Adolf Hitlers „schönster Tag“

So hatte Gerda Schroeder ihren Chef noch nicht erlebt. In höchster freudiger Erregung stürmte Hitler mitten in der Nacht aus seinem Arbeitszimmer und eröffnete seinen Sekretärinnen: „Dies ist der schönste Tag in meinem Leben. … Was seit Jahrhunderten immer vergeblich angestrebt wurde, ist mir geglückt. Die Vereinigung der Tschechei mit dem Reich ist mir gelungen …Ich werde als der größte Deutsche in die Geschichte eingehen“ . Am 15. März 1939, kurz vor vier Uhr früh, hatte der tschechoslowakische Staatspräsident Emil Hácha die Kapitulation seines Landes unterzeichnet.

Drei Jahre später notierte der junge Oberregierungsrat Henry Picker ein Tischgespräch in der Wolfsschanze, in dem Hitler erzählte, Hácha habe damals „wie ein alter österreichischer Beamter“ und „aus innerster Überzeugung den Weg zu ihm, dem Chef, getan. Sonst wäre unser Einmarsch auch nicht nur vom Weinen, sondern auch von Reaktionen der Tschechen begleitet gewesen und der Übergabebefehl nicht binnen dreiviertel Stunden bis zur kleinsten tschechischen Dienststelle durchgegeben worden. Lediglich die Jugend könne dort als im Sinne des Pan-Slawismus fanatisiert angesehen werden und habe damals anders gedacht.“

Mit der Kapitulation Háchas im März 1939 erreichte Hitler, was er seit dem Anschluss Österreichs im März 1938 systematisch angestrebt hatte. Den Angriff auf die Tschechoslowakei hätte er am liebsten noch im Verlauf desselben Jahres durchführen lassen, aber diese Absicht scheiterte gerade an seinem bis dahin größten außenpolitischen Erfolg, dem Münchner Abkommen vom 30. September, durch das die deutsch besiedelten Ränder Böhmens und Mährens ins Deutsch Reiche eingegliedert wurden. Hitler hatte den Tschechen zuvor ein Ultimatum gestellt und fühlte sich von ihnen hintergangen, weil sie es annahmen, er misstraute (mit Recht) der Loyalität seiner Generäle, und selbst die Zustimmung der Deutschen missfiel ihm, weil sie der Vermeidung eines Krieges galt, während es ihm darauf ankam, dass „die innere Stimme des Volkes selbst langsam nach der Gewalt zu schreien“ begänne.  Die Zerstückelung der Tschechoslowakei durch die Abtretung von Gebieten an Deutschland, Polen und Ungarn war ihm nicht genug. Die Zerrüttung der staatsrechtlichen Beziehungen zwischen Tschechen und Slowaken im Rumpfstaat, verschärft durch die deutsche Unterstützung separatistischer Bestrebungen in der Slowakei, bot ihm schließlich den Vorwand, die Zerstörung des Staates im März 1939 zu vollenden. Das Münchner Abkommen, vorgeblich im Interesse des „Selbstbestimmungsrechts“, war von da an nur noch Makulatur.

Ohne die Jugendjahre in Wien, ohne die frühe Prägung durch die Volkstumskämpfe der Habsburger Monarchie lässt sich das Auf und Ab von Hitlers Gemütszuständen während der Befassung mit der Sudetenkrise und der schließlichen „Erledigung der Rest-Tschechei“ wohl nicht erklären. So stark wie nie schlug da das „Österreichische“ in ihm durch, im deutschen Norden und Westen selbst für seine Parteigenossen kaum verständlich. In den Tischgesprächen schöpfte Hitler tief aus dem Bodensatz der anti-slawischen und rassistischen Ressentiments, die ihn überleben sollten: „äußerst gefährlich“ sei „der Tscheche .. in seiner Unterwürfigkeit, solange er waffenlos sei, und in seiner Großmannssucht, sobald man ihm wieder Waffen in die Hand gebe“ ; man brauche ihm „nur den Schnurrbart einmal nicht zu scheren, um am Herunterwachsen zu erkennen, dass es sich bei ihm um einen Abkömmling mongolider Stämme handle“ ; aber dass er „ein ausschließlich in Realitäten denkender Mensch sei, habe uns die schnelle Neuregelung der Verhältnisse in der früheren Tschechei“ ermöglicht; dabei wüssten die Tschechen, „wie man am besten den Untertanen spielt, ohne Misstrauen zu erregen“ .

Sie hätten sich, sagte Hitler, stets „an die deutsche Kultur des Habsburger Staates angelehnt“, wenn man „daher heute alles Gefährliche in der Tschechei rücksichtslos beseitige und die Tschechen sonst gut behandle, so sei das die richtige und für das Großdeutsche Reich selbstverständliche Taktik“ , um zu erreichen, dass dieses Volk „aus Schuldbewusstsein und mit Rücksicht auf die große deutsche Umsiedlungsarbeit die eigene Aussiedlung fürchte“. Nur diese Furcht mache es „verständlich, dass die Tschechen heute zu unserer größten Zufriedenheit in der Rüstungsindustrie und so weiter schafften und sich bei ihnen immer mehr der Ruf einbürgere: Alles für unseren Führer Adolf Hitler“ .

