Schiffbruch mit Großem Steuermann

 „Die revolutionären Theorien vergewaltigen die Geschichte, ohne sie zu schwängern“ (Nicolás Gómez Dávila)

 

Deutsche und Österreicher, Russen und Chinesen haben eines gemeinsam: aus ihrer Mitte sind die größten Ungeheuer des von Monstern bevölkerten 20. Jahrhunderts hervorgegangen. Die Dimensionen der Verbrechen Hitlers, Lenins, Stalins und Maos überragen bei weitem jene der Verbrechen, die von den auf ihren Spuren wandelnden Sekundär-Monstern begangen wurden: von Mussolini, Pavelić und Antonescu, von Tito, Hoxha und Gheorghiu-Dej, von Rákosi, Dimitrov und Gottwald, von Kim Il Sung, Pol Pot, Ceauşescu, Castro, Che Guevara und ihresgleichen. Stéphane Courtois schätzte die Opfer der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts auf rund 125 Millionen. 25 Millionen fielen demnach dem NS-Terror und dem Holocaust zum Opfer, 100 Millionen den verschiedenen kommunistischen Parteien und Regimen. Und die mit Abstand zahlreichsten Verbrechen gehen zu Lasten Mao Tse-tungs.

Beim Maoismus, schrieb Courtois 1997, mache „die immense Masse von Toten schaudern“: 65 Millionen seien es in China gewesen, verglichen mit den 20 Millionen in der Sowjetunion. (Courtois 1998: 16) Die ehemalige Rotgardistin Jung Chang machte Mao in ihrer 2005 erschienen Biographie „verantwortlich für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten – kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran.“ (Chang 2005: 17) Frank Dikötter von der Universität Hongkong vermutet, dass die Opferzahlen noch wesentlich höher gewesen sein könnten. Als erster westlicher Historiker konnte er die chinesische Archive aus der Zeit des sogenannten „Großen Sprungs nach vorne“ (1958-1962)  konsultieren, die von den Behörden vor den Olympischen Spielen in Peking geöffnet wurden (Dikötter 2010). Während Jung Chang für diese vier Jahre noch von „fast 38 Millionen“ Opfern von Hunger und Überarbeitung ausging, kam Dikötter in seiner im September 2010 erschienen Studie auf 45 Millionen, von denen zwei bis drei Millionen mit Stöcken zu Tode geprügelt, gehängt oder bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Er führt unter anderem den Fall eines Mannes aus Kanton an, der gezwungen wurde, seinen eigenen Sohn lebend zu begraben, weil er eine Handvoll Getreide gestohlen hatte. Die Hungerkatastrophe, sagt Dikötter, sei nicht bloß das Ergebnis eines wirtschaftspolitischen Debakels gewesen, sondern als politische Waffe eingesetzt worden. Einigermaßen stichhaltige Aussagen über die Bilanz des maoistischen Terrors in China würden sich solange nicht treffen lassen, als die Akten der Jahre nach 1949 und besonders auch jene der Kulturrevolution unter Verschluss gehalten werden. Aber dass Mao der größte Massenmörder in der Geschichte der Menschheit war, steht für den Historiker fest.

