Archiv für den Monat Januar 2017

Der „Antifaschist“

Der ehemalige kroatische Präsident Stjepan Mesić ist als Ehrenpräsident des Bundes der kroatischen Antifaschisten zurückgetreten. Er wolle damit, schrieb er in seinem  Rücktrittsbrief, den Bund vor den negativen Folgen seiner „absolut inakzeptablen“ Äußerungen bewahren, die er in den frühen neunziger Jahren über das faschistische Ustaša-Regime getan habe. Er halte es für wahrscheinlich, dass es außer den bisher veröffentlichten Video-Aufzeichnungen noch weitere mit ähnlich inakzeptablen Äußerungen geben. Er sei dem Bund der Antifaschisten jedoch weiterhin in seinem „Kampf gegen die galoppierende Faschisierung Kroatiens verbunden“.

Tatsächlich hätte Mesić den kroatischen Antifaschisten keinen besseren Gefallen tun können, als sich so rasch wie möglich zu verabschieden. Zehn Jahre lang, von 2000 bis 2010 war Mesić Präsident gewesen, er war in diesem Amt dem Nationalisten Franjo Tudjman gefolgt. Auch nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit verehrten ihn viele noch als eine Lichtgestalt des Post-Titoismus. Er stand für die Wende, die nach Tudjmans Tod einsetzte und das Land aus der politischen Isolierung holte. Entsprechend groß war sein internationales Ansehen, nicht nur in der europäischen Linken.

Mesić war 1955 der kommunistischen Partei beigetreten. Zunächst kämpfte er der Parteilinie folgend gegen nationalistische Abweichungen, schloss sich in den frühen siebziger Jahren jedoch der Bewegung des kroatischen Frühlings an, gegen die Tito mit aller Härte vorging. 1975 wurde er zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, nach einem Jahr aber wieder auf freien Fuss gesetzt.  Im Juni 1989 gründete er mit   Tudjman und dem ehemaligen kommunistischen Geheimdienstchef Josip Manolić die Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ). Er wurde HDZ-Generalsekretär,  Ministerpräsident und Parlamentsvorsitzender. 1994 trat er aus Protest gegen die Bosnien-Politik Tudjmans aus der HDZ aus und gründete eine eigene Partei, die sich wenige Jahre später mit der heute noch existierenden linksliberalen Kroatischen Volkspartei (HNS) vereinigte. Im Februar 2000 wurde er mit 56 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt.

Je älter er wurde, desto stärker profilierte er sich als der Schutzpatron der Linken. Er wandte sich gegen den Einfluss der katholischen Kirche und behinderte Ermittlungen gegen kommunistische  Verbrechen. Das Kroatische Helsinki-Komitee warf ihm unter anderem vor, die Gedenkveranstaltungen im ehemaligen Konzentrationslager Jasenovac politisch zu instrumentalisieren. In diesem vom Ustaša-Staat betriebenen Vernichtungslager wurden  an die 100.000 Menschen ermordet, vorwiegend Serben, aber auch Juden, Roma und Regimegegner.

Erste Risse bekam Mesićs antifaschistisches Image vor elf Jahren, als  ein 1992 in Sydney aufgenommenes Video im Fernsehen gezeigt wurde. Vor Exilkroaten hatte er dort behauptet, es gebe keinen Grund, sich für Jasenovac zu entschuldigen: „Wir müssen uns vor niemandem niederknien!“ Die Zitate, sagte der Präsident damals, seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Er habe lediglich an die Einheit aller Kroaten appellieren und keineswegs die Ustaša verteidigen wollen. Die TV-Journalisten, die das Video aufgespürt hatten, wurden vom Dienst suspendiert und konnten ihre Arbeit erst nach massiven Protesten wieder aufnehmen.

Eine eben erst entdecktes Video belastet Mesić jedoch noch weit mehr. Zu sehen ist eine Kundgebung in Westslawonien im Januar 1992, auf der er das Ustaša-KZ verharmloste: „Wenn einer nach Jasenovac kam, war er praktisch gerettet, weil er als Arbeiter gebraucht wurde“. Gestorben sei man dort wie überall sonst an Ruhr und Typhus.  Zu seiner Verteidigung sagte Mesić, er sei damals leider schlecht informiert und dem politischem Druck der HDZ ausgesetzt gewesen. Jeder wisse, dass er seither eine völlig andere Position vertreten habe.