Nach dem Tod Reinhard Heydrichs, des Stellvertretenden Reichsprotektors für Böhmen und Mähren,  auf den am 27. Mai 1942 in Prag ein Anschlag verübt worden war, drohte Hitler Hácha und der Protektoratsregierung, „dass wir …. gegebenenfalls die Aussiedlung der Tschechen ins Auge fassen würden, die für uns, die wir bereits mehrere Millionen Deutsche umgesiedelt hätten, kein Problem sei. Hácha sei bei dieser Eröffnung förmlich in sich zusammengesackt, ebenso seine Mitarbeiter.“  In London berief sich Exil-Präsident Edvard Beneš bereits auf das nationalsozialistische Vorbild: „Durch die Annahme des Grundsatzes des Bevölkerungstransfers hat das heutige Deutschland im Ganzen den richtigen Weg zur Lösung solcher Fragen gewiesen.“

Bis hin zur Auslöschung der Deutschen in Böhmen und Mähren durch Terror, Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen, Flucht und Vertreibung, variierte die deutsch-tschechische Tragödie des 20. Jahrhunderts das Thema der „nationalen Selbstbestimmung“. Keine der beiden Seiten war in der Lage, auch der anderen ihr Recht auf Selbstbestimmung zuzugestehen. Dies hätte nämlich erfordert, dass die Tschechoslowakei nicht als exklusiver Besitz einer Nation, sondern als Föderation aller ihrer Nationalitäten konzipiert worden wäre. Die tschechischen Unterhändler versprachen zwar bei den Pariser Friedensverhandlungen, ihren Staat zu „verschweizern“, aber aus der Kantonisierung wurde nichts. Von tschechischer Seite wurde (und wird) dies damit begründet, dass die deutsche Minderheit diesen Staat abgelehnt habe, während Loyalität eine Grundvoraussetzung jeder Föderalisierung sei, denn sonst hätte sich ein „Staat im Staate“ gebildet, der die Integrität des Gesamtstaates gefährdet hätte. Stattdessen dekretierte man eine „tschechoslowakische Nation“, um die Minderheiten im demokratischen Verfahren majorisieren zu können. Kollektivrechte, die die fiktive Staatsnation selbstverständlich für sich in Anspruch nahm, wurden den Minderheiten verweigert.

Auf deutscher Seite war die Berufung auf Wilson und das Selbstbestimmungsrecht mehr Ausdruck der Hilf- und Orientierungslosigkeit als ein politisches Konzept. Denn wie hätte man dieses Recht umsetzen sollen? Der Sozialdemokrat Josef Seliger wies schon im November 1918 darauf hin, dass ein einheitliches, selbständiges Deutschböhmen nicht lebensfähig gewesen wäre, „da es doch ganz unmöglich ist, acht voneinander durch die breite Kluft des tschechischen Siedlungsgebietes geschiedene und so weit auseinandergerissene Landfetzen … zu einem einheitlichen Staats- oder Verwaltungsgebiet zu vereinigen.“ Dem Anschluss dieser „Landfetzen“ an Deutschland wiederum stand entgegen, dass die Alliierten in eine Ausweitung deutschen Territoriums nach dem verlorenen Krieg nie eingewilligt hätten, die sudetendeutschen Heimkehrer zu zermürbt waren, um weiter kämpfen zu können, und sich das republikanische Deutschland hütete, in die böhmisch-mährischen Konflikte verwickelt zu werden. Die Forderung nach Selbstbestimmung durch Trennung von den Tschechen, die vor allem von Lehrern und Beamten, von der städtischen Intelligenz und der Arbeiterschaft erhoben wurde, war illusorisch. Wirklichkeitssinn bewiesen Industrie, Gewerbe und Bauernschaft, die einen Ausgleich mit den Tschechen für unausweichlich hielten. Dass die Deutschen die Tschechoslowakei geschlossen abgelehnt hätten, ist eine Geschichtslegende.

Den Deutschen, die sich mit dem neuen Staat nicht abfinden wollten, wurde am 4. März 1919 eine brutale Lektion über die realen Machtverhältnisse erteilt. Damals demonstrierten vorwiegend sozialdemokratische Arbeiter für den Verbleib in Deutschösterreich;  in mehreren Städten eröffnete die tschechische Armee das Feuer auf die Menge, mehr als fünfzig Menschen, unter ihnen Frauen und Kinder, wurden erschossen. Der März 1919 war der blutige Auftakt einer historischen Katastrophe, die sich über das Müncher Abkommen von 1938, den deutschen Einmarsch von 1939,  den Terror im Protektorat und die Vertreibung der Deutschen bis zur Errichtung einer kommunistischen Diktatur im Februar 1948 in Etappen vollzog.

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