Wer Mao unterstützte, und das tat ich, machte sich mitschuldig. Von ehemaligen Maoisten kann verlangt werden, was zu Recht von ehemaligen Nationalsozialisten verlangt wird: dass sie wenigstens Auskunft geben über ihre persönliche Verstrickung in (Selbst-) Täuschung, Anmaßung und Niedertracht. Das gilt nicht nur für die ehemaligen Rotgardisten, die sich als Schüler und Studenten am Terror der Kulturrevolution beteiligten. Es gilt auch für die Maoisten im Westen, die diese Verbrechen ignoriert, geleugnet oder gerechtfertigt haben. Ihre Energie entlud sich zwar vorwiegend im Imaginären, weil sie nie an die Macht gelangten, aber als Entschuldigung taugt das nicht. Während in Deutschland in der Debatte über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit gnadenlos über kleine Zuträger der Stasi gerichtet wurde, konnten ehemalige Maoisten, die für die eigene politische Biographie größtes Verständnis aufbringen, Minister (Jürgen Trittin, Ulla Schmidt) und sogar Vizepräsidenten des Bundestages (Antje Vollmer) werden. Rot verwandelte sich in grün, aber die alten Freundschaften überdauerten die Zeitenwende. Nicolás Gómez Dávila hatte Recht mit seinem Aphorismus, dass „jede totale Revolution … in der Philosophie des Rotary Club “ endet. Ein Meister biographischer Beschönigung ist Hans-Gerhart („Joscha“) Schmierer,  den Joschka Fischer in den Planungsstab des deutschen Außenministeriums hievte. Schmierer will immer schon ein „Demokrat“ gewesen sein, aber halt einer, der aufgrund der Brutalität der Staatsgewalt „zu allzu grundsätzlicher Kritik der Staatsgewalt und der Legitimität der Bundesrepublik“ verleitet wurde (Schmierer 2001). Dieser Euphemismus stammt von einem Mann, der 1973 die größte und einflussreichste maoistische Sekte in Westeuropa gründete und sie bis 1983 als Sekretär des Zentralkomitees eisern im Griff hatte. Von ihm hätte man gerne mehr darüber erfahren, warum junge, gebildete Angehörige einer Generation, die in Frieden und Wohlstand aufwuchs, sich dazu hinreißen ließen, für einen Massenmörder und dessen Herrschaftsideologie einzutreten.

Diese Frage stellt sich natürlich allen Protagonisten und Mitläufern des „roten Jahrzehnts“, die zwar nur eine Minderheit in ihrer Altersgruppe ausmachten, aber schlagkräftig und bedenkenlos genug waren, um einer ganzen Generation den Stempel des linken Radikalismus zu verpassen. Die Anlässe der „berechtigten Rebellion“ der siebziger Jahren nehmen sich im Rückblick lächerlich geringfügig aus. Es ging nur vordergründig um Straßenbahntarife und Studienpläne, um Kollektivverträge und Arbeitsverfassungsgesetze. Jede politische Intervention wurde vor allem daran gemessen, ob sie  „revolutionäres Bewusstsein“ schaffte. Und alle – Maoisten wie Trotzkisten, Spontis wie Anarchisten – wären jederzeit bereit gewesen, Frieden und Wohlstand in einer Revolution hinwegzufegen, wenn es die Umstände erlaubt hätten. So sehr sich die strategischen Rezepte der einzelnen Politsekten voneinander unterschieden, alle waren sich darin einig, dass der Kapitalismus die Ursache allen Übels sei und dass er nur durch einen gewaltsamen Umsturz der bürgerlichen Eigentumsordnung überwunden werden könne.

Auf die 68er des 20. Jahrhunderts traf zu, was Alexis de Tocqueville über die 48er des 19. Jahrhunderts schrieb: sie „wärmten ihre Hände in der Asche der Leidenschaften ihrer Großväter.“ Sie wandten der Gegenwart den Rücken zu und imitierten in ihren Linien- und Fraktionskämpfen, Schauprozessen und Parteispaltungen die totalitären Praktiken, die die kommunistische Bewegung von Anfang an kennzeichneten. Mit dem Unterschied, dass sich die europäischen Tragödien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der zweiten Jahrhunderthälfe in Westeuropa als Farce wiederholten.

Unter den konkurrierenden Zukunfts-, besser: Vergangenheitsentwürfen, die in den siebziger Jahren angeboten wurden, erwies sich der marxistisch-leninistisch-maoistische in Deutschland und in Österreich als der attraktivste. Das lag einerseits daran, dass die Maoisten ihre aus der Studentenbewegung hervorgegangenen Sekten straffer durchorganisierten und strenger disziplinierten als die anderen Gruppierungen. In der Kunst der Reduktion von Komplexität waren die Maoisten kaum zu schlagen. Der Weg, den sie zurücklegten, zeigt sich vielleicht am besten daran, dass er mit Arbeitskreisen über „Das Kapital“ begann und mit Schulungen endete, in deren Mittelpunkt Stalins „Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPDSU(B)“ stand. Wir glaubten so sehr an Marx, das wir uns bald die Lektüre seiner Werke ersparten und zu härteren ideologischen Drogen übergingen. Maos Schriften wurden in den Kanon aufgenommen, wenig später wurde der erst noch ironisch imitierte Jargon der chinesischen Kommunisten allen Ernstes übernommen. Bei jeder Gelegenheit wurden aus Maos Werken Offenbarungen wie „Eins teilt sich in Zwei“,  oder „Naht der Sturm, pfeift der Wind durch die Burg“ zitiert, ob es nun um einen Konflikt in einer Wohngemeinschaft ging oder um den „Volkskrieg“ in Zimbabwe. Sogar die „Peking Rundschau“, die man bis etwa 1972/73 noch belächelt hatte, wurde schließlich wie eine heilige Schrift gelesen.

