu „Liberalismus und Österreich“ dürfte den meisten Landsleuten heute vermutlich die Ära Kreisky einfallen, vielleicht noch der heroische Kampf des verflossenen Liberalen Forums im österreichischen Nationalrat um die Einführung der Homosexuellen-Ehe. Die Annahme, der Markt sei ein wildes Tier, das nur gefesselt und vor den Karren des Gemeininteresses gespannt gelegentlich auch gute Dienste zu verrichten in der Lage sei, eint die politischen Lager über die Parteigrenzen hinweg. Das Mißtrauen gegenüber dem Markt, dessen Anonymität als bedrohlich empfunden wird, ist vielleicht sogar das einzige, was den Sozialdemokraten, den Christlich-Sozialen, den Deutschnationalen und ihren jeweiligen politischen Nachfahren immer schon gemeinsam war und immer noch gemeinsam ist. Marktfeindlichkeit scheint so urösterreichisch zu sein wie die Vorliebe für Knabenchöre, weiße Pferde und glasierte Schokoladentorten. Als unösterreichisches Verhalten hingegen gilt jeder Versuch, nicht dem Markt, sondern dem Staat Fesseln anzulegen. Genau darin aber, und in nichts anderem, liegt das Wesen des Liberalismus begründet.

Felix Butschek, der sich nicht dem Verdacht aussetzt, den wirtschaftlichen Individualismus mutwillig in den Vordergrund rücken zu wollen, bescheinigt der österreichischen Wirtschaftsmentalität „korporatistischen Liberalismus“. Was Korporativismus in Österreich meint, braucht hier nicht näher erläutert zu werden. Den „Liberalismus“ sieht Butschek in der „gesamtwirtschaftlichen Verantwortung“ der Sozialpartner in einer Zeit, da „sich die Wirtschaftssubjekte, also Unternehmer wie Arbeitnehmer, in hohem Maße dem internationalen Druck des Marktes ausgesetzt sehen“. Der Vorwurf, der Verbändestaat „fördere über die Erhaltung des jeweiligen Besitzstandes die Versteinerung der Wirtschaftsstruktur“, gelte zwar im Fall der Landwirtschaft, treffe aber nicht auf andere Bereiche zu: „Wohl kämpften einzelne Betriebsräte, vor allem in der verstaatlichten Industrie, um die Erhaltung von unwirtschaftlichen Arbeitsplätzen. Die Spitzen von Gewerkschaft und Arbeiterkammer taten das nie. Im Gegenteil, im Falle der verstaatlichen Industrie versuchten die Gewerkschaftspräsidenten wiederholt den Belegschaften klarzumachen, daß Veränderungen notwendig seien.“[1] Die Herausbildung der österreichischen Institutionenstruktur zum Verbändestaat „begann schon vor dem 1. Weltkrieg, setzte sich danach, trotz aller Rückschläge, zumindest partiell fort und und erreichte seine volle Etablierung schließlich in der 2. Republik. Und dieses so geschaffene Institutionennetz“, lobt Butschek, „vermittelte dem Staat seine bemerkenswerte politische und ökonomische Stabilität.“

Heinrich Treichl zieht in seinen Erinnerungen eine etwas andere Bilanz dieses österreichischen „Dritten Weges“, eines Systems, das auf dem „gemeinwirtschaftlichen Mythos“ beruht und in dem „die weniger Widerstandfähigen zu Opportunisten, stärkere Charaktere zu Staatsverächtern“ [2]  werden. Ungeachtet des von Butschek behaupteten Veränderungswillens der sozialpartnerschaftlichen Spitzen waren die Folgen der Verstaatlichung „weit katastrophaler, als der österreichischen Öffentlichkeit bewußt ist, weit schlimmer, als die Vergeudung von Hunderten Milliarden von Steuergeldern, die einer Schimäre geopfert wurden. In Zahlen kann nicht ausgedrückt werden, was Österreich infolge der Verstaatlichung nicht erreicht hat, was uns entgangen ist: Wir sind weder in der Industrie noch in der Finanz in die Spitzenliga vorgedrungen, obwohl wir mit unserem großen Schatz an vielseitigen Begabungen dazu imstande gewesen wären … Das Eigentum an den Gesellschaften, die mit Aussicht auf Erfolg an den Aktienmarkt hätten herangeführt werden können, blieb in der Hand des Staates, also in Wahrheit der politischen Parteien. Der Aktienmarkt blieb eine Spielwiese der verstaatlichten Großbanken. Die Aktien der von ihnen beherrschten Unternehmen waren die wichtigsten an der Wiener Börse notierten Werte. Diese nach den verstaatlichten nächstgrößten Unternehmen waren, weil im Besitz der verstaatlichten Banken, in sozialistischer These daher der mittelbaren Verstaatlichung unterworfen. An der Börse, ohne ausreichendes und geeignetes Material, nahezu ohne institutionelle Investoren und von Banken beherrscht, agierten ein paar kleine Spieler, die dort ihren Adriaurlaub oder ihr nächstes Auto gewinnen wollten. Daran hat sich im Grunde nicht allzu viel geändert.“[3]