Apologie der Barbarei

Es gibt zwei Emil Cioran. Der eine hat in Frankreich publiziert, und sein französisches Gesamtwerk gehört zum Kanon der Philosophie des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Der andere schrieb auf Rumänisch, und fast alle Schriften, die er von 1932 bis 1941 verfasste, stehen im Giftschrank der politischen Pornographie. Die Franzosen lernten ihn als Meister des negativen Denkens kennen, als Philosophen der Langeweile und des Selbstmords, als gottlosen Mystiker, der von sich sagte, er werde sein Leben lang „in den Gefilden der Heiligen umherstreifen“. Den Rumänen hatte er sich als exaltierter Prediger eines Heroismus vorgestellt, „der mit Brutalität beginnt und im Opfer endet“. Der junge Cioran bewunderte Hitler, der ihm in seinem Wahn „nicht weit genug“ ging, und er verehrte Corneliu Codreanu, den „Căpitan“ der Legion des Erzengels Michael und der Eisernen Garde. Codreanu, schrieb der 27 Jahre alte Cioran am 25. Dezember 1940 habe nichts weniger als „den Himmel über Rumänien gebracht“.

Eine ganze Generation von Intellektuellen hatte sich in den 30er Jahren in die Marschordnung der Legion eingereiht, angeführt von Nae Ionescu, der einen enormen Einfluss auf Cioran, aber auch auf den Religionshistoriker Mircea Eliade, den jüdischen Schriftsteller Mihail Sebastian, den Philosophen Constantin Noica und viele andere ausübte. In einem Essay über Eliade, der 1986 erschien, erklärte Cioran den Radikalismus ihrer gemeinsamen Jugend mit einem unerbittlichen Kampf zwischen den Generationen. „Für uns hieß jung sein automatisch genial sein“, nirgendwo sonst sei diese Selbstgefälligkeit der Jugend so weit getrieben worden wie in Rumänien. „In ihr drückte sich ein verstiegener Wille aus, die Geschichte zu bezwingen, ein zügelloses Verlangen sich selbst einzuschalten, um jeden Preis in ihr etwas Neues zu erwecken. Raserei gehörte damals zur Tagesordnung“. Und in einem Brief an einen rumänischen Freund gestand er 1974, ein „Wind des Wahnsinns hatte über uns geweht“.

Anders als der um vier Jahre ältere Eliade erlag der 1911 geborene Cioran nicht dem religiösen Mystizismus der Legionärsbewegung. Die negative Fixierung auf die Religion war eine Konstante im Leben des Pfarrersohns aus Rășinari.  Cioran war ein Anti-Rationalist, der seine politischen Begriffe aus Mythen, Visionen und Emotionen bezog. Den Irrationalismus pries er 1932 als „die lebendigste und gelungenste antihistoristische Bewegung“. Die Stunde sei gekommen, proklamierte er in seiner pathetischen „Apologie der Barbarei“ (1933), „da wir rufen müssen: Tod den intelligenten Menschen, allen jenen, die analytisch die Dinge betrachten, die unfähig sind, gefährlich zu leben.“

Das politische Programm, das aus diesem Delirium hervorging, entzog sich der klassischen Unterscheidung zwischen links und rechts. Cioran bewunderte Lenin, Hitler und Mussolini, er plädierte für ein „Maximum an Staatlichkeit, das absolute Leben im Staat.“ Nur der totalitäre Staat könne „Rumänien vor dem Bankrott retten“, ein Staat, dem „die Arbeiterschaft sichtbar ihren Stempel aufgedrückt hat“. Bis in erschreckende Einzelheiten lesen sich manche seiner frühen Texte wie eine Vorschau auf den Totalitarismus der kommunistischen Ära. Um dem Land Genugtuung zu geben, heißt es da etwa, brauche man ‘ein Konzentrationslager, in dem der Großteil der rumänischen Politik aus der Nachkriegszeit versammelt wäre.“ In Sighet an der Theiss sollte die Securitate tatsächlich so ein Gefängnis für die politische und geistige Elite des Landes errichten. Am Ende umwehte ein fauliger „Wind des Wahnsinns“  Nicolae Ceauşescu und seine verwanzte, verlauste und verkommene Familiendiktatur.  „Anstatt uns vor allen großen Völkern zu demütigen“, riet Cioran 1934, ‘sollten wir Flugzeuge bauen und nach einer Verdoppelung der Bevölkerung streben“ sowie ‘den Ausbau der Industrie vorwärts treiben“.  Sätze dieser Art stehen auch in den gesammelten Werken Ceauşescus.

