München und das Recht auf Sezession

 

In den drei Tage vom 29. September bis 1. Oktober 1938 entschied sich das Schicksal Europas in einem raschen Wechsel von Furcht, Hoffnung und Enttäuschung, von Betrug und Selbstbetrug, von Erpressung und Kapitulation.

Die Europäer erlebten den Zusammenbruch der Friedensordnung von Versailles und Saint Germain, Hitlers Terror und den Verrat Frankreichs und Englands an der Tschechoslowakei, einen mehrfachen Bruch des Völkerrechtes, schließlich den Beginn der Verfolgung von Juden und Hitlergegnern im annektierten Sudetenland. Der Gang in die Katastrophe hatte nicht erst in München begonnen, aber nach München konnte er nicht mehr aufgehalten werden.

Die Gefahr, die vom nationalsozialistischen Deutschland für die Friedensordnung der Pariser Vororteverträge ausging, war in London, Paris und Washington unterschätzt worden – trotz des offenen Bruch des Versailler Vertrages durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland, trotz der Besetzung des Rheinlandes, trotz der gewaltsamen Annexion Österreichs im März 1938. im September drängten Chamberlain und Daladier Hitler die Abtretung des Sudetenlandes geradezu auf – in der Hoffnung, damit den Frieden noch einmal retten zu können. Zum letzten Mal in der Geschichte Europas entschieden europäische Mächte in München allein über das Schicksal Europas, und die Folgen waren katastrophal.

Es ist im Rückblick schwer vorstellbar, aber das Münchner Abkommen wurde  – von der Tschechoslowakei und den wenigen Appeasement-Gegnern in Großbritannien einmal abgesehen – mit einer Freude und einem Jubel begrüßt, wie sie Europa seit dem Ende des 1. WK nicht mehr erlebt hatte.

Die Unterzeichnung des Münchner Abkommens erfolgte in der Nacht von 29. auf 30. September 1938 um halb zwei Uhr früh. Als erster signierte Hitler,  fast widerwillig, denn er hätte bis zuletzt eine militärische Lösung vorgezogen.Das Hotel Regina, in dem die Delegationen untergebracht waren, war von jubelnden Deutschen umgeben, die Chamberlain sehen wollten.

In Chamberlains Suite übergab Daladier der tschechoslowakischen Delegation den Text des Abkommens. Eine Zustimmung der tschechischen Regierung sei nicht mehr nötig, hieß es,  England und Frankreich betrachteten den Plan bereits als angenommen. Den tschechoslowakischen Vertretern war der Zutritt zur Münchner Konferenz untersagt worden, sie wurden im Hotel Regina von SS und Gestapo wie Gefangene bewacht.

Am nächsten Tag, Freitag, 30. September 1938,  landete Neville Chamberlain  um 17:40 am Flughafen Heston,  etwa 15 Kilometer westlich von London. Sonderbusse hatten Tausende Schaulustige nach Heston gebracht, berittene Polizei musste die jubelnde Menge davon abhalten, die Absperrungen zu durchbrechen.

Edouard Daladier war innenpolitisch schwer angeschlagen und keineswegs populär. Das Münchner Abkommen war ein enormer Prestigeverlust für Frankreich, das seinen engsten Verbündeten verraten hatte. Daladier war überrascht über den Jubel, mit dem man ihn in Paris begrüßte– Mussolini hatte ihm das noch in München vorausgesagt.

Jeder  kennt wohl die Wochenschau-Aufnahmen vom Einmarsch der Wehrmacht im Sudetenland. Wie die Grenzbalken entfernt wurden, wie die Sudetendeutschen jubelten, wie die Soldaten von lachenden Mädchen mit Blumen beworfen wurden. Ähnlich gejubelt hatte Europa zuletzt im Dezember 1918, als die Pariser Friedenskonferenz begann.

Am Freitag, 13. Dezember 1918, traf Woodrow Wilson an Bord der George Washington im französischen Hafen Brest ein. Entlang der Bahnlinie nach Paris jubelten ihm die Franzosen zu, in jedem kleinen Bahnhof begrüßten ihn blumengeschmückte Transparente. Seine Losung der nationalen Selbstbestimmung löste Begeisterung aus. Aber was das eigentlich sein sollte, wusste nicht einmal der amerikanische Präsident.Während der Friedenskonferenz wollte die amerikanische Mission in Wien eine Erläuterung des Begriffs. Sie hat nie eine Antwort bekommen.