Den Gegensatz zwischen Korporativismus und Liberalismus, zwischen Markt auf der einen, Staats- und Verbände-Intervention ins Wirtschaftsleben auf der anderen Seite, ist unversöhnlich, der „korporatistische Liberalismus“  hebt ihn nicht auf. Warum das so ist, erklärte Ludwig von Mises so:  „Capitalism and socialism are two distinct patterns of social organization. Private control of the means of production and public control are contradictory notions and not merely contrary notions. There is no such thing as a mixed economy, a system that would stand midway between capitalism and socialism. Those advocating what is erroneously believed to be a middle-of-the-road solution do not recommend a compromise between capitalism and socialism, but a third pattern which has its own particular features and must be judged according to its own merits. This third system that the economists call interventionism does not combine, as its champions claim, some of the features of capitalism with some of socialsm. It is something entirely different from each of them. The economists who declare that interventionism does not attain those ends which its supporters want to attain but makes things worse – not from the economists´ own point of view, but from the very point of view of the advocates of interventionism – are not intransigent and extremists. They merely describe the inevitable consequences of interventionism.“[4]

Wie immer, wenn von Meinungen die Rede ist, liegen Mißverständnisse nahe. Ein Mißverständnis besteht in der Annahme, daß an einer Meinung, der viele Menschen anhängen, schon etwas richtig sein müsse. Die Ansicht, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums, erfreute sich zum Beispiel sehr lange großer Beliebtheit, zu lange, wie Galilei zu seinem Leidwesen erfahren mußte. Ein weiteres Mißverständnis ist die Meinung, daß es auf Meinungen eigentlich gar nicht ankäme, weil die Menschen in ihren Handlungen ohnehin nur auf materielle Veränderungen und psychische Reize reagierten. Tatsächlich aber reagieren sie – um mit Popper zu sprechen – nicht nur unmittelbar auf die Veränderungen in der physischen Welt 1 und der psychischen Welt 2, sondern, ganz im Gegensatz zu Pavlovs Hund, vor allem auch auf jene in der Welt 3,  der Welt der Denkinhalte und der Erzeugnisse des Geistes. Wer an der Börse je Geld verloren hat, weiß, wovon die Rede ist. Die Menschen setzen ihre Schritte auf den Wegen, die auf ihren mentalen Landkarten verzeichnet sind. Wege, die auf diesen Karten nicht eingezeichnet sind, und seien sie noch so breit, werden auch nicht begangen; Hindernissen, die sie nicht zeigen, wird nicht ausgewichen, und seien sie noch so hoch.

Daraus läßt sich allerdings nicht ableiten, daß es diese Wege und diese Hindernisse nicht gibt. Das gemeinwirtschaftliche Debakel in Österreich, um bei unserem Beispiel zu bleiben, sieht in allen seinen gewaltigen Dimensionen selbst im Rückblick nur, wer – wie Frédéric Bastiat in seinem berühmten Essay – neben dem Sichtbaren auch das Unsichtbare der Wirtschaft als wirkliches wahrzunehmen imstande ist. In Bastiats Beispiel unterhielten sich Passanten, die zufällig Zeugen wurden, wie ein Lausbub ein Schaufenster einschlug, über die ökonomischen Folgen dieses Vorfalls. Sie sahen, wie sogleich der Glaser anrückte und hocherfreut das Fenster austauschte. Was sie nicht sahen, war, daß der geschädigte Ladenbesitzer Investitionen, die er vorhatte, nun nicht mehr tätigen konnte, weil er den Glaser bezahlen mußte. Der Schneider etwa kam um den Auftrag, einen neuen Anzug anzufertigen. Die Passanten jedoch, die nur den Glaser sahen und nicht den Schneider, gelangten zu der fatalen Schlußfolgerung, daß der Lausbub im Interesse des Wirtschaftswachstums gehandelt hatte. In Österreich ist weithin sichtbar, daß das Land aufgrund des Fleißes seiner Bürger, seines „großen Schatzes an vielseitigen Begabungen“ und seines grundsoliden, jedem Radikalismus abholden Charakters das Experiment des gemeinwirtschaftlichen Vandalismus mit ein paar ärgeren Blessuren und vielen blauen Flecken überlebt hat. Das Unsichtbare aber ist – in Treichls Worten – das, „was uns entgangen ist“, es ist „im Schneider“, wie man in Österreich zu sagen pflegt.