Kritik an den chinesischen Texten konnte gar nicht mehr aufkommen. Wer (noch) Zweifel hatte, behielt sie für sich. Wer sie äußerte, wurde als „bürgerliches Element“ denunziert. Verstöße gegen die Regeln der Sekte wurden mit sozialer Ausgrenzung sanktioniert. Das Verhältnis zu den Schriften Lenins, Stalins und Maos war ein durchwegs religiöses. Da sich in ihnen die Wahrheit der Geschichte offenbarte, konnte jede Kritik an ihnen nichts anderes sein als ein Ausdruck mangelnden Klassenbewusstseins und einer bürgerlichen Gesinnung. Wer Kafka oder Flaubert las, tat dies heimlich oder unter dem Vorwand, Kritik an der bürgerlichen Literatur zu üben. Grundsätzlich war alles verpönt, was schön war. Als die chinesische Kulturrevolution die Losung „Kritisiert Beethoven“ ausgab, erschienen in den verschiedenen maoistischen Postillen Artikel, die dazu aufforderten, die Musikgeschichte umzuschreiben.

Anders als die Trotzkisten, die „Luftmenschen dieser ganzen neorevolutionären Bewegung“, die „in einer vierten Dimension der Geschichte“ lebten (Koenen 2001: 279), und anders als die Spontis und die Anarchisten konnten sich die Maoisten auf einen real existierenden Sozialismus berufen, der als Projektionsfläche der eigenen Ambitionen dem sowjetischen um einiges überlegen war: er war weit genug weg,  man wusste über die wirklichen Zustände in China daher wenig bis nichts, und was man dennoch erfuhr, ließ sich leichter als feindliche Propaganda abtun; er war ungleich exotischer als der graue Funktionärssozialismus der Breschnjew-Ära, wie man ihn aus Budapest, Prag und Bratislava kannte; er war er ungleich revolutionärer, weil er die permanente Revolution bis zum Ende der Geschichte propagierte, dem Eintritt der Menschheit in die klassenlose Gesellschaft; und schließlich schlug er die Brücke hin zur Dritten Welt, in der sich der Endkampf zwischen den revolutionären Völkern auf der einen, dem amerikanischen Imperialismus und dem sowjetischen Sozialimperialismus auf der anderen Seite abzuzeichnen schien.  Die Maoisten waren zutiefst überzeugt davon, im Strom der Geschichte zu schwimmen. „Die Welt schreitet vorwärts, die Zukunft ist glänzend, und niemand kann diese allgemeine Tendenz der Geschichte ändern“, lehrte der Große Vorsitzende. Es kam nur darauf an, den Marxismus-Leninismus und die Mao-Tsetung-Ideen richtig zu verstehen und auf die gesellschaftliche Praxis anzuwenden.