Es blieb bei Worthülsen wie „autonome Entwicklung“, „Rechte und Freiheiten der kleinen Nationen“, was Wilson durchaus selektiv verstand, unter anderem lehnte er auch das SR der Iren ab. Sein AM Robert Lansing warnte vor der Losung des Selbstbestimmungsrechts:„Sie wird Hoffnungen hervorrufen, die nie erfüllt werden können. Sie wird, fürchte ich, tausende Menschenleben kosten. Am Ende wird das Selbstbestimmungsrecht diskreditiert sein, man wird es den Traum eines Idealisten nennen, der die Gefahr solange nicht erkannte, bis es zu spät war, jene aufzuhalten, die diesen Grundsatz mit Gewalt zu verwirklichen versuchten.“

Unter den Folgen der Pariser Friedenskonferenz und den damals gezogenen Grenzen leidet die Welt bis heute: Die Balkankriege von 1991-1999, die Kriege in Irak und in Syrien, die Kurdenfrage, der griechisch-türkische und der arabisch-israelische Konflikt haben ihre Wurzeln in den Entscheidungen der Siegermächte des WK I.

Auf dem Wiener Kongress von 1815 hatte noch ein dynastisches Europa getagt, mit seinen Monarchen und Diplomaten, die Revolution, Demokratie und nationale Selbstbestimmung gleichermaßen verachteten. Aber seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „gab es in Europa nur noch für Staaten Platz, die sich auf nationale Legitimität berufen konnten“. Die  traditionellen, dynastischen oder religiösen Legitimationsgrundlagen der multinationalen Reiche erodierten, Souveränität wurde immer mehr als Volkssouveränität verstanden. Demokratie und Nationalismus gingen Hand in Hand.

Der Konflikt zwischen den konkurrierenden Legitimationsangeboten zog sich durch den Ersten Weltkrieg, dessen Ausgang ihn entschied. Danach wurde der Status quo nicht mehr mit der Notwendigkeit der Erhaltung des Gleichgewichtes der Mächte gerechtfertigt, sondern mit der nationalen Selbstbestimmung.

Der Erste Weltkrieg, sei „ein grandioser Kampf um die fortschreitende Demokratisierung der Menschheit auf allen Gebieten“ gewesen, schrieb Edvard Beneš 1928 in seinem Buch „Der Aufstand der Nationen“. Aus seiner Sicht hatte das Selbstbestimmungsrecht der Nationen über die multinationalen Reiche triumphiert und Europas „Völkerkerker“ geöffnet. Schon Lenin hatte die Sprengkraft dieser Losung erkannt und sie ins Zentrum der kommunistischen Strategie der Weltrevolution gerückt. Man kann die verheerenden drei Jahrzehnte zwischen 1914 und 1945 mit Fug und Recht als die Ära der Demokratie, der nationalen Selbstbestimmung und des Totalitarismus bezeichnen.

Von „nationaler Selbstbestimmung“ hatte  zum ersten Mal vom ungarischen Revolutionär Lajos Kossuth gesprochen. Er berief sich 1851 in Vorträgen in England und Amerika auf das „souveräne Recht jeder Nation, über sich selbst zu bestimmen“. Der Schweizer Historiker Jörg Fisch nannte den Begriff der nationalen Selbstbestimmung einmal „gefährlicher als Giftgas“, denn auf den Einsatz von Giftgas konnten die kriegführenden Staaten auch wieder verzichten, während die einmal vorgetragene Forderung nach nationaler Selbstbestimmung von so breiten Kreisen Besitz ergriff, dass sie niemand mehr zurückziehen konnte.

