Hervorgehobener Beitrag

Das Grinsen der Cheshire-Katze

Vor den staunenden Augen der kleinen Alice im Wunderland verschwindet die Cheshire-Katze ganz langsam, vom Schwänzchen bis zur Nasenspitze, bis nur noch ihr Grinsen zu sehen ist. In einem brillanten Essay borgte sich Anthony de Jasay von Lewis Carroll dieses Bild, um einen Vorgang zu beschreiben, der sich vor unseren Augen tagtäglich in der realen Welt vollzieht: Eigentum wird in eine Vielzahl von Sonderrechten aufgeteilt, die dem Eigentümer durch politisch verfügte Auflagen, Regulierungen und andere Eingriffe nach und nach genommen werden, bis vom Eigentum nur noch eine leere Hülle übrig geblieben ist.

Es gehört zu den Paradoxien des Liberalismus, dass sein Engagement für individuelle Rechte,  auch wenn es von den allerbesten freiheitlichen Absichten geleitetet wird, nicht weniger zur Ausweitung der Staatstätigkeit und zur Beschränkung der Freiheit beiträgt als der sozialistische oder nationalistische Kollektivismus, denn die Rechte der einen sind stets Verpflichtungen der anderen. Jede Veränderung von Rechten,  die nicht durch einen Tauschvertrag, sondern durch eine „kollektive Wahlhandlung“ bewirkt wird, ist nichts anderes als eine unter impliziter Androhung von Gewalt erfolgende staatliche Umverteilung. Es ist ein Jammer mit dem Liberalismus, sagt de Jasay, denn der Versuch, unvereinbare Ziele unter einen Hut zu bringen, habe zu einer „heillosen Verwirrung“ geführt, unter der er mehr leidet als jede andere Ideologie, die sozialistische inbegriffen.

Anthony de Jasay  ist der große Einzelgänger unter den politischen Philosophen, der radikalste  der radikalen Individualisten. Akademische Literatur ignoriert er mit souveräner Unbefangenheit. Er liest kaum noch und zitiert nur selten, er denkt und schreibt. Die Verwandtschaft seiner politischen Theorie mit der libertären Schule Murray Rothbards und Hans-Hermann Hoppes, die auf den österreichischen Nationalökonomen Ludwig von Mises aufbaut, ist eng. Beide Theorien gelangen zu dem gleichen Ergebnis, nämlich der Überlegenheit einer privatrechtlich „geordneten Anarchie“ gegenüber dem Staat, allerdings ganz unabhängig voneinander und auf unterschiedlichen Wegen. Mit Mises hat sich de Jasay nie näher befasst. Überhaupt hält er wenig von der ökonomischen Wissenschaft. Sie lehre zwar das Denken, bemerkte er einmal, aber ihr Gegenstand sei ziemlich belanglos. In den fünfziger Jahren hatte er sich als Fellow am Nuffield College in Oxford noch mit Problemen der Risikotheorie  beschäftigt.  „Lösen konnte ich sie ebenso wenig wie alle anderen,“ sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung, „aber ich veröffentlichte immerhin ein paar gelehrte Artikel in prestigeträchtigen Zeitschriften, um meine Existenz zu rechtfertigen“.

In Oxford, damals eine Hochburg des Keynesianismus, fühlte sich der junge Ökonom nicht am rechten Platz. 1962 gab er seine akademische Karriere auf und ging nach Paris, wo er als Finanzdienstleister für europäische und amerikanische Banken tätig war. Einträgliche Spekulationen ermöglichten es ihm, sich 1979 mit seiner Frau Isabelle in ein Haus in der Normandie zurückzuziehen. Sechs Jahre später veröffentlichte er sein grundlegendes Werk „The State“, das zwei Neuauflagen erleben und in mehrere Sprachen übersetzt werden sollte. Der Autor war damals bereits 60 Jahre alt. Sein Vermögen schwand so rasch, wie es ihm zugeflogen war. Seit Jahren fast völlig erblindet, lebt der große alte Mann der libertären Vernunft heute in Armut. Er ist auf die Honorare angewiesen, die ihm seine Essays sowie die Vorträge einbringen, die ihn mal nach Wien, mal nach Zürich und St. Gallen führen. Es ist ein intellektueller Hochgenuss, ihm zuzuhören, wenn er in freier, druckreifer Rede Schritt für Schritt seine Gedanken entwickelt. Von Generation zu Generation sei seine Familie immer ärmer geworden,  erzählte er nach einem so Vortrag in Wien einmal bei Rotwein und Hortobágyi-Palatschinken. Jetzt sei der Endpunkt erreicht, noch ärmer geht nicht.

