Balkan-Babel: „A schprach is a dialekt mit an armej un flot“

Das schrieb der Linguist Max Weinreich in einem 1944 erschienen jiddischen Aufsatz. Mitunter geht es auch ohne eine Kriegsflotte, aber eine Armee ist bei der Durchsetzung des Primats der Politik in sprachlichen Angelegenheiten schon sehr hilfreich.

Weil das so ist, dürfte die jüngste Initiative von 30 bosnischen, kroatischen, montenegrinischen und serbischen Linguisten wenig Chancen auf Gehör haben. Am ersten Wochenende des April veröffentlichten sie in Sarajevo eine Erklärung, deren erster Satz linguistisch betrachtet ebenso trivial wie politisch heiß umstritten ist: „Auf die Frage, ob in Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kroatien und Serbien eine gemeinsame Sprache im Gebrauch ist, ist die Antwort ja.“ Es handele sich um eine Standardsprache plurizentrischen Typs, die von verschiedenen Völkern in verschiedenen Ländern in verschiedenen Varianten gesprochen werde – nicht anders als zum Beispiel Deutsch, Englisch, Arabisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Tatsächlich sind die Differenzen zwischen den Sprachvarianten nicht größer als die zwischen den in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesprochenen Varianten des Deutschen. Bosniaken (bosnische Muslime), Kroaten, Montenegriner und Serben können sich in ihrer gemeinsamen Sprache mühelos über jedes beliebige Thema unterhalten.

Was man einmal Serbokroatisch nannte, ist seit dem blutigen Ende Jugoslawiens eine „tote Sprache“. Serbokroatische Dolmetscher- und Übersetzerdiplome sind im amtlichen Verkehr wertlos geworden. In Kroatien steht Kroatisch seit 1990 als Amtssprache in der Verfassung, seit dem kroatischen EU-Beitritt ist es als 24. offizielle Sprache der EU anerkannt. Serbien legte sich 1992 auf Serbisch fest, das unabhängige Montenegro entschied sich 2007 für Montenegrinisch. In Bosnien-Herzegowina gibt es seit 1993 neben Kroatisch und Serbisch auch Bosnisch als Amtssprache. Falls, wie immer noch beabsichtigt, auch Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Serbien einmal in die EU gelangen sollten, wird man in Brüssel dieselbe plurizentrische Standardsprache in vier Varianten dolmetschen und übersetzen müssen. Das könnte Folgewirkungen zeitigen. Nach dem Gleichbehandlungsgebot müsste man dann streng genommen auch den Österreichern eigene Dolmetscher zur Verfügung stellen. Man wird einem österreichischen Diplomaten dann wohl nicht mehr zumuten dürfen, auf einem Stuhl statt auf einem Sessel Platz zu nehmen und Kaffee mit Sahne zu konsumieren.

Einstweilen ist der ethnopolitische Wahn in seiner reinsten Form in Bosnien-Herzegowina zu besichtigen. Dieses sonderbare, am Tropf der internationalen Staatengemeinschaft hängende Multi-Entitäts-Gebilde leistet sich in seinen Schulen den Unterricht derselben Sprache mit drei verschiedenen Lehrplänen und dem entsprechenden Aufwand an Lehrkräften und Unterrichtsmaterialien. Sprachpolitik erweist sich als ein Instrument der Identitätspolitik. So züchtet man die Nationalisten der nächsten Generationen und verfestigt die Konflikte, mit denen die ethnopolitischen Eliten ihren Machtanspruch legitimieren.

Die Initiative zu der Erklärung ging von Studenten in Sarajevo aus, die Schulen absolvieren mussten, in denen Bosnisch und Kroatisch in unterschiedlichen Klassen unterrichtet wird. Der von ihnen formulierte Text wurde von Linguisten auf Regionalkonferenzen in Belgrad, Podgorica, Sarajevo und Split diskutiert und schließlich ins Netz gestellt. Mehr als 200 Intellektuelle aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens haben sie bisher unterschrieben.

