Der „Antifaschist“

Der ehemalige kroatische Präsident Stjepan Mesić ist als Ehrenpräsident des Bundes der kroatischen Antifaschisten zurückgetreten. Er wolle damit, schrieb er in seinem  Rücktrittsbrief, den Bund vor den negativen Folgen seiner „absolut inakzeptablen“ Äußerungen bewahren, die er in den frühen neunziger Jahren über das faschistische Ustaša-Regime getan habe. Er halte es für wahrscheinlich, dass es außer den bisher veröffentlichten Video-Aufzeichnungen noch weitere mit ähnlich inakzeptablen Äußerungen geben. Er sei dem Bund der Antifaschisten jedoch weiterhin in seinem „Kampf gegen die galoppierende Faschisierung Kroatiens verbunden“.

Tatsächlich hätte Mesić den kroatischen Antifaschisten keinen besseren Gefallen tun können, als sich so rasch wie möglich zu verabschieden. Zehn Jahre lang, von 2000 bis 2010 war Mesić Präsident gewesen, er war in diesem Amt dem Nationalisten Franjo Tudjman gefolgt. Auch nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit verehrten ihn viele noch als eine Lichtgestalt des Post-Titoismus. Er stand für die Wende, die nach Tudjmans Tod einsetzte und das Land aus der politischen Isolierung holte. Entsprechend groß war sein internationales Ansehen, nicht nur in der europäischen Linken.

Mesić war 1955 der kommunistischen Partei beigetreten. Zunächst kämpfte er der Parteilinie folgend gegen nationalistische Abweichungen, schloss sich in den frühen siebziger Jahren jedoch der Bewegung des kroatischen Frühlings an, gegen die Tito mit aller Härte vorging. 1975 wurde er zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, nach einem Jahr aber wieder auf freien Fuss gesetzt.  Im Juni 1989 gründete er mit   Tudjman und dem ehemaligen kommunistischen Geheimdienstchef Josip Manolić die Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ). Er wurde HDZ-Generalsekretär,  Ministerpräsident und Parlamentsvorsitzender. 1994 trat er aus Protest gegen die Bosnien-Politik Tudjmans aus der HDZ aus und gründete eine eigene Partei, die sich wenige Jahre später mit der heute noch existierenden linksliberalen Kroatischen Volkspartei (HNS) vereinigte. Im Februar 2000 wurde er mit 56 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt.

Je älter er wurde, desto stärker profilierte er sich als der Schutzpatron der Linken. Er wandte sich gegen den Einfluss der katholischen Kirche und behinderte Ermittlungen gegen kommunistische  Verbrechen. Das Kroatische Helsinki-Komitee warf ihm unter anderem vor, die Gedenkveranstaltungen im ehemaligen Konzentrationslager Jasenovac politisch zu instrumentalisieren. In diesem vom Ustaša-Staat betriebenen Vernichtungslager wurden  an die 100.000 Menschen ermordet, vorwiegend Serben, aber auch Juden, Roma und Regimegegner.

Erste Risse bekam Mesićs antifaschistisches Image vor elf Jahren, als  ein 1992 in Sydney aufgenommenes Video im Fernsehen gezeigt wurde. Vor Exilkroaten hatte er dort behauptet, es gebe keinen Grund, sich für Jasenovac zu entschuldigen: „Wir müssen uns vor niemandem niederknien!“ Die Zitate, sagte der Präsident damals, seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Er habe lediglich an die Einheit aller Kroaten appellieren und keineswegs die Ustaša verteidigen wollen. Die TV-Journalisten, die das Video aufgespürt hatten, wurden vom Dienst suspendiert und konnten ihre Arbeit erst nach massiven Protesten wieder aufnehmen.

Eine eben erst entdecktes Video belastet Mesić jedoch noch weit mehr. Zu sehen ist eine Kundgebung in Westslawonien im Januar 1992, auf der er das Ustaša-KZ verharmloste: „Wenn einer nach Jasenovac kam, war er praktisch gerettet, weil er als Arbeiter gebraucht wurde“. Gestorben sei man dort wie überall sonst an Ruhr und Typhus.  Zu seiner Verteidigung sagte Mesić, er sei damals leider schlecht informiert und dem politischem Druck der HDZ ausgesetzt gewesen. Jeder wisse, dass er seither eine völlig andere Position vertreten habe.

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