Anthony de Jasay, recte Jászay Antall, geboren am 15. Oktober 1925, entstammt einer Familie des ungarischen Landadels. In der Doppelmonarchie hatten die Jászays  Grundbesitz und dienten Kaiser und König als Kavallerie-Offiziere. Nach dem ersten Weltkrieg konfiszierte der tschechoslowakische Staat die Güter aus der Erbschaft seiner Mutter in der Slowakei (vormals Oberungarn), nach dem zweiten enteigneten die Kommunisten den väterlichen Besitz in Ungarn und in der Karpato-Ukraine. Vergeblich hatte sich der junge Antall auf die Führung eines landwirtschaftlichen Betriebes vorbereitet. „Leute wie du werden in diesem Lande niemals eine Stelle bekommen“, beschied ihm ein kommunistischer Funktionär.

1948 flüchtete er nach Österreich, von dort zog er nach erst nach Australien, dann nach England, schließlich nach Frankreich. Jászay Antall mutierte zu Anthony de Jasay, aber die Erinnerung an das selbstgefällige, feiste Gesicht des kommunistischen Funktionärs, die Grimasse des Staates, verließ ihn nicht. Seiner glasharten, jeglicher Sentimentalität entkleideten Analyse zufolge unterscheidet sich das demokratische vom kommunistischen Regime nicht grundsätzlich, sondern nur graduell: je mehr Staat, desto weniger Freiheit. Ohne die rettenden Inseln des Privaten ist das Individuum der Macht ausgeliefert, ob diese nun demokratisch zustande kommt oder mit diktatorischen Mitteln.

Die eigene Erfahrung in Ungarn und die Ereignisse in Polen in den frühen achtziger Jahren, als die Armee das eigene Land besetzte, weil die Ablehnung des Regimes durch die Bevölkerung nahezu einhellig war, motivierten ihn zu seinem ersten Buch. Es ging ihm darum, den Staat als die „wahre Natur der politischen Macht“ zu ergründen, die „den Weg diktiert, wie sich Regierungsformen entwickeln, statt sich von ihnen diktieren zu lassen.“ Fernab der Macht wie einst Machiavelli nach der Flucht aus Florenz begann Anthony de Jasay in der Normandie sein zweites Leben im Zeichen der politischen Philosophie.

James Buchanan, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften (1986),  war der erste, der seine Bedeutung erkannte. In „The State“ habe de Jasay eine „umfassende dynamische Theorie des Staates“ vorgelegt, schrieb er 1986 in einer Rezension.  Buchanan teilte seine Ansicht, dass es „eine monumentale Torheit“ wäre, das Eigeninteresse des Staates und seiner Agenten zu ignorieren. Er gab sogar zu, dass die allenthalben feststellbare Zunahme politischer Intervention dem Modell des Autors entspricht, setzte seine Hoffnung aber dennoch auf eine konstitutionelle Beschränkung des Umfangs der Staatstätigkeit. Buchanans amerikanischer Optimismus rebellierte gegen den europäischen Pessimismus des ungarischen Emigranten, in dessen Werk sich die historische Katastrophe des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Dabei trägt De Jasay seine Gedanken mit dem  Esprit eines Frédéric Bastiat vor, gefiltert durch Sprachkritik und Ironie der in Weltuntergängen erfahrenen mitteleuropäischen Intelligenz . Gegen die  liberalen Konstitutionalisten gewendet vergleicht er das Grundgesetz, das dem Staat vermeintlich wirksame Grenzen setzt, mit einem Keuschheitsgürtel. Zu dem gebe es immer einen Schlüssel, und sollte der einmal verloren gehen, ist ein Schmied zur Stelle, um der Natur ihren Lauf zu lassen. Hier trifft sich De Jasay mit Carl Schmitt, der aus entgegengesetzter Richtung zum gleichen Ergebnis gelangte.

De Jasay verschont auch nicht die prominentesten Vertreter des modernen Liberalismus. Karl Popper, der  staatlichen Schutz für die Schwachen forderte, wirft er vor, durch den Gebrauch unendlich elastischer Adjektive wie „schwach“, „stark“ und „ungleich“ praktisch jeder  politischen Intervention das Tor zu öffnen; an Friedrich August von Hayek kritisierte er unter anderem, dass er nur den Staat für fähig hielt, wünschenswerte öffentliche Güter, zum Beispiel Sicherheit, zu produzieren, und ihm dabei keine Grenzen setzte.

