Macron, das Chaos und die Klassenkämpfe in Frankreich

Kriminelle ziehen sich gelbe Westen über, um zu plündern und Autos in Brand zu stecken. Das schadet den Gelbwesten – aber es entwertet nicht deren Anliegen.

„La République En Marche“ nannte Macron seinen Wahlverein, mit dessen Hilfe er Frankreich in „La Macronie“ verwandelte. Jetzt marschiert die Republik wirklich, aber in eine andere Richtung, als es der ehemalige Investmentbanker und sozialistische Wirtschaftsminister gern hätte. Vor einem Jahr feierten ihn die Europhilen aller Couleur, natürlich auch in Österreich, als Lichtgestalt und Retter vor den Rechtspopulisten, als die europäische Antwort auf Trump und Brexit, als Anker der Stabilität. Jetzt ist der Jubelchor verstummt. Anders als in Ungarn, Polen oder Italien herrscht in Frankreich das Chaos.

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Mei Er Ci oder An Nei Ge Lei Te Ke Lan Pu Ka Lun Bao Er?

Nach 18 Jahren Angela Merkel kommt einem die CDU chinesisch vor. Für christlich steht das „C“ gewiss nicht mehr. Und steht das „D“ wirklich für demokratisch?

Helmut Kohl ist als der Kanzler der Einheit in die Geschichte eingegangen. Angela Merkel wird als die Kanzlerin der Spaltungen in Erinnerung bleiben: jener des bürgerlichen Lagers in Deutschland,  des Aufstiegs der AfD und in der Folge weiterer rechtsaußen Parteien in Europa; dann der Spaltung der EU in Nord, Süd, Ost und West wegen der Euro-Rettung und des Migrationsdebakels. Spätere Generationen, die mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil von 30 und mehr Prozent auskommen müssen, werden vor allem eines mit ihrem Namen verbinden: die unkontrollierte Massenzuwanderung aus dem Nahen Osten und Afrika.

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An den östlichen und südöstlichen Rändern franst Europa aus

Der Einfluss der EU auf die Länder östlich ihrer Grenzen nimmt immer mehr ab. Deren Machthaber orientieren sich zunehmend an Russland, China und der Türkei.

Man stelle sich das Geheul vor, wenn am 1. Jänner Ungarn oder Polen die Präsidentschaft übernehmen würden. Aber Rumänien ist kein Thema, denn dort sind keine „Rechtspopulisten“ an der Macht, sondern nur kriminelle Sozialisten.

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Drei Frauen

Rijeka, Birkenau, Santa Domenica. Meglio non sapere. Es ist besser, nicht zu wissen.

„Bauxit“, sagt Licia, „Bauxit“. Ein kalter Wind peitscht den Regen in Kaskaden über die Hochebene, die die Slowenen Čičarija, die Kroaten Ćićarija, die Italiener Cicceria, die Deutschen Tschitschenboden nennen. Es ist eine karge Landschaft aus Kalkfelsen, Dornbüschen und Eichenwäldern auf einem 60 Kilometer langen Gebirgszug zwischen Triest und Rijeka, der die istrische Halbinsel wie eine Mauer vom Hinterland trennt. Weit unten liegen die fruchtbaren, vom milden Klima der Adria verwöhnten Weinberge und Olivenhaine. Auch Marmor und Braunkohle gibt es in Istrien. „Und Bauxit “, wiederholt die  alte Dame. Ihre beiden etwa gleichaltrigen Sitznachbarinnen nicken. Drei Zeitzeugen auf der Reise in die Vergangenheit.

Der  Nebel reißt auf und gibt den Blick frei auf das tief unten liegende Rijeka (Fiume) und die Inseln der Kvarner-Bucht. Licia schweigt. Tatiana fasst ihre Schwester Andra fest an der Hand. Ihr Herz habe auf einmal ganz heftig geklopft, wird sie später erzählen. Seit die Schwestern im März 1944 deportiert wurden, haben sie die Stadt nur einmal wiedergesehen – 1947, als sie  mit ihren Eltern von Triest anreisten, um ein paar Habseligkeiten einzupacken. Gerade erst hatten die Siegermächte in Paris die Grenzen neu gezogen. Was bis zum Ende Ersten Weltkrieg zu Österreich-Ungarn gehört hatte und dann an Italien fiel, hieß nun Jugoslawien. Die meisten Italiener gingen.