Aber als dieser Wahnsinn seine Heimat erfasste, war Cioran längst in Frankreich. Rumänien, seine Vergangenheit, hat er nie mehr aufgesucht, auch nicht nach dem Ende des Kommunismus. Er war der Meinung, wie er in dem bereits zitierten Brief an einen rumänischen Freund erwähnte, dass „es unelegant wäre, seine Abkehr lauthals hinauszuschreien und den Abtrünnigen zu spielen.“ Doch auf der „untergründigen Missbilligung der eigenen Vergangenheit“, glaubt Ciorans französischer Biograph, beruhe die philosophische und politische Bedeutung seines Werkes. Zeit seines Lebens habe er nichts Anderes getan, als seinen damaligen Irrtum „zu umkreisen und seine Schlüsse daraus zu ziehen“ (Patrice Bollon: Cioran, der Ketzer. Frankfurt 2006).

Die rumänischen Intellektuellen griffen nach dem Kahlschlag der kommunistischen Jahrzehnte auf die  kulturelle Hinterlassenschaft zurück, die den Krieg und die totalitären Regime im Untergrund überdauert hatte.  Cioran ließ es  zu, dass „Die Verklärung Rumäniens“ (1937), das infamste seiner Pamphlete, schon 1990 in Bukarest neu aufgelegt wurde, wenn auch gekürzt um die empörendsten Passagen. In Frankreich, und in der Folge in Deutschland, dauerte es länger, bis auch die frühen politischen Schriften  rezipiert wurden. 2011 veröffentlichte Ferdinand Leopold bei Suhrkamp unter dem Titel „Über Deutschland“  eine Auswahl von Artikeln, die Cioran vorwiegend während seines zweijährigen Aufenthaltes in Deutschland (ab September 1932)  für rumänische Zeitungen verfasste. Der Karolinger Verlag, dem wir die erste deutsche Gesamtausgabe der Cahiers verdanken („Notizen 1957-1972“, 2015), zieht nun nach mit einer von Martin Bertleff  herausgegeben Auswahl von zwanzig Aufsätzen, die sich hauptsächlich mit Rumänien beschäftigen und bisher erst in  französischer Übersetzung vorlagen („Apologie de la Barbarie. Berlin-Bucarest 1932-1941“, 2015).

Es empfiehlt sich, die Lektüre mit dem Nachwort des Herausgebers zu beginnen, der knapp den historischen und intellektuellen Kontext dieser Jahre beschreibt, und danach Ciorans Artikel „Mein Land“ zu lesen, den seine langjährige Gefährtin Simone Boué 1994 im Durcheinander seines kleinen Zimmers entdeckte. Er gehört zu den ersten Texten des französischen Cioran, vermutlich wurde er 1949 geschrieben, und er enthält einen emphatischen Nachruf auf ein abgeschlossenes Kapitel des Lebens. Cioran schilderte die Faszination, die von der Eisernen Garde für „eine Bande Hoffnungsloser im Herzen des Balkans“ ausging, die „Geschichte machen“ wollte. Er entschuldigte sich darin nicht, denn „wer sich zwischen zwanzig und dreißig nicht dem Fanatismus, der Raserei und der Narrheit verschreibt, ist ein Dummkopf. Liberal ist man nur aus Ermattung, Demokrat aus Vernunft.“ Doch er bekennt, den „Geschmack an der Begeisterung, Verzückung und Tollheit“ verloren zu haben, und „wenn ich jetzt daran denke, kommt es mir vor, als dächte ich an die Jahre eines Anderen. Es ist ein Anderer, den ich verleugne, mein ‹Ich› ist woanders, tausend Meilen von da, wo ich jetzt bin.“

E.M.Cioran: Apologie der Barbarei. Frühe Aufsätze 1932-1941. Herausgegeben von Martin Bertleff, aus dem Rumänischen von Erwin Hellmann. 134 S., Karolinger Wien und Leipzig 2016, Euro 19,90