Ist Anthony de Jasay ein Anarchist? „Ja“, sagte er einmal, „aber das heißt nicht, dass ich Anarchie hier und jetzt für möglich hielte.“ Er steht jenen, die mit privatrechtlichen Verträgen gesellschaftliche Ordnung herstellen wollen, weit näher als den Minarchisten, die darauf hoffen, die Staatstätigkeit auf ein Minimum beschränken zu können. Für politisch realisierbar aber hält er weder das eine noch das andere. Als politische Kraft ist der Liberalismus verschwunden. Geblieben ist die feiste Grimasse des Staates.

 

 

Wenn ein Dach brennt, stürzt nicht gleich die Kirche ein « DiePresse.com

In einem Artikel für „Le Figaro“ (16. 8. 1904) beklagte Marcel Proust, ein Agnostiker, den „Tod der Kathedralen“. Er stellte sich darin vor, wie Jahrhunderte nach dem Ende des Katholizismus Schauspieler die katholische Liturgie mimen würden, um dem Publikum die verloren gegangene Bedeutung der Sakralbauten vor Augen zu führen. Die Kathedralen, schrieb er, seien nicht nur die „schönsten Monumente unserer Kultur“, sondern auch „die einzigen, die noch ein ganzheitliches Leben führen, die im Zusammenhang mit dem Zweck verblieben sind, zu dem sie geschaffen wurden“. Die „Verstümmelung all der Statuen, die Zertrümmerung all der Glasfenster, die die Revolution unseren Kirchen zugefügt hat“ seien nichts im Vergleich mit ihrer Zweckentfremdung, denn „wenn das Opfer von Christi Fleisch und Blut nicht mehr in den Kirchen zelebriert wird, werden sie ohne Leben sein“.

Das Entsetzen, das der Brand in Europa hervorgerufen hat, zeigt, wie tief das Christentum selbst die wildesten Atheisten geprägt hat. Aber die Bindekraft des Katholizismus lässt nach. Proust konnte nicht ahnen, dass der Glaube einmal nicht nur unter dem Staat, sondern unter der Kirche selbst leiden würde. Modernistischer Furor hat sogar die ihm vertraute Liturgie aus den Kathedralen verbannt.
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Remembering Anthony de Jasay (1925-2019)

The enormous contribution of Hungarians to humanities and the social sciences is still widely underestimated. Aurel Kolnai and Michael Polanyi, to mention just two of them, are still barely known in the U.S. and even less in continental Europe. A similar case is that of Anthony de Jasay, born 15 October 1925 as Jászay Antall in Aba, in the district of Székesfehérvár. He never belonged to any intellectual school. He was the great loner among the political philosophers of the 20th century, and the most radical among the radical individualists.

Preferring to think and write for himself, he mostly ignored the academic literature. He did not think too highly of economics. Although as a young man he had himself dealt with problems in the theory of risk, Jasay once remarked that economics could teach thinking — but its outcome would be feeble. About his own contribution to the “dismal science” he said that he, like anybody else, could not solve the problems — but at least he published some learned articles in prestigious journals to justify his own existence.

“My family became poorer and poorer in the course of history,” he told me, “and I had no [better] luck either.” This is quite a common complaint among the many Central European intellectuals of Jasay’s generation. In the Habsburg Empire, his ancestors were landowners who served the Emperor and King as cavalry officers. After World War I, the new Czechoslovakian state confiscated Jasay’s mother’s considerable inheritance in Slovakia; after World War II, the Communists nationalized his father’s property in Hungary and in the Carpathian Ukraine. In vain the young Antall had prepared for running a rural enterprise. To his dismay, a communist functionary informed him that “people like you will never get a job in this country”.

In 1948 Jasay fled to Austria, making his way to Australia first, then to England, and finally to France. Jászay Antall became Anthony de Jasay, but the memory of the feisty, self-indulging face of the communist functionary, the grimace of the state, haunted him ever since. In his crystal-clear analyses, he diagnosed without sentimentality that democratic and communist regimes are not categorically but only gradually distinct along the same spectrum: the larger the state, the less liberty. Without private spheres, the individual is a victim of the powers that be — whether they are constituted democratically or dictatorially.

Up at Oxford — at that time a citadel of ‘Keynesianism’, the young economist felt out of place. In 1962 he gave up on academia and went to Paris where he worked as financial advisor to European and American banks. Profitable investments enabled him to retire, with his wife Isabelle, to a house in Normandy in 1979. There, far away from real power (like Machiavelli after his flight from Florence), Anthony de Jasay began his second life.