Andra und Tatiana

Die Schwestern hatten sich gefreut auf ihren ersten Besuch nach so vielen Jahren, gefreut und gefürchtet.  „Ich wollte alles mit den Augen meiner Mutter zu sehen“, sagt Tatiana, „ich wollte mich daran erinnern, was sie uns erzählt hatte.“  Sogar die verwahrlosten, halb verfallenen Häuser fanden die beiden Schwestern schön. Die kleine Straße hatten sie riesig groß in Erinnerung. Via Milano 15, ein Haus in der Altstadt, auf halber Anhöhe oberhalb  des Hafens, steht noch, aber die Straße heißt jetzt anders. Ihr Besuch war den Bewohnern angekündigt worden. Eintreten durften sie nicht.  „Eine Frau öffnete ein Fenster. Wir erzählten ihr kurz unsere Geschichte. Sie sagte nur, es sei Zeit, das alles zu vergessen, man dürfe nicht mehr darüber sprechen.“

Andra bemerkte einen alten Gartenzaun, eine kleine Öffnung in einer Mauer und eine Tür. Genauso hatte sie diese Stelle als Vierjährige in ihrem Gedächtnis gespeichert. „Ich habe mich doch richtig erinnert“, sagte Adra später, „es ist wirklich alles wahr. Auf einmal mussten wir beide weinen. Wir sind keine Zwillinge, aber die Bindung zwischen uns ist so stark, als wären wir es.“

März 1944. Tatiana war sechs und Andra war vier, als die Lastwagen vor dem Haus hielten und sie und ihre Mutter abholten. Von den mehr als zweitausend Juden in Fiume –italienische, spanische, ungarische, deutsche, kroatische und serbische – hatten die meisten die Stadt noch vor der Ankunft der Deutschen verlassen können. Die verbliebenen 250 bis 260 Juden wurden deportiert.  26 überlebten – unter ihnen Tatiana, Andra und ihre Mutter Mira. Die Schwestern landeten im Kinderblock von Auschwitz-Birkenau. Zwei Betriebsstörungen in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie haben sie gerettet: ein Versehen Josef Mengeles und die menschliche Regung einer Wärterin.

„Meine Nummer ist 76483 und die der Tati ist 76484“, erzählt Andra. „Wir sind am Leben geblieben, weil man uns für Zwillinge hielt. Bei der Selektion ist Dr. Mengele dieses Versehen unterlaufen. Er wollte uns für seine Experimente. Dann aber sind sie an uns doch nicht durchgeführt worden. Wir haben wirklich Glück gehabt. Eine ,blockova’ hatte uns lieb gewonnen, sie gab uns Besseres anzuziehen und Besseres zu essen. Unsere Mutter konnte uns nach der Arbeit besuchen kommen. Wie oft das war, kann ich nicht sagen, unsere Erinnerung besteht nur aus einzelnen Erinnerungsblitzen. Wir wissen auch nicht, ob sie ein, zwei oder drei Monate lang zu uns durfte.“

Wenn sie kam, erzählt Tatiana, habe sie die Kinder immer wieder ihre  Namen und Vornamen wiederholen lassen. „Vergesst eure Namen nicht, sagte sie, vergesst eure Namen nicht. Wie ungeheuer wichtig das war, haben wir erst nach dem Krieg verstanden. Ein anderes Mädchen aus dem Kinderblock hat ebenfalls überlebt. Aber bis heute weiß diese Frau  nicht, woher sie kam und wie sie heißt, wer ihre Eltern waren. Wir haben unsere Identität nie verloren, wir waren immer Andra und Tatiana Bucci. Andra weiß noch die Nummer auswendig, die sie ihr auf den Arm tätowiert haben, aber ich muss immer erst nachschauen.“