„Die gewaltsame Trennung der vier Standardvarianten“, heißt es in der Erklärung, „führt zu einer Reihe negativer sozialer, kultureller und politischer Phänomene, etwa zum Sprachgebrauch als Argument für die Segregation von Kindern in einem multinationalen Umfeld, sowie zu unnötigen ,Übersetzungen´ im administrativen oder medialen Gebrauch“. Sprachgebrauch werde zu einem „Kriterium der ethno-nationalen Herkunft“ und zu einem Mittel, um „politische Loyalität“ unter Beweis zu stellen. Die Existenz einer plurizentrischen Sprache präjudiziere jedoch in keiner Weise das individuelle Recht der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Nationen, Regionen oder Ländern. Alle vier Standardvarianten seien gleichberechtigt, keine könne für sich den Status einer Sprache in Anspruch nehmen und die anderen als Varianten behandeln.

Ohne das Serbokroatische zu erwähnen, distanziert sich die Erklärung somit impliziert von der unitaristischen Konzeption, die dem Serbokroatischen zugrunde lag. Die südslawischen Sprachkonzepten, die im 19. Jahrhundert entstanden, widerspiegelten stets politische Interessen. Die kroatischen „Illyristen“, die Ludovit Gajs „Proglas“ (Aufruf, 1835) folgend für eine Vereinigung der Südslawen eintraten, plädierten ebenso für eine sprachliche Vereinheitlichung wie die serbischen und kroatischen Linguisten, die 1850 die „Wiener Schriftsprachen-Vereinbarung“ unterzeichneten. Die anfängliche Begeisterung der kroatischen Intellektuellen für die gemeinsame Sache endete jedoch mit dem kroatischen Eintritt ins Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Die drei Völker galten nun nur noch als die Stämme eines Volkes.  Sprachliche Vereinheitlichung auf der Basis der serbischen Variante und Belgrader Zentralisierung gingen Hand in Hand. Von den vier Jahren der faschistischen Ustaša-Diktatur in Kroatien abgesehen, die eine radikale Rekroatisierung betrieb, blieb das Serbokroatische bis zum Untergang des jugoslawischen Staats ein Instrument der serbischen Hegemonie. 1954 wurde es im serbisch-kroatischen Sprachenvertrag von Novi Sad neuerlich als Volks- und Literatursprache für Serben, Kroaten, Montenegriner und Muslime festgelegt. Aus der Sicht heutiger kroatischen Nationalisten war es lediglich eine Erfindung des großserbischen Nationalismus.

Es überrascht also nicht, dass Zagreb wütend auf die Erklärung von Sarajevo reagierte. Noch bevor sie veröffentlicht wurde, sagte der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenković, es lohne sich nicht, auch nur ein Wort darüber zu verlieren, denn Kroatisch sei in der Verfassung festgelegt und eine offizielle Sprache der EU. Der ehemalige Kulturminister Zlatko Hasanbegović, ein prominenter Vertreter des nationalistischen Flügels der regierenden HDZ, verspottete das „Wolfsgeheul jugoslawischer Nationalisten“ über den Verlust ihres Landes. Aber auch serbische Nationalisten wenden sich vehement gegen die Erklärung. Der Belgrader Literaturwissenschaftler Miro Lompar unterstellte ihren Unterzeichnern die Absicht, die Serben Bosniens und Montenegros noch mehr von ihrer Sprache zu entfremden und sie damit zu „entnationalisieren“.

Die Erklärung der Linguisten gibt keine Antwort auf die Frage, wie die gemeinsame Sprache, die man früher Serbokroatisch nannte, heute nennen sollte. Südlawisch, also jugoslawisch, geht jedenfalls nicht, soviel steht fest. Der wohl nicht ganz ernst gemeinte Vorschlag Euroslawisch dürfte sich auch nicht durchsetzen lassen, denn in der EU gibt es schließlich auch slawische Völker, denen das jugoslawische Schlamassel erspart blieb. Das internationale Tribunal in Den Haag, das sich mit den Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien befasst, wählte eine pragmatische Lösung. Es entschied sich für BHSCG. Das Akronym steht für Bosanski, Hrvatski, Srpski, Crnogorski.

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s