Wer in diese intellektuelle und moralische Falle ging, war selber daran schuld. Den ersten Maoisten sah ich auf den Stufen des Apollo-Kinos in einer österreichischen Kleinstadt. Er hatte schwarze Schnürstiefel, Hemd und Hosen im schlichten Grün des österreichischen Bundesheeres, und trug ein schwarzes Barett. Man hätte ihnen für einen Neonazi halten können, wäre da nicht der große, rotgoldene Mao-Button gewesen. Im Kino lief Lindsay Andersons „If…“, es muss also 1968 oder 1969 gewesen sein. „If…“ hatte Kultstatus. Der Film zeigte die wilde Schülerrebellion in einer britischen Public School, die mit einem blutigen Massaker auf dem Schulgelände endete. Zweifellos kamen Schüler, die an einem sonnigen Nachmittag die Vorstellung besuchten, als Objekte revolutionärer Agitation in Frage. Der junge Mann verteilte die „Rote Fahne“, das Zentralorgan einer Marxistisch-Leninistischen Partei, die aus ihrem Vorsitzenden und höchstens einem Dutzend Mitgliedern bestand, aber das Wohlwollen der Chinesen genoss, weil sie zu den ersten maoistischen Formationen gehörte, die nach dem kommunistischen Schisma in den frühen sechziger Jahren aus prosowjetischen kommunistischen Parteien hervorgegangen waren. Die Sekte war für linke Schüler, die am Gymnasium eine Schülerzeitung herausgaben, alles andere als attraktiv. Ihr „Zentralorgan“ bestand hauptsächlich aus langen Grußadressen verschiedener ML-Parteien, pathetischen Aufrufen zum Kampf gegen den Imperialismus und Fotos, auf denen junge Chinesen drohend die Fäuste schüttelten. Den jungen Mann, der dieses Zeug verteilte, hielt ich für einen Idioten. Wenige Jahre später war ich für ein maoistisches Blatt verantwortlich, das ähnlichen Unsinn verbreitete.

Wir waren hilf- und verständnislose Zeugen einer friedlichen Revolutionierung der Lebenswelt, wie sie noch keine Generation des 20. Jahrhunderts erlebt hatte. Nichts davon war der radikalen Linken geschuldet, welcher Richtung auch immer; sie hat keine einzige politische Idee hervorgebracht, die die Zeiten überdauert hätte oder auch nur der Erinnerung wert wäre. In den sechziger und siebziger wurde Westeuropa technisch, kulturell und sozial so gründlich umgewälzt wie nie zuvor in den zwei Jahrhunderten seit dem Beginn der industriellen Revolution. Die Ursachen dieses jähen Wandels lagen in der gewaltigen Dynamik des Kapitalismus, den wir in den letzten Zügen wähnten. Noch hatte das Informationszeitalter nicht begonnen, es gab keine Computer, kein Internet, keine Mobiltelefone. Aber fast jede Familie hatte bereits ein Auto und ein Fernsehgerät, man trug Jeans und fuhr auf Urlaub, die Pille war da, die Babyboomer drängten in die Schulen und Universitäten. Die Arbeiterklasse löste sich auf, während wir sie zum revolutionären Subjekt erklärten. Die herkömmlichen kleinstädtischen und ländlichen Milieus verschwanden, mit ihnen alte Gewissheiten. Die Familien, die Schulen und Verbände waren nicht mehr in der Lage, Werte anzubieten, die Anspruch auf Dauer erheben konnten, und fürchteten Kontrollverlust. Konflikte entbrannten an lächerlichen Äußerlichkeiten. In unserer kleinen Stadt riskierten junge Leute, die lange Haare trugen, auf der Straße verhöhnt oder bespuckt zu werden.

So gefährlich wie während der chinesischen Kulturrevolution war das in der österreichischen Kleinstadt allerdings mitnichten: „Wer lange Haare, Röcke oder Schuhe trug, die auch nur im Entferntesten einen hohen Absatz andeuteten, wurde auf der Straße angegriffen und von Scheren schwingenden Teenagern geschoren. Von da an gab es nur noch flache Schuhe und uniformähnliche, schlecht sitzende Jacken und Hosen in unauffälligen Farben“ (Chang 2005:673).