„Eines Abends kam unsere Mutter nicht mehr“, erzählt Andra, „wir haben sie für tot gehalten. Es mag merkwürdig erscheinen, aber wir haben nicht geweint. Das Leben ging weiter. Wir waren von Leichen umgeben. Nichts sprach dafür, dass sie nicht unter diesen Leichenbergen liegen würde. Die Mutter war tot, und das war normal. Eines Tages hat uns die ,blockova’ davor gewarnt, ja zu sagen, wenn man fragen würde, ob wir zu unserer Mutter wollten. Wir sollten nein sagen. Mit uns war unser Cousin Sergio aus Fiume deportiert worden, er war so alt wie meine Schwester und ein Einzelkind. Als sie dann kamen und uns die Frage stellten, zeigte Sergio auf. Er wurde aus Birkenau weggebracht mit weiteren 19 Kindern, neun Jungen und zehn Mädchen. Die Reise ging nach Hamburg. Es war der einzige Zug mit lebenden Häftlingen, der Birkenau verlassen hat.“

Sergio und die anderen Kinder trafen am 29. November 1944 im Konzentrationslager Neuengamme ein. Sie kamen dort in die „Sonderabteilung Heißmeyer“, wo sie der KZ-Arzt Kurt Heißmeyer mit Tuberkelbazillen infizierte. Den Dienst in der abgeschotteten Baracke versahen russische Häftlinge. Der Arzt injizierte die Bazillen in die Venen oder direkt in die Lungen der Kinder und entnahm ihnen die Lymphknoten an den Achseln. Der Verlauf der Tuberkulose wurde genau dokumentiert, von den verschiedenen Stadien wurden Fotos angefertigt. Am 20. April 1945, als die Alliierten Hamburg erreichten, wurden die Kinder in die ehemalige Schule am Bullenhuser Damm gebracht, wo man ihnen Morphin spritzte und sie anschließend im Keller an Wandhaken erhängte. Das älteste Kind war zwölf Jahre alt. Auch die Pfleger wurden umgebracht. Heißmeyer machte nach dem Krieg in der DDR als Arzt Karriere. Obwohl die Stasi über seine Vergangenheit Bescheid wusste, ließ sie ihn jahrelang unbehelligt. 1966 wurde er verhaftet, ein Jahr später starb er an Herzversagen. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte ihm im Gefängnis noch erlaubt, wissenschaftlich zu arbeiten.

„Von all dem haben wir erst in den achtziger Jahren erfahren“, sagt Andra. „Der deutsche Journalist Günter Schwarberg, der diese Verbrechen enthüllte, hatte es unserer Tante erzählt. Aber sie wollte es nicht wahrhaben. Bis zu ihrem Tod wartete sie darauf, dass es läuten und Sergio vor ihr stehen würde.“  Die Schwestern Bucci haben ihre Geschichte niedergeschrieben. Das Buch heißt „Meglio non sapere“ – es ist besser, nicht zu wissen.

Licia

Licia Cossetto, pensionierte Lehrerin, wurde einmal von ihren Kollegen angezeigt, weil sie im Unterricht die Geschichte ihrer Schwester erzählte. Vor gar nicht so langer Zeit, sagt sie, sei man in Italien noch der faschistischen Propaganda verdächtigt worden, wenn man daran erinnerte. Licia Cossetto stammt aus Santa Domenica. Das Dorf, das die Kroaten Labinci nennen, gehört zum sogenannten „roten Istrien“, benannt nach der „Terra rossa“, die die Felder glühen lässt, wenn die Sonne im Meer versinkt. Roter Bauxit ist hier aus der Verwitterung des tonhaltigen Kalkgesteins entstanden.