Am 12. 10. 1974, also zur Hochblüte des „Austro-Liberalismus“ Kreisky`scher Prägung, erschien in der „Arbeiterzeitung“, dem mittlerweile eingestellten Zentralorgan der SPÖ, ein Kommentar über die Verleihung des Nobelpreises an Friedrich August von Hayek: „Bei allem Nationalstolz darüber, daß auch einmal in den Wirtschaftswissenschaften ein gebürtiger Österreicher den Nobelpreis erhielt, braucht man nicht darüber hinwegzusehen, daß Friedrich Hayek sein Genie in den Bahnen einer Ökonomik entfaltete, die ganz auf die Erhaltung beziehungsweise Wiedereinführung des (von staatlichen Eingriffen) `freien`kapitalistischen Wirtschaftssystems ausgerichtet ist.“ Hayek sei der Vertreter einer „unmenschlichen Wissenschaft, die Massenarbeitslosigkeit zur Eindämmung der Inflation braucht. Dafür dürfte auch den jeweils Betroffenen jedes Verständnis mangeln. Und ein System, das keinen besseren Ausweg kennt, stellt sich selbst in Frage“. Der Kommentar stand unter dem Titel „Weniger nobel“ und war mit „M.S.“ gezeichnet, dem Kürzel eines prominenten sozialdemokratischen Journalisten, eines ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet historischer Landkarten.

. „Die Wirtschaftsgeschichte“, lehrte Hayek, „ist in hohem Maß eine Geschichte der Überwindung von Hindernissen, die der Staat im Dienste der ererbten Gefühle, der ererbten Moral und Religion der wirtschaftlichen Entwicklung in den Weg legte. Und der Kampf mit den Vorstellungen der Mehrheit, den die Kulturentwicklung geführt hat, begann gewiß lange vor der Bildung organisierter Staatswesen mit der Mißachtung von traditionellen Gruppengebräuchen und Stammesgewohnheiten.“ [5] Der Fortschritt habe in der Ablösung der „animalischen Gefühle, die die kleinen Gruppen zusammenhielten“ durch „abstrakte Verhaltensregeln“ bestanden, „die uns von der Verpflichtung befreiten, zunächst für den Nachbarn zu sorgen, bevor wir der Welt Leistungen anboten. Unser gegenwärtiger Wohlstand und die Zahl der Menschenleben, die wir heute erhalten können, wurden durch eine langsame, schrittweise Änderung jener Moral ermöglicht, die unsere Gefühle immer noch beherrscht, die wir aber in der Praxis nicht befolgen und die uns dadurch, daß wir sie nicht befolgen, in die Lage versetzt hat, Hunderttausende von anderen Menschen zu ernähren.“[6] Viceversa „ist die Geschicht des Aufstiegs des Sozialismus die Geschichte des Wiederauflebens der primitiven Gefühle – Gefühle, die dem Menschen physiologisch angeboren sind und deren Zähmung die Entwicklung der Kultur zu verdanken ist.“ [7] Für die offene Großgesellschaft gehe davon große Gefahr aus, denn sie „konnte sich nur dank der Entwicklung eines selbsttätigen Ordnungsprozesses entwickeln, der mehr Informationen nutzte, als irgend jemand besitzen kann, und der als Signal, das dem einzelnen sagt, was er tun sollem, eine Entlohnung verwenden mußte, die nicht den menschlichen Vorstellungen vom Bedarf oder Verdienst entsprach, sondern ihm nur sagte, welchen Wert seine verschiedenen Leistungen für andere Menschen haben.“[8]