His own experience in communist Hungary and the events in Poland in the early 1980s inspired him to write his first book, The State (1985), in which he explored the very substance of political power. The State has been translated into several languages and has been reprinted at least twice since then. James Buchanan, the 1986 Nobel Prize laureate in economic sciences, was the first to recognize its importance.

Buchanan shared Jasay’s view that it would be a folly of monumental proportions to ignore the self-interest of the state and its agents. He admitted that the increase of political interventions corroborates the author’s hypothesis, yet he still placed his hopes on setting constitutional limits to the state. Buchanan’s American optimism clashed with the European pessimism of the Hungarian expatriate whose work mirrored the historical catastrophes of the 20th century. Jasay did not believe that in the long run constitutionalism could effectively constrain the state. He compared the constitution to a chastity belt, whose key is held by the lady. Even if she lost the key, she could always find a locksmith to open the belt – and then let nature take its course.

“The outcomes a given political system produces depend not only on the system itself but on the kind of people and the kind of historical conjuncture to which it is applied,” wrote Jasay in one of his essays, “The Best of the Worst”, in 2010. Democracy does not offer the best combination of good and bad; it is the only system “whose worst possible outcome is better than the worst possible” outcome of any other system.

In a way, Anthony de Jasay was an anarchist, though he did not believe that anarchy would be possible here and now. He was closer to those who seek to create ‘social order’ through private contracts than to the so-called ‘minarchists’ who hope to restrict state activity to a minimum. But he believed that neither goal was politically realistic.

It is one of the paradoxes of liberalism that its engagement to strengthen individual rights — even if carried out with the best intentions — contributes as much to the growth of state activity (and to the restriction of liberty) as socialist and nationalist collectivism. After all, ‘duties’ are the downside of ‘rights’. Any change in rights that is not based on free contract and the mutual exchange of agreements but is imposed by a “collective choice act” is nothing but state-sponsored redistribution (backed by the implicit threat of the coercive power of the state). Jasay felt pity for liberalism and its futile effort to pursue incompatible aims simultaneously.

Due to this effort, liberalism suffers from a greater confusion than any other ideology, including socialism. Although he had not read Carl Schmitt, let alone Pierre Manent or Jean-Claude Michéa, Jasay’s contributions to the critique of liberalism was at least as valuable as theirs — and no less radical.

In his work, Jasay did not spare even the most prominent figures of modern liberalism. He accused Karl Popper — who demanded that the state should protect the weak — of making use of infinitely elastic words like “weak”, “strong”, and “unequal” in ways that opened the door to practically any political intervention. His criticism of Friedrich August von Hayek was equally pronounced in that he rejected Hayek’s  assumption that only the state could produce desirable public goods like safety without considering the need to impose limits on this process.

In one of his most brilliant essays, Jasay borrowed Lewis Carroll’s image of the ‘Cheshire cat’ gradually disappearing from his tail to the tip of its nose, until only its grin remained, to characterize a process that is happening every day and in full sight: that of a ‘property’ being sliced up into numerous ‘special rights’, which are then, through political restrictions, regulations, and other impositions, gradually withdrawn from the holder of the property — until nothing remains of the property but its empty hull.

Already when The State came out, its author’s fortunes were dwindling as swiftly as they had come to him. He lost his sight because of medical error. He earned a living by writing essays and giving lectures. This brought him regularly to Vienna, as well as Zurich and St. Gallen. It was an enormous pleasure to listen to him as he developed his thoughts in open conversation, step-by-step, as if he were writing in print. Jasay presented his thoughts with the esprit of Frédéric Bastiat, added to it a critique of the abuses of language, and added a measure of that ironic distance that characterizes Central European intellectuals — particularly those who survived the horrors of Hitler’s and Stalin’s totalitarianism.

Anthony de Jasay died on 23 January 2019.

Karl-Peter Schwarz worked as a political correspondent for the Frankfurter Allgemeine Zeitung before he retired. He was a friend of Anthony de Jasay for many years.

europeanconservative.com/2019/04/anthony-de-jasay-1925-2019/

Sellner und Ziegler haben mehr gemeinsam, als man glaubt

Die Front der Links- und Rechtsradikalen gegen Kapitalismus und Globalisierung wäre perfekt, gäbe es nicht den Streit über Multikulti und Massenmigration.