Das Jahr 1968 hatte viele Facetten. In China prügelte der Mob der Roten Garden Lehrer, Schriftsteller und andere „bürgerliche Machthaber“ mit Holzstöcken zu Tode; in Prag stellten sich Arbeiter, Schüler und Studenten den sowjetischen Panzern in den Weg; in Paris und in Berlin demonstrierten Studenten unter roten Fahnen für die echte, die wahre, die permanente Revolution. In Deutschland änderte sich das Klima der öffentlichen Meinung. Axel Springers Zeitungen verloren die Meinungsschlacht, „Zeit“ und „Spiegel“ rückten nach links, der Rowohlt Verlag veröffentlichte in der Reihe rororo aktuell Bücher von Dutschke und Cohn-Bendit, die nun in jeder kleinstädtischen Buchhandlung zu haben waren. Wir stellten sie neben Sartre und Camus auf unsere Regale. Auf Cohn-Bendit folgte Lenin, ausgewählte Werke in einem Band. Das Gefühl, einer weltweiten Avantgarde anzugehören, machte sich breit. Größer hätte dieses Missverständnis gar nicht sein können, denn in Wirklichkeit verliehen wir einer rückwärtsgewandten, anti-modernen Reaktion auf den rapiden gesellschaftlichen Wandel Gestalt. Zu Recht hat Götz Aly die Rebellion der roten Studenten mit jener der braunen Studenten gegen das „System“ in den 30er Jahren verglichen (Aly 2008). Der Vergleich tut manchen heute noch weh. Das Erscheinen seines Buches löste einen Sturm der Empörung im linken Blätterwald aus.

Mein Weg in den Maoismus begann 1970 an der Wiener Universität. Dass die Revolution eine Partei benötigte, hatte ich schon bei Lenin gelesen, dass die KPÖ dafür nicht in Frage kam, war offensichtlich. Eine echte, eine revolutionäre, eine leninistische Partei musste es sein. Die arroganten linken Studenten, die in ihren Arbeitskreisen Adorno und Habermas lasen, interessierten mich nicht mehr. Aus dem Zerfall der wenige Dutzend Mitglieder umfassenden Studentenorganisation der KPÖ gingen in Wien Maoisten und Trotzkisten hervor und reproduzierten den Stadt-Land-Gegensatz, den die Revolution zu überwinden versprach: die Trotzkisten kamen vorwiegend aus dem großbürgerlichen Wiener Milieu, die Maoisten waren kleinbürgerlicher und provinzieller Herkunft. Die Trotzkisten nannten sich „revolutionäre Marxisten“, wir nannten uns „Marxisten-Leninisten“, sie gingen um zehn ins Kaffeehaus, wir verteilten um sechs Flugblätter vor den Fabriken. Die Kinder der KPÖ-Bourgeoisie waren in beiden Gruppierungen etwa gleich stark vertreten.

Das Gefühl, den Wind der Geschichte im Rücken zu haben, war gewaltig. Den dialektischen Verrenkungen, die uns die Realpolitik der Volksrepublik China abverlangte, unterzogen wir uns gerne in dem Bewusstsein, gemeinsam mit einer Milliarde Chinesen für den Sozialismus zu kämpfen. Je besser man die Dialektik beherrschte, desto größer war das Ansehen, desto höher die Stellung in der Hackordnung, desto größer die Chance im sexuellen Wettbewerb. Die Sekte unterwarf das Individuum dem kollektiven Willen , aber sie schützte es auch vor den Zumutungen der Außenwelt, sie schmeichelte seinem Ego und befriedigte seine narzisstischen Bedürfnisse.