Solches widersprach natürlich dem Geist des „korporatistischen Liberalismus“, dem der Kommentator der „Arbeiterzeitung“ stellvertretend für den Mainstream in der österreichischen Gesellschaft der Kreisky-Ära Ausdruck verlieh, und der natürlich auch an den Universitäten regierte. Zunehmende geistige Isolation und bürokratische Schikanen vertrieben den Österreich-Heimkehrer Hayek schon wenige Jahre später aus Salzburg nach Freiburg im Breisgau. Am 22. Januar 1977 veröffentlichte die „Presse“ einen Leserbrief des Nobelpreisträgers, in dem er die Gründe seiner zweiten Emigration detaillierter schilderte: „Ich muß gestehen, daß ich nach wenigen Monaten zu zweifeln begann, ob ich hier noch recht am Platz bin, als mir ein älterer Ministerialerlaß durch ein Zirkular in Erinnerung gebracht wurde, dessen Inhalt und Tonart klar aus einem Satz hervorgeht, den ich wörtlich daraus zitieren will: `Auslandsreisen von Hochschulprofessoren sind dem ho. Bundesministerium auch dann bekanntzugeben, wenn sie in die vorlesungsfreie Zeit fallen oder wenn sie weniger als acht Tage dauern und somit hierfür keine Beurlaubung durch das ho. Bundesministerium erforderlich ist´…. Andere Belästigungen, wie daß von mir verlangt wurde, jedes Jahr neu um Erlaubnis des Bezuges meiner deutschen Pension anzusuchen (weil diese verständlicherweise nur auf ein deutsches Konto eingezahlt wird) oder daß ich neuerdings wegen jeder größeren Sendung wissenschaftlicher Bücher aus dem Ausland auf das hiesige Zollamt zitiert werde, schlugen dem Faß den Boden aus. Anderswo ist wissenschaftliche Arbeit leichter. F.A.Hayek, Salzburg“.  Vom „Kurier“ befragt sagte Prof. Getrud Pütz-Neuhauser, Vorstand des Instituts für Volkswirtschaftslehre in Salzburg: „Es war mir immer unklar, was sich Professor Hayek in Salzburg vorgestellt hat.“

Er hatte sich, darf man vermuten, vorgestellt, daß es ihm möglich sein werde, in Österreich das zu tun, was ihm in der ganzen Welt Anerkennung verschafft hatte, nämlich in der Tradition der Österreichischen Schule der Nationalökonomie weiterzuarbeiten und sein Wissen mit den Studenten zu teilen. Es war ihm nicht vergönnt und er wurde in Österreich über seinen Tod hinaus totgeschwiegen. Als Hayek starb, erschien Heinrich Treichls Nachruf im „Standard“ unter dem Titel „Begraben, aber nicht heimgekehrt“. Er geriet ihm zu einer wütenden Polemik gegen die „Ignoranz der österreichischen Politik“: „Wo war die Bundsregierung mit ihrer wiederholt bewiesenen Begabung für pompes funébres? Sie scheint der Kaste der Politiker vorbehalten zu sein – für ihre inzestuösen Nekrologe… Wo war die Universität Wien mit ihrer großen nationalökonomischen Tradition, der weltweit zu hohen Ehren gekommenen Österreichischen Schule? Wo war die Unversität Salzburg, an der Hayek eine Professur innehatte? …. Den Sozialdemokraten kann man es vielleicht noch verzeihen, daß sie zum Tode des Mannes, der den Sozialismus als den `Weg in die Knechtschaft´ (das Buch erschien 1944!) bezeichnet und seinen Untergang vorhergesagt hatte, keine Worte fanden. – Aber wie soll man das Schweigen der ÖVP deuten? Hayeks `Weg in die Knechtschaft´ ist den Sozialisten in allen Parteien gewidmet. Sollte sich die ÖVP da betroffen gefühlt haben? Ich möchte diese Deutung von mir weisen und eine andere versuchen: Die Ursache des Versagens ist Österreichs seit jeher gestörtes Verhältnis zum Liberalismus, auch wenn die Vokabel ´liberal´als verbale Prostituierte von SPÖ, ÖVP und FPÖ ständig und geradezu inbrünstig beteuernd verwendet wird.“[9]