Licias Vater Giuseppe war Grundbesitzer und Eigentümer einer Bauxit-Lagerstätte, Podestà (Bürgermeister) und Ortssekretär der faschistischen Partei. Die Schwestern besuchten ein katholisches Internat in Görz, nur die Ferien verbrachten sie zu Hause. Im Sommer 1943 fuhr die 23 Jahre alte Norma mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf und sammelte Material für ihre Dissertation an der Universität Padua. Unter dem Titel „Das rote Istrien“ wollte sie die geologischen Besonderheiten dieses Teils der Halbinsel schildern. Noch herrschte in Istrien Ruhe. Am 25. Juli 1943 hatte der Große Rat des Faschismus Mussolini abgesetzt. Die Zeitungen begannen, vorsichtig Kritik am Regime zu üben. Einige besonders exponierte Faschisten setzten sich ab.

Am 8. September gab Italien den Waffenstillstand bekannt. Am selben Abend schlugen die Deutschen zu. Fast überall ließen sich die italienischen Soldaten widerstandslos entwaffnen. Am 9. wurde Triest besetzt, am 12. der Kriegshafen Pola, am 15. Fiume. Das Landesinnere von Istrien aber blieb der Welle der Gewalt überlassen, die nun von Kroatien über die Italiener hereinbrach. Der Zusammenbruch der italienischen Armee hatte den  Partisanenverbänden den Weg nach Westen frei gemacht. In Istrien sammelten sie zurückgelassene Waffen und Munition ein, hissten die kroatische Fahne und etablierten Volksbefreiungskomitees und Volksgerichtshöfe. Buchstäblich über Nacht hatte sich mit der militärischen auch die italienische Zivilverwaltung  in Istrien aufgelöst. Der Faschismus hatte jede Art von Opposition unterdrückt, jetzt hatten die Italiener keine politische Vertretung mehr und waren ohne Schutz.

Der Hass der vorwiegend slawischen Landbevölkerung gegen ihre Entrechtung und Italianisierung, die Gewalt und die Schikanen der Faschisten, die Arroganz der Oberschicht und der Städter entlud sich in einer Orgie der Gewalt. Jetzt wurden offene Rechnungen beglichen, Konkurrenten aus dem Weg geräumt, persönliche Gelüste befriedigt, sadistische Neigungen ausgelebt. Es wurde geplündert, gefoltert, gemordet und vergewaltigt.

„Die Partisanen“, erzählt Licia Cossetto, „nahmen sich, was sie wollten. Mitten in der Nacht stürmten sie in unsere Zimmer und schossen über unseren Betten, wir mussten für sie kochen und ihnen zu Trinken bringen. Das ging wochenlang so. Ende September führten sie Norma zum Verhör ab.  Sie wollten, dass sie sich als Jugoslawin bekennt. Norma weigerte sich. Zwei Tage später holten sie sie wieder ab,  damals habe ich sie zuletzt lebend gesehen. Mein Vater und ein Vetter machten sich auf, um sie zu suchen. Sie kehrten nicht mehr zurück. Auch mich führten sie ab, aber ein ehemaliger Klassenkamerad verhalf mir zur Flucht. Noch in derselben Nacht bin ich zu Fuß nach Triest aufgebrochen.“

Die Partisanen hatten sich ihrer Opfer in den Bauxitgruben und in den Foibe entledigt, den bis zu 300 Meter tiefen und nur wenige Meter breiten Spalten, Klüften und Schlünden im Kalkgestein. Meist banden die Partisanen ihre Opfer paarweise mit Draht Rücken an Rücken aneinander und trieben sie noch lebend in den Abgrund, schossen ihnen nach und warfen dann Handgranaten, um den Zugang zu verschütten. Als sie wieder abzogen, wurde Normas Leiche bei Villa Surani geborgen, einem Weiler nahe der Ortschaft Antignana (Tinjan). Sie hatte noch gelebt, als man sie in die Foiba warf. Ihre Hände waren hinter dem Rücken mit Draht gefesselt, beide Brüste wiesen tiefe Stichverletzungen auf und in der Vagina steckte ein Stück Holz. Eine Zeugin gab an, durch ein Fenster der Schule von Antignana gesehen zu haben, wie sie an einem Tisch gefesselt der Reihe nach vergewaltigt wurde, angeblich von 17 Partisanen. Stundenlang habe sie ihre Schreie gehört.