Bezogen auf das Individuum bedarf Selbstbestimmung keiner weiteren Erläuterung. Sie ist identisch mit uneingeschränkter Freiheit. Komplizierter wird es, wenn zwei oder mehrere Personen in freiwilligem Zusammenschluss von ihrem Recht auf Selbstbestimmung gemeinsam Gebrauch machen, denn dazu müssen sie sich absprechen und Kompromisse eingehen. Um das Recht auf Selbstbestimmung im Kollektiv wahren zu können, muss das Recht auf Sezession eingeräumt werden, und zwar jederzeit und auf allen Ebenen. Das unbeschränkte Recht auf Sezession aber ist mit der Existenz von Staaten nicht vereinbar.  Zu Recht sagte Abraham Lincoln, der den Abfall der Konföderierten von der Union um den Preis von 620.000 Toten verhinderte, dass die Sezession das Wesen der Anarchie ausmache.

Wenn das Selbstbestimmungsrecht im Gefolge des Ersten Weltkriegs tatsächlich radikal und uneingeschränkt angewendet worden wäre, hätte es die vorgeblichen Nationalstaaten von der Art Jugoslawiens, Rumäniens oder der Tschechoslowakei, die in Wirklichkeit nationalisierende Vielvölkerstaaten waren, nicht geben können. Die europäische Landkarte hätte dann wahrscheinlich ausgesehen wie ein Leopardenfell. Die Staatenwelt wäre in Hunderte und Tausende Stadtrepubliken, Kleinfürstentümer von der Größe Liechtensteins, konföderierte Kantone oder andere politische Gemeinschaften zerfallen. Keine dieser Gemeinschaften wäre groß genug gewesen, um die anderen ernstlich zu gefährden, jede einzelne hätte im eigenen Interesse auf Freizügigkeit, freien Handel und Kooperation mit den Nachbarn setzen müssen und der fiskalische Wettbewerb hätte die Steuern auf einem sehr niedrigen Niveau gehalten. Das ist eine entsetztliche Vorstellung für jeden Etatisten, aber  die meisten Europäer würden in einem solchen Europa der Freiheit und der Freizügigkeit wohl sehr gerne leben.

Stattdessen entschieden die Siegermächte darüber, wem sie Selbstbestimmung gewährten und wem nicht. Als sie die Grenzen nach dem nationalen Prinzip zogen, fand sich jeder vierte Europäer in einem Staat wieder, dem er sich nicht zugehörig fühlte und in dem er oftmals diskriminiert wurde. Was als Volk gelten und den Anspruch auf Selbstbestimmung erheben konnte, hing von den Machtverhältnissen ab. Deutsche und Ungarn, die Verlierer des Krieges, kamen dafür nicht in Frage. Selbstbestimmung für die einen hieß Fremdbestimmung für die anderen.

Bis heute widerspiegelt sich dieses Dilemma in den Narrativen, mit denen sich Tschechen und Sudetendeutsche ihre Vergangenheit vergegenwärtigen.

Die Geschichte, die von den Sudetendeutschen erzählt wird, lautet etwa so:                      Die österreichisch-ungarische Monarchie bot die bestmögliche Grundlage für das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen, aber sie wurde willkürlich von den tschechischen Nationalisten zerstört. Gegenüber den Deutschen in Böhmen und Mähren wurde das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung nach dem Ersten Weltkrieg nicht in Anwendung gebracht. Die Deutschen wurden gegen ihren Willen dem tschechoslowakischen Staat unterstellt, und damit begann die Tragödie. Trotz ihrer ursprünglich ablehnenden Haltung haben die Deutschen schließlich versucht, loyale Staatsbürger zu sein, aber die wirtschaftliche Benachteiligung und die minderheitenfeindliche Politik der tschechoslowakischen Regierung hat sie schließlich Hitler in die Arme getrieben. Das Münchner Abkommen von 1938 korrigierte das Unrecht der Pariser Vororteverträge insofern, als es das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen realisierte, wenn auch unter Henleins Losung „Heim ins Reich“ und im Zeichen des Hakenkreuzes. Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei war eine abermalige, barbarische Negierung des Selbstbestimmungsrechtes.  Die europäische Idee wird sich auf Dauer nur durchsetzen können wenn sie das nationale Selbstbestimmungsrechtes und das „Recht auf Heimat“ für alle Völker durchsetzt. Das wäre der Lohn für das Opfer, das die Geschichte den Sudetendeutschen im 20. Jahrhundert auferlegt hat.