Davon, wie es in China wirklich zuging, wussten wir wenig, und wir wollten es eigentlich auch gar nicht wissen. Die selektive Wahrnehmung begleitete maoistische Delegationen bei Besuchen in der Volksrepublik China, deren Zweck darin bestand, die eigenen Erwartungen bestätigt zu bekommen. Im Juni 1974 nahm ich als Mitglied einer kleinen österreichischen Delegation an einer solchen Reise teil, die vom chinesischen Büro für Freundschaft mit dem Ausland organisiert wurde. Das Büro unterstand Geng Biao, der im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas für die Beziehungen mit den „Bruderparteien“ zuständig war. Drei Wochen lang besuchten wir Vorzeigeeinrichtungen wie die Textilfabrik Nr. 17 in Schanghai, den Roten-Fahne-Kanal, die Tjinghua-Universität, Schulen und Volkskommunen. Dabei wurden wir von einem schweigsamen pensionierten Richter begleitet, einer Dolmetscherin, die in der DDR studiert hatte, und einem gesprächigen jungen Arbeiter, der das „proletarische Element“ zu verkörpern hatte. Es war die Endphase der Kulturrevolution, drei Jahre nach dem Sturz von Maos Stellvertreter Lin Biao, der auf der Flucht in die Sowjetunion bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war und der nun in einer landesweiten Bewegung beschuldigt wurde, gestützt auf konfuzianische Rezepte die Rückkehr der „Diktatur der Bourgeoisie und der Grundbesitzerklasse“ angestrebt zu haben. Mao war noch überall präsent, aber die Zügel der Macht waren ihm bereits entglitten. Deng Xiao-ping und andere in der Kulturrevolution gestürzte „bürgerliche Machthaber“ hatten wieder Führungspositionen inne. Der an einer fortschreitenden Muskellähmung leidende und  fast blinde „Große Steuermann“ stieß auf immer stärkeren Widerstand, besonders in der Armee, auf die er kaum mehr Einfluss ausübte.

Die Machtverhältnisse hatten sich geändert, aber solange Mao lebte, gab immer noch die kulturrevolutionäre „Viererbande“ um seine Frau Jiang Qing den Ton an. Die Vorträge, die wir in China hörten, folgten einem Fünf-Phasen-Schema: Elend unter der Herrschaft der Kapitalisten und Grundbesitzer – Befreiung durch die Revolution –  neuerliche Versklavung durch die Machtergreifung der Revisionisten in der Partei – Sturz des bürgerlichen Hauptquartiers in der Kulturrevolution – riesige Fortschritte beim Aufbau des Sozialismus. Wir waren begeistert. Genau das wollten wir hören. Uns faszinierte gerade die Kulturrevolution, der Triumph des Totalitarismus, die völlige Entgrenzung der revolutionären Gewalt, die Befreiung von allen moralischen, rechtlichen und institutionellen Beschränkungen im Namen der Geschichte. Nach drei Wochen kehrten wir begeistert nach Wien zurück. Von China hatten wir viel gesehen und nichts verstanden.

Um endlich ganz aufzugehen im historischen Strom, waren die Maoisten bereit, sich nahezu jeder ideologischen Gängelung und organisatorischen Schikane zu unterwerfen. Die Bolschewisierung ihrer Sekten wurde begleitet von der Bolschewisierung der Köpfe und der Herzen. Auch in der Kunst, sich den Spaß an der eigenen Jugend zu verderben, waren die Maoisten kaum zu schlagen. Erst nach Maos Tod (9. September 1976) und dem „Sturz der Viererbande“ endete allmählich auch der maoistische Spuk in Westeuropa.

Damals machte ich die einzige wertvolle politische Erfahrung meiner frühen Jahre. Als in China die „Viererbande“ liquidiert wurde, spielte die Sekte mit und inszenierte die „Zerschlagung der Liquidatorenfraktion in der Wiener Ortsgruppe“, zu der unter anderen auch ich zählte. Der Vorwurf lautete auf „Fraktionsmacherei“. Dem Konflikt war ein „Kampf um die richtige Linie“ vorausgegangen, der von beiden Seiten mit gleich absurden Argumenten bestritten wurde. Das Zentralkomitee ahndete unsere Kritik mit einem regelrechten Schauprozess, der mit Ausnahme der Haft, der Folter und der physischen Vernichtung so ziemlich alle Register zog, mit denen solche Inszenierungen zu Stalins Zeiten aufwarteten. Der Höhepunkt war eine Versammlung in einem Gewerkschaftssaal vor etwa vierhundert erregten Maoisten, bei der ein Redner nach dem anderen die „bürgerliche Linie“ der Angeklagten anprangerte. Der Chefideologe der deutschen Maoisten wurde eingeflogen, um dem intellektuell überforderten Zentralkomitee zur Seite zu stehen.