Die Ermittlungen endeten mit der Festnahme von sechs Männern, die eine Nacht lang mit der verwesten Leiche Normas in die Begräbniskapelle eines Friedhofs gesperrt  und am nächsten Morgen erschossen wurden. Das Martyrium Norma Cossettos wurde von der faschistischen Propaganda breit ausgeschlachtet. Der Terror vom Sommer 1943 war ein Vorspiel zu der Generalabrechnung im Mai und Juni 1945.  Mafalda Codan, eine Freundin der Cossettos, schleppten die Partisanen damals wochenlang von Dorf zu Dorf, wo sie als „Volksfeindin“ von der Menge bespuckt und verprügelt wurde. In Santa Domenica holten sie Normas Mutter aus dem Haus und zwangen sie, die Folterung mit anzusehen.

Rijeka, Birkenau, Santa Domenica. Meglio non sapere. Es ist besser, nicht zu wissen.

Was blieb von 1968?

Keine Generation hatte es so leicht wie die der Geburtsjahrgänge von 1945 bis 1955, und keine wurde so gnadenlos gefordert und geprüft wie die Generation ihrer Eltern. Der Unterschied zwischen den Lebenswelten derer, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufwuchsen, und jener, die in seiner zweiten Hälfte in die Welt gesetzt wurden, war enorm.

Mein Vater wurde fünf Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs geboren. Er hatte als Kind den Zusammenbruch des Habsburger Reiches erlebt, als junger Mann den mörderischen Klassenkampf der Ersten Republik, den Aufstieg des Nationalsozialismus, den „Anschluss“ und Hitlers Krieg. Als er aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, widmete er sich dem Wiederaufbau und der Wiederherstellung der österreichischen Souveränität.

Ich wurde sieben Jahre nach Kriegsende geboren. Anders als er wurde ich nie verfolgt, musste nie um mein Leben fürchten, litt weder Kälte noch Hunger. Ich durfte studieren, was ich wollte, und fand – das war damals noch die Regel – mühelos Arbeit. Das Fundament, auf dem meine Generation ihre Zukunft aufbauen konnte, war solid. Westlich des Eiserneren Vorhangs waren die Jahre von 1950 bis 1973 ein goldenes Zeitalter. Bei einer jährlichen Wachstumsrate von vier Prozent verdreifachte sich das Pro-Kopfeinkommen. Der Fleiß und die Sparleistung unserer Eltern, der technische Fortschritt, das wachsende Humankapital und der weltweite Handel hob den Wohlstand in einem Ausmaß, das Europa zuvor nur nach den napoleonischen Kriegen erlebt hatte sowie zwischen 1870 und 1913, in der Ära des klassischen Liberalismus, der Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Die Mangelwirtschaft der Nachkriegszeit war rasch überwunden worden. Die Wirtschaft boomte, die Nachfrage nach Arbeitskräften stieg, mit ihr die Löhne. Bald zogen Waschmaschinen und Kühlschränke, Elektroherde und Staubsauger, Musikschränke und Fernsehgeräte in die Haushalte ein. Im Urlaub fuhr man mit dem Kleinwagen an die Adria. Der Eintritt in den Arbeitsmarkt befreite die Frauen von ihrer ausschließlichen Bindung an Haushalt und Familie und revolutionierte das Verhältnis zwischen den Geschlechtern (damals gab es erst zwei) mindestens so nachhaltig wie die Antibaby-Pille, die 1960 erstmals zugelassen wurde. Sogar Fernreisen und ein Studium im Ausland rückten für Studenten in den Bereich der Möglichkeiten. Wir hielten es nicht nur für selbstverständlich, dass es uns künftig immer besser gehen würde, sondern auch, dass uns das „die Gesellschaft“ schuldete.