Als die „Presse“ anläßlich eines Symposiums in Gent über die weltweiten Veranstaltungen zum Hayek-Gedenkjahr 1999 berichtete[10] und bedauerte, daß es in Österreich niemand der Mühe wert befunden hatte, „einen der international bedeutendsten gesellschaftswissenschaftlichen Denker des 20. Jahrhunderts mit einer wissenschaftlichen Veranstaltung zu ehren“, behauptete Prof. Richard Sturn, Universität Graz, es gebe „an den Universitäten von Wien und Graz … seit vielen Jahren nachhaltige und erfolgreiche Bemühungen, das Erbe Hayeks und der Österreichischen Schule zu fördern und kreativ daran anzuknüpfen“, die sich „vielfach wohltuend durch das Fehlen hagiographischer Komponenten“ auszeichneten. Die „Dynamik des Hauptstromes ökonomischer Theoriebildung ist jedoch in eine stark angelsächsisch geprägte, quantitative Richtung gegangen, sodaß eine ausschließliche Konzentration auf die Österreichische Schule oder Hayek sich forschungsstrategisch verbietet.“[11] Treichl antwortete in einem Leserbrief, daß ja nun wirklich niemand eine solche ausschließliche Konzentration erwarte und daß er von Hagiographie genausowenig halte wie vom österreichischen Ikonoklasmus: „Qui s´excuse s`accuse. Quantitative Ökonomie ist keine Alternative zur intensiven Beschäftigung mit dem Mann, den der sehr ´angelsächsisch geprägte´ Economist in seinem Nachruf im März 1992 einen ´original thinker in the tradition of classical liberalism´- im Gegensatz zu einer ´narrow technocratic doctrine´- perhaps the century´s finest – genannt hatte.“[12]

Dem flüchtigen Leser österreichischer Zeitungen mag Treichls beharrlicher Einsatz für die Österreichische Schule der Nationalökonomie als exzentrisches Hobby erscheinen, ein intellektuelles Gegenstück zur Gemsenjagd und von der Lebenswelt des Durchschnittsbürgers mindestens ebensoweit entfernt. Wer die Ehre und das Vergnügen seiner persönlichen Bekanntschaft hat, weiß, daß ihn dieses Engagement begleitet hat, seit er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft Hayeks Buch „The Road to Serfdom“ gelesen hatte,  in der ersten Auflage von 1944. „Ich habe es nach Hause mitgenommen, es trägt noch den Zensurstempel des Lagers. Vor ein paar Jahren zeigte ich es den Nobelpreisträgern James Buchanan und Gary S. Becker, die anläßlich einer Tagung der Mont Pélerin Society bei mir zu Gast waren: sie nahmen es andächtig in die Hand wie eine Reliquie. Mir hat das Werk eine neue Erkenntnisebene eröffnet.“[13]

„The Road to Serfdom“ ist ein besonders gelungenes, aber durchaus nicht das einzige Beispiel der Literatur der Österreichischen Schule, die unmittelbar an den Leser appelliert. Menger, Mises, Hayek oder Machlup haben ihre Arbeiten nicht für den Elfenbeinturm geschrieben, sondern für ein breites Publikum. Sie wollten überzeugen und haben sich daher um eine Sprache bemüht, die den Leser nicht ausschließt, sondern sich ihm mitteilt. Sie sind der Polemik nicht ausgewichen, sondern haben sie wacker aufgenommen und bis zur Neige ausgekostet. In den angelsächsischen Ländern, wo das wissenschaftliche Milieu weniger versnobt und wehleidig sein dürfte als bei unserem Grazer Forschungsstrategen, kommt diese Sprache gut an. Und dennoch hält die Ausgrenzung der Lehren der Österreichischen Schule aus dem öffentlichen Diskurs in Österreich bis heute an, wenn man von wenigen hervorragenden Ausnahmen absieht, von denen Prof. Streissler die herausragendste darstellt. Der traditionelle Etatismus, der auch die Unternehmer des Landes verzogen und verbogen hat, der politisch korrekte, sterile Konformismus an den Hochschulen, der verkrampfte Progressismus der Medien und so manche andere österreichische Besonderheit haben dazu beigetragen. Dem Liberalen stehen in Österreich viele Gründe zur Verfügung, um sich seine Marginalisierung zu erklären und Opferstatus zu beanspruchen. Aber wie steht es um seine eigene Verantwortung?