Eine Liste verpönter Begriffe, die täglich länger wird, ist die Arbeitsgrundlage der professionellen Gesinnungsschnüffler und Meinungsrichter in Politik und Medien. Geschnüffelt wird nach rechtem Mief und braunen Flecken. Wer einmal als „rechts“ abgestempelt ist, scheidet aus der Debatte aus, weil man mit „Rechten“ nicht zu reden braucht. Während „linke Unsäglichkeiten bis ins extreme Spektrum hinein vielfach auch im bürgerlichen Lager als schräg-sympathische subkulturelle Blüten belächelt werden“, werde der „Kampf gegen rechts“ bewusst diffus gehalten. „Rechts“ sei der „Sammelbegriff für das gesamte Spektrum zwischen Lebensschützern und überzeugten Nationalsozialisten“, schreibt Ralf Schuler („Lasst uns Populisten sein: Zehn Thesen für eine neue Streitkultur“, Herder, 2019): „Was nicht selbst ,Nazi‘ ist, gilt zumindest als Wegbereiter, geistiger Brandstifter, fruchtbarer Schoß oder Anfang, dem man wehren muss.“ Für dieses Meinungsklima, meint Schuler, sei letztlich weniger die Angriffslust der Linken als die Schwäche der Bürgerlichen verantwortlich.

Gibt es zu viele „Nazis“? Möglich. Ganz sicher aber mangelt es links wie rechts an libertärer Vernunft.

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Theresa May und die wilden Tänze an den Rändern der Union

Doublebind, das; -[s], -s: Laut „Duden“ eine „Verwirrung und Orientierungslosigkeit hervorrufende Beziehung“. Wird zurzeit im britischen Unterhaus getestet.

Was wollen die Briten? Die Frage drängt sich auf angesichts des Chaos im Unterhaus, aber sie ist falsch gestellt, weil die Antwort längst feststeht. Am 23. Juni 2016 stimmten 51,9 Prozent in einem Referendum gegen den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union und 48,9 Prozent dafür. Nicht „die Briten“ wissen nicht, was sie wollen, sondern ihre Premierministerin, ihre Regierung und die meisten Parlamentarier tun, was sie können, um den Brexit zu revidieren oder bis zur Bedeutungslosigkeit aufzuweichen. Theresa May liefert ein klassisches Beispiel für Gregory Batesons Doublebind-Theorie. Sie behauptet, den Volksentscheid zu vollstrecken, während sie ihn in Wirklichkeit nach Kräften boykottiert.

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Der Krieg gegen die Sprache zeugt vom Chaos in den Köpfen

Im Muff der Behörden, Schulen und Hochschulen gedeiht die aggressive Ideologie des Sprachgenderismus. Der Schaden, den sie der Sprache zufügt, ist enorm.

Es vergeht kein Tag, ohne dass der Zeitgeist eine Sau durchs Dorf treibt. Eine Folge davon ist, dass die Grenze zwischen Ernst und Satire verblasst. Immer öfter schwant dem Leser bei der Lektüre von Zeitungen, insbesondere beim Klicken durch Tweets und Postings, dass er nicht mehr weiß, ob er den Kakao, der ihm da serviert wird, stehen lassen oder trinken soll. Manchmal hofft man, es möge sich um eine Satire handeln, etwa beim Manifest „Kinderfrei statt kinderlos“ der deutschen Lehrerin Verena Brunschweiger. Aber nein, ihre Fortpflanzungsverweigerung ist dermaßen humorbefreit, wie es nur eine enragierte Feministin zustande bringt.

Ein Schelm hingegen ist der irakische Schriftsteller Abbas Khider. Er lebt seit 19 Jahren in Deutschland und beherrscht die deutsche Sprache so perfekt, dass er sich eine migrantenkompatible Rundumvereinfachung ausgedacht hat („Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch“, Hanser 2019). Das sieht dann so aus: „Ali Baba ist sehr glucklich, weil er kann verzichten jetzt auf de Verb an de Ende von de Nebensatz.“ Scherz, Satire, Ironie oder tiefere Bedeutung? Wohl Satire, aber kann man sich dessen wirklich sicher sein? In den 1990er-Jahren wurde die sinnlose Rechtschreibreform mit dem Argument oktroyiert, die Schüler machten zu viele Fehler.

Kommt man uns bald damit, dass Deutsch für die Zuwanderer zu schwer ist?

Aber vielleicht ist es eh schon zu spät. Die Stadt Berlin sucht „Wahlhelfende“ für die Europawahl. Die Universitätsstadt Gießen sucht „Mülllader*in (m/w/d)“ (so steht’s im Rundschreiben der Stadtverwaltung). In die Hochschulen sind „Studierende“ und „Dozierende“ eingezogen. Der Gender-Gaga verbreitet sich rasant in allen Institutionen, die vor dem Zugriff durch den gesunden Menschenverstand geschützt sind. Werden sich bald auch die Zeitungen an Sie als „Leser*in (m/w/d)“ wenden?

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