Je mehr wir hatten, desto höher wurden unsere Ansprüche. Dabei ging es nicht um Materielles. Konsum war nicht alles, wir wollten auf ihn nicht verzichten, er war alltäglich geworden, denn Güter waren im Überfluss vorhanden. Aber das kleine Glück unserer Eltern, das Einfamilienhaus mit Garten, das Auto und Urlaub am Meer reichte nicht. Wir beklagten die politische Apathie unserer Väter. Fleiß, Verantwortung, Sparsamkeit und Verzicht, alles Werte, die der Wiederaufbau erfordert hatte, widersprachen unserem grenzenlosen Glücksanspruch. Wir wollten eine neue, von allen lustfeindlichen Beschränkungen befreite Welt. „We can’t get no satisfaction“ war unsere heimliche Hymne, totale Selbstverwirklichung und weltweite Verbrüderung waren unser Ziel. Auf dem Weg dahin war alles erlaubt. Die neue Kampfmoral schloss Kompromisse aus. Der Verstoß gegen die herkömmliche Moral wurde geradezu obligatorisch. Die Jugendkultur der sechziger Jahre, mit ihrem Kult der freien Sexualität, der Exzesse und der Drogen, war so egozentrisch wie romantisch. Rasch wurde sie kommerzialisiert. Die Änderungen in der Werteskala, im individuellen Verhalten und im gesellschaftlichen Handeln hatte weitreichende Folgen. Äußerlich betrachtet blieb die Konstitution der bürgerlichen Gesellschaft intakt. Aber die seidenen Fäden, die siezusammengehalten hatten, hielten dem Druck nicht mehr stand. Die öffentlichen Institutionen blieben erhalten, aber nach und nach ging ihre bürgerliche Substanz verloren.

Als mein Vater 1966 starb, hatte ich gerade erst begonnen, mich in dieser Welt im Umbruch umzuschauen. Im Oktober 1958 war Pius XII. gestorben, mit ihm wurde das Ancien Régime in der katholischen Kirche zu Grabe getragen. Im Verlauf der nächsten zehn Jahren veränderte sie sich beinahe bis zur Unkenntlichkeit. An die Stelle der tridentinischen Messe trat liturgisches Experimentaltheater.  Nüchterne Volksaltäre wurden vor den prächtigen Hochaltären aufgestellt, denen die Priester nunmehr geradezu ostentativ den Rücken zuwandten, um den Bruch mit der katholischen Tradition zu verdeutlichen. Mit der „Pillen-Enzyklika“ Humanae vitae (1968) versuchte Paul VI., der mit der postkonziliären Krise nicht mehr fertig wurde, korrigierend einzugreifen.  Die Progressiven riefen zum ersten Mal offen zum Widerstand gegen den Papst auf. Der Wind, der sich unter Johannes XXIII. erhoben hatte, schwoll zu einem Sturm an. Noch bevor sie die Hochschulen erfasste, hatte sich die Kulturrevolution in der Kirche festgesetzt.

Es ist merkwürdig, dass die zahlreichen Bücher, die 50 Jahre nach 1968 erschienen, das Zweite Vatikanische Konzil und die postkonziliäre Wende entweder gar nicht oder nur am Rande erwähnen. Als sie am dringendsten gebraucht worden wäre, verzichtete die Kirche auf ihre Rolle als Gegenbild und Korrektiv gesellschaftlicher Fehlentwicklungen. 1968 wurde die Zeitschrift „Kritischer Katholizismus“ gegründet, um „Theorie und Praxis in Gesellschaft und Kirche“ zur Diskussion zu stellen.  Die kirchlichen Publikationen und Arbeitskreise dieser Zeit waren bald nur noch Durchgangsstationen auf dem Weg in den linken Radikalismus. Viele Achtundsechziger hatten sich in kirchlichen oder kirchennahen Vereinen – wie man damals sagte – „politisiert“. In den linksradikalen Zirkeln, denen ich mich als Student anschloss, waren Kinder aus katholischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Familien etwa gleich stark vertreten. Zwar hatten viele Nazi-Eltern, aber der Generationenkonflikt und der Protest gegen das „Beschweigen“ der NS-Vergangenheit spielten für uns damals eine weit geringere Rolle ein als gemeinhin angenommen wird. In den siebziger Jahren sollte es der als Antizionismus maskierte Antisemitismus den jungen Rebellen sogar noch erleichtern, sich mit der Vätergeneration zu versöhnen. Das heute übliche Spektakel „Antifaschisten gegen Nazis“ ist viel jüngeren Datums, es geht auf die Kampagnen gegen Kurt Waldheim und die Regierung Schüssel zurück. 1968 gab es die Nazis noch. Als es sie nicht mehr gab, musste man sie neu erfinden.