Die tschechische Version beginnt ebenfalls mit der Monarchie, die aber als negative Erfahrung verzeichnet wird. Zuerst haben Österreicher und Ungarn die nationalen Bestrebungen des tschechischen Volkes unterdrückt.  1918 aber hat dank Masaryk und Beneš ein Zeitalter der Freiheit und der Gerechtigkeit begonnen, in dem die Tschechen ihren demokratischen Staat begründeten. Die Deutschen hätten die Gelegenheit gehabt, sich in diesen Staat einzugliedern, der eine Insel der Demokratie war, umgeben von Diktaturen, aber sie haben sich für den Nationalismus in seiner barbarischsten Form entschieden. Als fünfte Kolonne Hitlers haben sie die Abtrennung des Sudetenlandes  und schließlich die Zerschlagung der Tschechoslowakei vorbereitet. Ihr Verhalten bewies, daß ein Zusammenleben mit ihnen in einem Staat künftig nicht mehr möglich gewesen wäre, deshalb haben die Alliierten in Potsdam ihre Aussiedlung beschlossen, die von den tschechoslowakischen Organen lediglich exekutiert wurde. Die Aussiedlung hat das Minderheitenproblem beseitigt, das die Tschechoslowakei von Anfang an begleitete, und damit die in den Pariser Vororteverträgen festgelegte Ordnung perfektioniert. In einem Jahrhundert der Barbarei hat das tschechische Volk die Werte der Demokratie und des Humanismus unter den schwierigsten Bedingungen verteidigt. Die Tschechen können nicht zulassen, dass die Geschichte umgeschrieben wird. Nicht sie hätten den ihre Europareife unter Beweis zu stellen, sondern die Deutschen, die Österreicher und die Ungarn.

Zweifellos war München ein Meilenstein auf dem Weg in die Katastrophe, der 1917/18 im Zeichen des Sieges der Demokratie und der nationalen Selbstbestimmung begonnen hatte. München war ein perverser Akt des Selbstbestimmungsrechtes der Völker und zugleich der erste Schritt auf dem Wege der nationalsozialistischen Expansion.  Hitler nutzte das Selbstbestimmungsrecht, das ihm Wilsons Moralismus zur Verfügung stellte, als ideologisches Instrument, um die Versailler Ordnung auszuhebeln. Als die Westmächte allmählich einsahen, dass ihr selektiver Umgang mit dem Selbstbestimmungsrecht brandgefährlich war und sich Änderungen am Status quo nicht mehr vermeiden ließen, wollten sie nicht wahrhaben, dass Hitler längst  nicht mehr auf Grenzkorrekturen aus war, sondern auf die Unterwerfung Europas.

Denn was auf München während des Zweiten Weltkriegs und danach folgte, war eine noch perversere Form der Umsetzung des nationalen Selbstbestimmungsrechts, nämlich die totale Fremdbestimmung durch Entrechtung, Enteignung und Vertreibung bis hin zum Genozid. Statt der Grenzen wurden nun die Menschen verschoben. Zwar hatte es auch schon nach dem Ersten Weltkrieg mehr oder minder erzwungene Massenmigrationen gegeben,  aber die „nationale Flurbereinigung“, die während des Zweiten Weltkriegs  und danach  stattfand, war bei weitem gründlicher. Er bejahe das Prinzip der Bevölkerungstransfers, sagte Beneš 1941 in London, denn „die Frage nationaler Minderheiten wird viel systematischer und radikaler durchdacht werden müssen, als dies nach dem letzten Krieg geschah.“ Es gebe keine andere Lösung „im Interesse der Ruhe und des Friedens in Europa“, sagte er vor dem tschechoslowakischen Parlament. Um ein „neues München“ zu verhindern, müssten die Deutschen die Tschechoslowakei verlassen. In Potsdam billigten die Alliierten diese Auffassung von „nationaler Selbstbestimmung“.

Nachdenken über das Münchner Abkommen und seine verheerenden Folgen heißt vor alle,  die katastrophalen Methoden, mit denen die Staaten 1918/19, 1938 und 1945 nationale Konflikte zu lösen versuchten, kritisch zu bewerten. Die so oft beschworenen „Lehren aus München“ bleiben eine hohle Phrase, solange das Recht auf Sezession nicht konstitutiver Bestandteil einer friedlich, freien und kleinstaatlichen europäischen Ordnung ist.

 

 

 

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