Das Spektakel endete mit dem Ausschluss der „Fraktionierer“ aus der Sekte und der dringenden Empfehlung des Zentralkomitees, die Genossen sollten nun Stalins „Fragen des Leninismus“ lesen, um ihre ideologische Widerstandskraft zu stärken. Wenn ich nach dem Ausschluss den Mitgliedern der Sekte begegnete, wandten sie sich ab oder taten so, als ob sie mich nicht sehen würden. Einmal verließen einige sogar das Lokal, weil sie mich an einem Tisch entdeckten. Erfahrungen dieser Art lösen auch in sturen Schädeln Denkprozesse aus. Mit dem Schauprozess begann der Zerfall der Sekte. Von einer Handvoll ideologischer Einpeitscher abgesehen erlebten die meisten ihre schließliche Auflösung als Befreiung von einem Alptraum.

Der Massenmörder Mao wurde übrigens nicht nur von uns verehrt. „Maoisten“ im weiteren Sinn des Wortes waren auch André Malraux und Richard Nixon, Henry Kissinger und Franz Josef Strauß. Auch in bürgerlichen Kreisen war die Ansicht weit verbreitet, dass Mao gut für die Chinesen sei, aber halt nur für sie. Der Propagandalüge, dass es ihm gelungen sei, das Land vom Hunger zu befreien und ein ordentliches Gesundheitswesen aufzubauen, wurde nicht widersprochen. Die antikommunistischen Publikationen der fünfziger und der frühen sechziger Jahre wichen den philomaoistischen Büchern von Edgar P. Snow und Jan Myrdal, von Han Suyin und Joachim Schickel, von Charles Bettelheim und Claudia Broyelle. Maos Lehre vom Widerspruch fand sogar Eingang ins philosophische Seminar.

All das kann nicht als Milderungsgrund herhalten. Wer wirklich wissen wollte, was in China vorging, hätte sich darüber auch schon in den siebziger Jahren informieren können. Auch die Maoisten ahnten und wussten mehr, als sie sich eingestehen wollten. Schon mit vierzehn hatte ich den Bericht des belgischen Missionars Dries van Coillie über seine dreijährige Haft in Peking gelesen. Dries van Coillie beschrieb darin sehr ausführlich die physische und psychische Gewalt, denen die Gefangenen ausgesetzt waren. Den revolutionären Alltag schilderte er so: „Der eine bespitzelt den anderen, man übt Verrat, man beschuldigt und erstattet Anzeigen. Keine Freundschaft mehr, es sei denn auf politischer Basis. Keine Intimität, es sei den auf `marxistischer Grundlage`. Keine Familienabende mehr, es sei denn, die kommunistische Partei habe sie eingespielt. Kein Besitz oder Geld, es sei denn um den Preis absoluter Folgsamkeit. Bürgerrecht nur noch im Pferch der ideologischen Sklaverei, Sicherheit nur noch gegen blindes  Ducken unter die diktatorischen Befehle der Volksregierung. Auch keine Lebenssicherheit mehr, es sei denn, du zerstörst dich selbst durch gefügiges Nachsagen, Denken und Tun, ganz wie die Partei es sagt, will, denkt und tut. Moralische Selbstmörder!“  (Coillie 1965: 281).

Unsere intellektuelle und moralische Selbstaufgabe vollzog sich nicht unter dem Druck äußerer Gewalt wie in China, sondern freiwillig in der Puppenstube des westeuropäischen Maoismus. Vierzig Jahre später nimmt sich dieses Versagen um nichts geringer aus.

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Aly 2008 = Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2008

Chang 2005 = Jung Chang, Jon Halliday: Mao. Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes. Pantheon Verlag, München 2005. S. 17

Coillie 1965 = Dries van Coillie: Der begeisterte Selbstmord. Im Gefängnis unter Mao Tse-tung. Herder Verlag, Freiburg 1965

Courtois 1998 = Stéphane Courtois, Nicolas Werth (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Piper, München-Zürich 1998. S. 16

Dikötter 2010 = Frank Dikötter: Mao’s Great Famine: The History of China’s Most Devastating Catastrophe. Bloomsbury, London 2010.

Koenen 2001 = Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2004. S. 279

Schmierer 2001 = Joscha Schmierer: Demokratie ist kein Deckchensticken. In: Tagesspiegel, 15. 1. 2001

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