Den Radikalen meiner Generation ging es nicht nur oder auch nur vorwiegend gegen das Erbe des Nationalsozialismus, sondern um den Sturz des imperialistischen Kapitalismus und die sozialistische Revolution. Was zu tun sei, um die Gesellschaft zu verändern, glaubten wir zu wissen, wir hatten schließlich Adorno und Marcuse gelesen, bevor wir begannen, uns an Marx, Lenin, Trotzki oder Mao zu orientieren. Die Neue Linke war überall in Europa eine Minderheit, besonders in Österreich, da war sie ein Import aus Deutschland und eine Quantité négligeable.  Sie formierte sich Mitte der sechziger Jahre zuerst im sozialdemokratischen Milieu, darüber hinaus war ihr politischer Einfluss so gut wie bedeutungslos. Abgesehen von den Protesten der SPÖ-Jugend gegen die Blasmusik bei der 1.-Mai-Kundgebung am Wiener Rathausplatz und der aktionistischen Ferkelei im Hörsaal I verlief unser 1968 weitgehend störungsfrei. Die so sehr gepriesenen Reformen der Ära Kreisky in den 1970er Jahren (Bildung, Justiz, Familienrecht, Fristenlösung, Entkriminalisierung der Homosexualität) waren nicht dem Druck der Neuen Linken geschuldet, sondern dem Social Engineering und den säkularistischen Bestrebungen der sozialdemokratischen Modernisierung.

In anderen Ländern verlief das Jahr wilder. Doch weder die Berliner Krawalle, noch der Pariser Mai haben die kulturelle Wende herbeigeführt, die mit dieser Jahreszahl assoziiert wird. Wer das Gegenteil behauptet, verkehrt Ursache und Wirkung. Nicht die Linksradikalen haben die Gesellschaft verändert, sondern eine Gesellschaft in Veränderung franste zeitweilig an ihren linken Rändern aus. Im Pariser Mai gelang es den Studenten zwar ein paar Wochen lang, sich mit den Arbeitern zu verbünden, aber die Wahlen im Juni stärkten die Gaullisten. Die Arbeiter hatten bald verstanden, dass die radikale Studentenbewegung nicht aus Arbeitslosen und hungernden Intellektuellen bestand, sondern aus den verwöhnten Fratzen der Bourgeoisie.

In Deutschland kam ein solches Bündnis nicht zustande. Der SDS löste sich nach dem Attentat auf Dutschke 1968 auf. Aus der Konkursmasse ging die Baader-Meinhof-Bande hervor, die sich „Rote-Armee-Fraktion“ nannte. Im „roten Jahrzehnt“, den „bleiernen Jahren“, bildete sich eine rege Sympathisantenszene, auf die sie sich stützen konnte.  Prominente Linksintellektuelle, unter ihnen Jean-Paul Sartre, Hans-Magnus Enzensberger, Erich Fried und Heinrich Böll, schlossen sich ihr an. Klammheimlicher Sympathie erfreute sich die RAF in namhaften deutschen Medien, in denen sich das Deutungsmonopol der radikalen Linken rasch durchsetzte. In der Nachfolge des SDS entstanden leninistische, trotzkistische und maoistische Sekten, die zeitweilig Zehntausende an sich banden, aber fast ebenso rasch wieder verschwanden, wie sie sich gebildet hatten. Das kurze „rote Jahrzehnt“ implodierte bereits Ende der 1970er Jahre.