Joseph T. Salerno hat vor kurzem den Versuch unternommen, dieser Frage im theoretischen Gebäude der „Austrian Economics“ selbst nachzugehen[14]. Jede wissenschaftliche Bewegung, argumentiert Salerno, brauche einen institutionellen Rahmen, „a complementary set of means aimed at developing its ideas and theories, disseminating them among its active researchers and teachers, and inculcating them into its students and sympathetic public intellectuals“. Ein akademischer Außenseiter könne sein Genie zwar auch aus eigener Kraft entfalten. „But in the absence of an institutional nexus of research institutes, academic programs and scholarly journals congenial to his work, the fruits of his genius will attract few active researchers and after his death they will quickly wither on the vine and the science will eventually retrogress.“ Salerno wirft Menger und Böhm-Bawerk, den brillanten Pionieren der Österreichischen Schule, eine falsche Auffassung der Soziologie des wissenschaftlichen Unternehmens vor. Menger „denied in word and deed the proposition that rationally designed institutions constructed out of scarce, tangible means were required to aggressively combat erroneous ideas and promote scientific truth in economics. His most eminent immediate follower, Böhm-Bawerk, suffered from the same misconception. This misconception is summed up in the following statement discovered by Friedrich Hayek among Menger`s unpublished papers after his death: ´There is only one sure method for the final victory of a scientific idea, namely, by letting every contrary proposition run a free and full course´.“ Sowohl Menger als auch Böhm-Bawerk hätten sich strikt daran gehalten. Trotz seiner herausragenden Position als Finanzminister habe sich Böhm-Bawerk zum Beispiel nicht dafür eingesetzt, Lehrstühle mit Wissenschaftlern zu besetzen, die seiner Lehre nahestanden – stattdessen hab er sich für Othmar Spann verwendet.

Noch Mises sagte über die Ökonomen der Österreichischen Schule, „they never tried to win the support of anybody by other means than by the convincing power developed in their books and articles. They looked with indifference upon the fact that the universities of the German-speaking countries, even many of the Austrian universities, were hostile to economics as such and still more so to the new economic doctrines of subjectivism.“[15] Wissenschaft, schreibt Salerno, sei aber nicht das Ergebnis spontaner intellektueller Prozesse, sondern „the outcome of purposeful activity. New economic truth – like romantic love or aesthetic taste – is therefore an economic godd, but not an exachangeable good. This means that it is a valuable end to those who pursue it and its discovery or ´production´involves the use of scarce resources although the final product cannot be directly bought and sold on the market… Menger and Böhm-Bawerk`s doctrine that the quest for scientific truth is pureley an intellectual exercise that requires no property basis is clearly erroneous and blatantly contradicts their own pioneering contributions to economic theory“

Laissez-faire, die goldene Regel, darf also da nicht walten, wo es um die Produktion und die Distribution der richtigen Ideen geht. Die Renaissance des liberalen Denkens in Österreich wird das Ergebnis planvollen Handelns und des adäquaten Einsatzes knapper Ressourcen sein. Oder sie wird nicht sein.

[1] Felix Butschek: Gibt es eine österreichische Wirtschaftsmentalität? Ein institutionenökonomischer Versuch. In: Ernst Hanisch/Theo Faulhaber: Mentalitäten und wirtschaftliches Handeln in Österreich. IIAE – Signum Verlag, Wien 1997; S. 131

[2] Heinrich Treichl: Fast ein Jahrhundert. Erinnerungen. Zsolnay Verlag, Wien 2003. S. 237.

[3] Treichl, ebd. S. 233f.

[4] Ludwig von Mises: The Anticapitalistic Mentality. Libertarian Press, Grove City 1972. S. 51f.

[5] Friedrich August von Hayek: Wissenschaft und Sozialismus. In: F.A.v.Hayek: Die Anmassung von Wissen. Neue Freiburger Studien. Herausgegeben von Wolfgang Kerber. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1996. S. 269

[6] Hayek, ebd. S. 271

[7] Hayek, ebd. S. 273

[8] Hayek, ebd. S.276

[9] „Der Standard“, 12.6.1992

[10] „F.A.Hayek: Gent ehrt einen ausgegrenzten Österreicher“, „Die Presse“, 21. 12. 1999

[11] „Die Presse“, Spectrum/Tribüne des Lesers, 31.12.1999.

[12] „Die Presse“, Spectrum/Tribüne des Lesers, 11.3.2000

[13] Treichl, a.a.O. S. 166

[14] Joseph T. Salerno: The Rebirth of Austrian Economics – in Light of Austrian Economics. In: The Quarterly Journal of Austrian Economics, Vol. 5, Nr. 4 (Winter 2002), S. 111-128

[15] Ludwig von Mises: The Historical Setting of the Austrian School of Economics. Ludwig von Mises Institute, Auburn 1984. S. 39

Der Beitrag erschien in der „Festschrift für Heinrich Treichl“, Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt 2003

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