Seither haben viele ehemalige Achtundsechziger umgedacht und sind heute weitgehend immun gegen sozialistische Anwandlungen. Andere ordneten sich in den Mainstream der linken, linksliberalen und grünen Parteien ein. Sie legten den „revolutionären Kampf“ zu den Akten, bewahrten sich jedoch ihren Antikapitalismus und den Hass gegen Familie, Nation und Religion. Aus Marxisten wurden „Kulturmarxisten“. Diese Metamorphose begünstigte Karrieren in Schulen und Hochschulen, Medien und Kulturindustrie.  Bis heute verteidigen viele alte Achtundsechziger ihr Deutungsmonopol und ahnden jedweden Verstoß gegen eine „political correctness“, die um immer neue Denk- und Sprechverbote erweitert wird.  Sie sind die Hüter des neuen Konformismus. Längst treten sie nicht mehr für die Diktatur des Proletariats ein, aber zentrale Forderungen, die Marx und Engels 1848 im „Kommunistischen Manifest“ erhoben, sind auch die ihren: „starke Progressivsteuer“, „Abschaffung des Erbrechts“, „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol“, „öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder“.

Ihr festes Vertrauen in den starken Staat und in den Primat der Politik als Vehikel einer permanenten Revolutionierung der Lebenswelten, zu der auch die Förderung der Massenmigration gehört, macht sie zu natürlichen Verbündeten der globalen Eliten und der zentralistischen Bürokratien in den supranationalen Institutionen. Was die Moderne „Wandel“ nennt, nämlich „das immer schnellere Marschieren auf dem gleichen Weg in die gleiche Richtung“ (Nicolás Gómez Dávila), macht ihr Wesen aus. Was sie eint, ist die Anmaßung des Wissens, die arrogante Annahme, besser als alle anderen Bescheid zu wissen, wie die Geschichte zu einem guten Ende geführt werden könnte.

Doch stellen wir uns einmal vor, die Achtundsechziger hätten samt und sonders öffentlich Abbitte geleistet und der Kulturmarxismus wäre uns erspart geblieben. Wäre unsere Welt dann wesentlich anders? Gäbe es dann keine progressive Besteuerung mehr, kein Monopol der Zentralbank, keine permanenten Eingriffe in die Eigentumsrechte? Würde die Moral der Marktteilnehmer plötzlich den Versuchungen inflationärer Geldpolitik standhalten? Würde das Gesundheits- und das Bildungswesen privatisiert werden? Würden die traditionellen Familien die Patchworks ersetzen? Würde es weniger Scheidungen und weniger Abtreibungen geben? Würde die Geburtenrate steigen? Würden Selbstbestimmung und Selbstverantwortung an die Stelle sozialstaatlicher Gängelung treten? Würden sich die Kirchen wieder füllen?

Für die kulturellen Veränderungen, die in den 1960er Jahren einsetzten, gibt es in der Geschichte zahlreiche Parallelen.  Es ist wohl eine historische Gesetzmäßigkeit, dass die rasche Akkumulation von Reichtum und die damit einhergehenden Begehrlichkeiten jüngerer Generationen das gesellschaftliche Gleichgewicht zerstören und einen fortschreitenden Verfall der überkommenen Ordnung bewirken. Das Ende der Römischen Republik ist so ein Beispiel, die Erosion des Ancien Régime im Frankreich des 18. Jahrhunderts ein anderes. Nie ist es gelungen, das Rad zurückzudrehen und den Status quo ante wiederherzustellen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges lauschte ein chinesischer Mandarin dem leidenschaftlichen Vortrag eines linken belgischen Abgeordneten über die Französische Revolution. Am Ende schüttelte er den Kopf und sagte: „Ja, die Französische Revolution war ein großes Ereignis, aber sie ist immer noch zu neu. Man muss abwarten, wohin sie führt, um sie verstehen und beurteilen zu können.“ Der Mann hatte recht. Erst Jahrzehnte später, im Lichte der Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer Folgen, ließ sich die Französische Revolution verstehen und beurteilen. 1968 ist erst 50 Jahre her.